Mögliche Vergiftung Arafats Forscher streiten über Polonium-Bericht
Mögliche Vergiftung Arafats: Forscher streiten über Polonium-Bericht
Foto: HO/ REUTERSAcht Jahre waren seit dem Tod Jassir Arafats vergangen, als Experten aus der Schweiz, Russland und Frankreich begannen, Proben seiner sterblichen Überreste zu analysieren. Sie waren auf der Suche nach Spuren von Polonium-210, denn man hegte den Verdacht, dass der Palästinenserführer vergiftet wurde.
Nun liegt der erste der Berichte vor (als PDF verfügbar ), Forscher der Uni-Klinik von Lausanne stellten die Ergebnisse zusätzlich in einer Pressekonferenz vor. Bringen sie Klarheit? Eher nicht.
Eine Folie der Pressekonferenz verdeutlicht das Dilemma. "Können wir Polonium als Todesursache ausschließen? Nein", steht dort. Und direkt darunter: "Sind wir sicher, dass Polonium den Tod verursachte? Nein." Im Bericht ziehen sie immerhin das Fazit, dass die Ergebnisse mit "moderater" Sicherheit für eine Polonium-Vergiftung sprechen.
Die Schweizer präsentieren eine Vielzahl von Analysen. Zuerst hatten sie einige Gegenstände untersucht, die Arafat kurz vor seinem Tod benutzt und seine Witwe in einer Reisetasche aufbewahrt hatte. Auf Zahnbürste, Kopftuch und Unterhosen waren Spuren von Körperflüssigkeiten, dort maßen die Forscher zum Teil eine ungewöhnliche hohe Polonium-210-Aktivität. Ihren Modellen zufolge sei die gemessene Aktivität von Polonium-210 von einigen Millibecquerel pro Probe kompatibel mit der tödlichen Einnahme mehrerer Gigabecquerel im Jahr 2004, schrieben die Wissenschaftler im Oktober in der Fachzeitschrift "The Lancet" .
Frage an die Großmutter
Das Problem: Die Halbwertzeit von Polonium-210 ist mit rund 138 Tagen relativ kurz. Da die Proben erst Jahre nach Arafats mutmaßlicher Vergiftung untersucht wurden, war von vornherein klar, dass nur ein winziger Bruchteil der ursprünglichen Polonium-210-Menge übrig sein kann.
Dass dieses Isotop wiederum zu Blei-206 zerfällt, erleichtert die Analyse nicht. Blei-206 ist stabil - und macht knapp ein Viertel des natürlich vorkommenden Bleis aus. Die "Tochter" von Polonium-210 liefert also kaum schlüssige Antworten.
Als einen der Schlüssel für das Gifträtsel sehen die Schweizer allerdings die "Großmutter" von Polonium-210 an: Blei-210. Beide Isotope sind Teil der sogenannten Uran-Radium-Zerfallsreihe . Blei wird nach einem Beta-Zerfall zu Bismut-210, woraus nach einer Halbwertszeit von fünf Tagen relativ schnell mit einem weiteren Beta-Zerfall Polonium-210 entsteht. Die Isotope finden sich auch in der Natur, in sehr geringen Mengen nimmt man die Isotope sogar mit der Nahrung auf .
Die Schweizer Forscher stellten in einer von ihnen erworbenen Polonium-210-Probe ebenfalls einen relevanten Anteil an Blei-210 fest, das oftmals als herstellungsbedingte Verunreinigung Polonium-210 begleitet. Arafat könnte also beide Isotope aufgenommen haben - und das Blei wäre wegen seiner Halbwertszeit von mehr als 22 Jahren noch überwiegend vorhanden.
"Am Rand des statistisch Signifikanten"
"Die Argumentation beruht zu einem wesentlichen Teil auf den erhöhten Werten von Blei-210", sagt Clemens Walther vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz von der Leibniz Universität Hannover. Doch die Verhältnisse von Blei-210 und Polonium-210 schwanken in den verschiedenen Gewebeproben stark. "Das ist alles am Rand des statistisch Signifikanten", sagt Walther. Zudem werden die Blei-210-Werte im Körper durch viele äußere Faktoren beeinflusst, etwa die Nahrung oder ob jemand raucht. Außerdem müsse man - bei einer Exhumierung nach fast acht Jahren - auch das natürliche Vorkommen radioaktiver Isotope im Boden bedenken.
Verdacht auf Giftmord: Arafats schneller Verfall
Dass bei Arafat eine bestimmte Form von Blutzellen, die sogenannte Granulozyten anstiegen, als er krank war, passt laut Walther ebenfalls gar nicht zu einer Strahlenkrankheit. Ein starkes Indiz für die Vergiftung sieht er dagegen in der Analyse eines Urinflecks: Dort waren die Polonium-Werte tatsächlich deutlich erhöht.
"Aufgrund der Datenlage würde ich überhaupt keine Aussage wagen", sagt Walther. Das ist keine Kritik an den Methoden der Schweizer. "Die Arbeit der Kollegen ist grundsolide. Da wurde alles gemacht, was möglich ist. Es war einfach zu spät."
"Wo sollte das Blei-210 sonst herkommen?"
Gerhard Frank vom Sicherheitsmanagement des Karlsruher Instituts für Technologie lobt die Arbeit ebenfalls, ordnet sie allerdings anders ein. "Die Schlussfolgerung ist hinreichend gestützt", sagt er. "Gegen die Vergiftungshypothese sprechen vor allem medizinische Auffälligkeiten - etwa der fehlende Haarausfall -, doch Krankheitsverläufe sind ja von Mensch zu Mensch verschieden. Die physikalischen Messwerte sprechen dagegen für die Polonium-Hypothese."
Dass die erhöhten Blei-210-Werte auf die Vergiftung zurückzuführen sind, hält Frank für sehr plausibel. "Wo sollte es sonst herkommen? Selbst bei starken Rauchern findet es sich nicht in diesen Mengen."
Wurde Arafat nun mit Polonium-210 vergiftet oder nicht? Man könnte sich wünschen, dass die noch ausstehenden Berichte aus Russland und Frankreich mehr Klarheit bringen. Wahrscheinlich liefern sie aber nur weiteren Diskussionsstoff.