Missbildungen Wieso Contergan so verheerend wirkte

Es war der größte Arzneimittelskandal der Geschichte - seit dem Contergan-Desaster in den sechziger Jahren rätseln Forscher über die schädliche Wirkung der Substanz Thalidomid. Jetzt haben sie einen wichtigen Teil des gefährlichen Mechanismus entschlüsselt. Und setzen neue Hoffnung auf den Stoff.
Von Cinthia Briseño
Contergan-Opfer: "Schlimmstes Unglück in der Geschichte der Arzneimitteltherapie"

Contergan-Opfer: "Schlimmstes Unglück in der Geschichte der Arzneimitteltherapie"

Foto: © Reuters Photographer / Reuters

In den Jahren 1957 bis 1961 passiert im Mutterleib von etwa 10.000 schwangeren Frauen in aller Welt etwas Furchtbares. Eine chemische Substanz mit der Summenformel C13H10N2O4, bekannt als Thalidomid, greift in den Entwicklungsprozess der Embryos ein. Und richtet dadurch unwiderrufbaren Schaden an. Als die Kinder zur Welt kommen, haben sie verstümmelte Arme, Beine oder Ohren. Bei manchen sind die Missbildungen so schwer, dass sie kurz nach der Geburt sterben.

"schlimmsten Unglück in der Geschichte der modernen Arzneimitteltherapie"

Bald sprechen Wissenschaftler vom . Die Schwangeren hatten gegen morgendliche Übelkeit das Medikament Contergan genommen, ein vermeintlich harmloses Schlafmittel. 3,90 D-Mark kostet eine Schachtel, rezeptfrei ist sie zu haben.

Es dauert nicht lange, bis Mediziner herausfinden, dass der darin enthaltene Wirkstoff Thalidomid die Fehlbildungen verursacht. Ende 1961 wird das Medikament vom Markt genommen, 1968 beginnt das Gerichtsverfahren gegen leitende Mitarbeiter des Herstellers Grünenthal, zwei Jahre später wird es eingestellt.

Seither rätseln Forscher, warum Thalidomid Missbildungen verursacht.

Thalidomid blockiert ein wichtiges Protein

Jetzt haben sie neue Hinweise darauf gefunden: Im Wissenschaftsmagazin " Science " berichtet das japanische Forscherteam um Hiroshi Handa, wie der Wirkstoff bei Embryos die Schädigungen einleitet. Die Wissenschaftler haben entdeckt, dass das Eiweißmolekül Cereblon (CRBN) an Thalidomid bindet.

Das Problem: Thalidomid blockiert Cereblon, so dass das Protein seine eigentliche Aufgabe nicht mehr ausführen kann. Normalerweise bildet Cereblon mit zwei weiteren Proteinen - DDB1 und Cul4A - einen Komplex, der im Entwicklungsstadium des Embryos für die Ausgestaltung der Extremitäten notwendig ist. Außerdem aktiviert dieser Komplex die Bildung des Wachstumfaktors Fgf8, der bestimmte Gewebetypen wachsen lässt.

Die Effekte des gestörten Protein-Komplexes beobachteten die Forscher in Hühner- und Zebrafisch-Embryonen. Mit gentechnischen Methoden veränderten die Wissenschaftler das Cereblon in den Embryonen derart, dass es nicht mehr in der Lage war, Thalidomid zu binden. Anschließend ließen sie sie in Anwesenheit der Substanz heranwachsen. Das Ergebnis: Die Tiere entwickelten sich vollkommen normal. Missbildungen der Extremitäten blieben aus.

Ob die Forschungsergebnisse allerdings auch auf den Menschen übertragbar sind, bleibt unklar. Handa und seine Kollegen erhoffen sich von ihren Ergebnissen, eines Tages sichere Thalidomid-Formen entwickeln zu können. Denn das pharmazeutische Schreckgespenst hat auch positive Wirkungen, die vielen Menschen helfen.

Thalidomid als Medikament gegen Lepra und Krebs

Seit mehr als zehn Jahren wird das Medikament zum Beispiel erfolgreich bei der Therapie von Lepra-Kranken eingesetzt. Schon 1964 hatte man herausgefunden, dass Thalidomid auch gegen Entzündungen wirkt und sich die Geschwüre der Erkrankten deshalb deutlich zurückbilden. Allerdings kam Thalidomid danach wieder in Verruf  - denn als man vor allem in Ländern wie Brasilien und Kolumbien schwangere Lepra-Kranke damit behandelte, häuften sich erneut die Fälle von Babys mit Fehlbildungen.

1998 entschied die US-Arzneimittelaufsicht (Food and Drug Administration, FDA), ein Thalidomid-haltiges Medikament der Firma Celgene zur Behandlung des Erythema Nodosum Leprosum zuzulassen - einer besonders schweren Verlaufsform der Lepra. Allerdings unterliegen Vergabe und Einnahme des Medikaments strengen Kontrollen und Auflagen. Vertrieben wird es innerhalb des Programms "System for Thalidomide Education and Prescribing Safety", bei dem lediglich registrierte Ärzte und Apotheken das Medikament mit dem Handelsnamen Thalomid verschreiben und herausgeben dürfen.

Auch bei der Behandlung des multiplen Myeloms, einer schweren Form von Blutkrebs, hat sich Thalidomid als nützlich erwiesen. 2003 wurde es dafür in Australien und Neuseeland zugelassen; 2006 erteilte die FDA die Zulassung in den USA. Wissenschaftler hatten schon vor einigen Jahren entdeckt, dass der Wirkstoff das Wachstum von Blutgefäßen hemmen kann. In der Onkologie setzt man große Hoffnungen auf solche Substanzen, denn sie schneiden die Blutzufuhr von Tumoren ab und lassen Krebswucherungen so quasi verhungern - für die Pharmaindustrie sind sie ein wichtiger Wachstumsmotor.

Im vergangenen Jahr entdeckten Wissenschaftler den Mechanismus dieser sogenannten antiangiogenen Wirkweise von Thalidomid. Während der Entwicklung des Embryos bilden sich die Blutgefäße zu komplexen Netzwerken aus. Ständig werden neue Abzweigungen aus älteren Blutgefäßen herausgebildet. Die Forscher stellten fest, dass genau dieser Prozess durch die Substanz gestört wird, weil unreife Blutgefäßverästelungen empfindlich auf Thalidomid reagieren.

Handa und seine Kollegen räumen ein, dass ihre neuen Erkenntnisse allein nicht die Wirkung von Thalidomid erklären. Vielmehr handle es sich vermutlich um eine ganze Kaskade von Abläufen, die Thalidomid in Gang setze beziehungsweise eine Reihe von zellulären Prozessen, die der Wirkstoff beeinflusse, schreiben die Forscher im "Science"-Bericht.

Bis die Wissenschaft aber ein sicheres, nebenwirkungsfreies Thalidomid oder ungefährliche Thalidomid-ähnliche Substanzen hervorbringt, dürfen Schwangere unter keinen Umständen damit behandelt werden.