SPIEGEL TV

Gefährliches "Wundermittel" MMS Wenn Quacksalber für giftige Chlorbleiche werben

Früher Goldgräber, jetzt Wunderheiler: Jim Humble will Menschen mit Chlordioxid gesund machen. Er behauptet, sein Mittel helfe gegen Aids, Krebs, Herpes, Demenz. Der Mann, früher bei Scientology, war der Star einer Esoterikmesse in Hannover.
Von Nicola Kuhrt und Silvio Duwe

"Sie müssen ihr Vorstellungsvermögen ausdehnen! Wir sind die Gruppe! Wir sind gekommen, um die Welt zu verändern!" Jim Humble hat sich warm geredet. In breitem Amerikanisch erzählt er die Geschichte, wie er als Goldgräber die angeblich wundersame Wirkung seines "Miracle Mineral Supplements" (MMS) entdeckte. Damals, im Dschungel von Südamerika habe er erst Erfolg bei Malaria-Kranken gehabt. In Tansania habe er dann gelernt, dass er den "stabilisierten Sauerstoff" aktivieren muss. Mehr als 800 Menschen habe er damals geheilt.

Ohne Pause berichtet Humble von seinen Wundertaten, mit großen Schritten überquert er die Bühne des Kuppelsaals im Congress-Centrum Hannover. Über 1000 Menschen sind gekommen, um seinen Lehren zu lauschen.

Gewandet ist Humble, der 25 Jahre bei Scientology aktiv war, in einen weißen Anzug, seinen weißen Cowboyhut schmückt ein "magischer" blauer Tropfen, darum geschlungen einige weiße Perlenketten. Er sei natürlich kein Heiler, sagt er dann und grinst breit. "Habe ich heilen gesagt?" Das darf ich ja nicht - das war natürlich der Körper der Menschen". Er wolle ja keinen Ärger mit den Behörden bekommen.


Mehr zum Thema: SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22.30 Uhr, RTL

Die "Behörden", allen voran das Bundesinstitut für Risikobewertung, haben längst von der Einnahme des "Produkts" MMS abgeraten . Denn ein Arzneimittel ist MMS nicht. Es ist nicht geprüft, nicht zugelassen. Es ist auch kein Lebensmittel - es ist eine hochreaktive chemische Verbindung aus Chlor und Sauerstoff: Chlordioxid. Es hat eine stark oxidative Wirkung. Auf Haut und Schleimhaut wirkt es reizend bis ätzend. Industriell wird es als Mittel zur Desinfektion sowie zum Bleichen verwendet.

Keine Behörde wirklich zuständig

MMS ist in mehreren Ländern Europas verboten, in Kanada und den USA raten die Gesundheitsbehörden ebenfalls von der Verwendung ab. Nach der Einnahme sei es bereits zu schweren Darmdefekten gekommen, Fälle von Schmerzen, Erbrechen und Durchfall werden berichtet. Andreas Schaper von der Giftnotrufzentrale Nord hat bereits 20 Fälle verzeichnet, die Betroffenen litten unter teils schweren Lungenproblemen.

Wenn es aber doch so offensichtlich ätzend und gesundheitsgefährdend ist - warum konnte dieses Produkt auf dem Kongress "Spirit of Health" in Hannover ungehindert angepriesen werden?

"Was verursacht noch einmal Aids?": auf der Pressekonferenz muss Humble seine Begleiterin um Rat fragen

"Was verursacht noch einmal Aids?": auf der Pressekonferenz muss Humble seine Begleiterin um Rat fragen

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Die Kontrollaufgaben für Produkte übernehmen die Überwachungsbehörden in den Bundesländern. Der Vertriebsweg Internet lässt sich allerdings kaum kontrollieren", erklärt der Pressesprecher des Risiko-Bewertungsinstituts. Für Fälle, in denen Produkte über Ärzte vertrieben oder empfohlen werden, könnte die Ärztekammer ein geeigneter Ansprechpartner sein."

Die Ärztekammer winkt direkt ab, MMS sei kein Arzneimittel. Die "Überwachungsbehörde in den Bundesländern", im konkreten Fall das Sozialministerium Niedersachsen, sei der Ansprechpartner. Auch hier wird weiter verwiesen.

Letztlich landet unsere Anfrage beim staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hannover. "Wir haben den Veranstalter im Vorfeld darauf hingewiesen, dass MMS als Arzneimittel nicht zugelassen ist und deshalb nicht in Verkehr gebracht werden noch beworben werden darf", erklärt der stellvertretende Amtsleiter. Immerhin. Einen Workshop habe man ebenfalls besucht, da "ist nichts aufgefallen."

Hoffnung auf Heilung ausgenutzt

Sehr effektiv ist dieser artige Bürokratismus nicht: Die laschen Vorgaben umgehen die Veranstalter des Kongresses spielend. Auf den Messeständen wird kein MMS verkauft, dafür gibt es aber allerlei Literatur zum Wundermittel, inklusive Links zum Onlineshop. "MMS - Krankheiten einfach heilen" oder "MMS - Der Durchbruch" können bestellt werden.

Vor der Esoterikmesse wird protestiert. "Warum foltert ihr Kinder?" prangt auf einem Plakat, eine junge Mutter vor den Stufen des Kongresszentrums, hält es in ihren Händen. Das Ganze sei einfach unfassbar. "Da wird empfohlen, Kindern mit diesem ätzenden Mittel einen Einlauf zu verpassen, so soll MMS auch bei Autismus wirken."

Die MMS-Fans wollen nicht hören, dass das Mittel, für das sie auch noch viel Geld bezahlen, gefährlich ist. MMS habe seinen Krebs geheilt, sagt einer der Kongressbesucher. Er sei extra nach Hannover gekommen, um sich bei Jim Humble zu bedanken. Zu 90 Prozent sei sein Tumor schon verschwunden, sagt er. Sein Arzt wisse das allerdings noch nicht.

Grauzone ist nicht reguliert

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln, beobachtet das Treiben auf Esoterikmessen seit vielen Jahren. Im Bereich der Arzneimittelsicherheit gibt es ein gut funktionierendes Kontrollsystem, sagt er. Doch das, was nicht in diesen Bereich gehört, ist gar nicht reguliert. Besonders bei den Produkten, die in eine Grauzone fallen, machten sich das die Hersteller oft sehr geschickt zu Nutze.

Da helfen keine weiteren Gesetze, sondern höchstens eine bessere Aufklärung, sagt Windeler. Aber: "So zynisch es klingt, man kann leider nicht jeden Menschen damit erreichen. Manche wollen belogen werden", da sei MMS ein gutes Beispiel. Wenn ein Produkt den Begriff "Miracle" (Wunder) schon im Namen trägt, müsse ja eigentlich jedem klar sein, dass es sich hier um ein unseriöses Heilsversprechen handelt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.