Verbreitete Krankheit in Europa Die Migräne kam mit der Kälte

In nördlichen Breiten leiden mehr Menschen unter Migräne als in südlichen. Forscher haben dafür jetzt eine mögliche Erklärung gefunden: Sie hat mit dem Auswandern unserer Vorfahren aus Afrika zu tun.
Migräne (Symbolbild)

Migräne (Symbolbild)

Foto: Oliver Killig/ dpa

Stress, Hormonschwankungen oder bestimmte Lebensmittel: Die Auslöser für eine Migräneattacke sind vielfältig und noch nicht umfänglich wissenschaftlich geklärt. Eine Studie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig könnte nun jedoch wichtige Hinweise für eine Ursache der anfallartigen Kopfschmerzen liefern.

Im Fachmagazin "Plos Genetics"  berichten Forscher, dass eine genetische Variante, die eine wichtige Rolle bei der Anpassung an kälteres Klima spielt, auch mit Migräne in Verbindung gebracht wird. Mit anderen Worten: Als unsere Vorfahren den warmen afrikanischen Kontinent verließen und sich auch in kälteren Gefilden niederließen, half ihnen ein bestimmtes Gen, sich an die neuen Wetterbedingungen anzupassen - und führte offenbar gleichzeitig dazu, dass sie anfälliger für Migräne wurden.

Häufige neurologische Krankheit

Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit zahlreichen möglichen Symptomen, die von Lichtempfindlichkeit und Sehstörungen über Übelkeit und Erbrechen bis hin zu pulsierenden, halbseitigen und heftigen Kopfschmerzen reichen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht Migräne an sechster Stelle der am schwersten beeinträchtigenden Erkrankungen des Menschen, pro Tag haben allein in Deutschland rund eine Million Menschen mit Migräneattacken zu kämpfen.

Erst Ende April hatten die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft neue Leitlinien zur Behandlung  von Migräne vorgestellt. Dabei gaben sie an, dass in Deutschland etwa 8 bis 10 Prozent der Männer und 10 bis 25 Prozent der Frauen an Migräne leiden. In der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen nehme Migräne unter allen neurologischen Krankheiten gar den ersten Platz ein.

In Europa und Amerika ist Migräne stärker verbreitet

Global sollen über eine Milliarde Menschen betroffen sein, wobei es im Weltbevölkerungsvergleich Unterschiede gibt: In Europa und Amerika ist Migräne stärker verbreitet als in Afrika oder Asien.

Eine mögliche Erklärung dafür liefert das Team um den Evolutionsgenetiker Felix Key vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. So gab es in den vergangenen 50.000 Jahren verschiedene Wanderungsbewegungen, in deren Verlauf Menschen aus Afrika in die kälteren Breitengrade Europas und Asiens umsiedelten.

"Diese Wanderungen könnten durch genetische Anpassungen begleitet worden sein, die den frühen Menschen halfen, mit den niedrigeren Temperaturen umzugehen", erläutert Genetikerin Aida Andres vom University College London, die ebenfalls an der Studie beteiligt war.

Anpassung an Kälte beeinflusst Migränehäufigkeit

Zur Überprüfung dieser Vermutung nahmen die Wissenschaftler das Gen TRPM8 in den Fokus. Das Gen dient als Bauanleitung für einen Kälterezeptor, der Menschen erlaubt, mit kühlerem Wetter besser umzugehen. Sie entdeckten, dass eine Variante jenes Gens in den vergangenen 25.000 Jahren bei Bevölkerungsgruppen im Norden immer häufiger wurde.

Dazu passt, dass den Forschern zufolge nur fünf Prozent der Menschen mit nigerianischen Vorfahren über diese Genvariante verfügen, aber 88 Prozent der Menschen mit finnischer Abstammung. Insgesamt nehme der Anteil der Menschen mit dieser Genvariante in höheren Breitengraden und mit kälterem Klima zu. Eben jene Variante wurde von Forschern aber bereits mit Migränekopfschmerzen in Verbindung gebracht.

So vermuten die Autoren der Studie, dass die Anpassung an kalte Temperaturen früherer menschlicher Populationen bis zu einem gewissen Grad bis heute beeinflusst, wie häufig Migräne aktuell in den jeweiligen Regionen vorkommt. Die Untersuchung zeige, wie der evolutionäre Druck der Vergangenheit die heutigen Veranlagungen der Menschen beeinflusst haben könne, erklärt Key.

jme/dpa