Mysteriöse Lungenkrankheit in China WHO vermutet "neuartigen Erreger"

Eine rätselhafte Lungenkrankheit beunruhigt China: Der Erreger könnte von einer Virusfamilie abstammen, die Erkältungen auslöst – aber auch die Lungenkrankheiten Sars und Mers.
Am Flughafen von Bangkok wird die Temperatur von Reisenden aus Wuhan gecheckt

Am Flughafen von Bangkok wird die Temperatur von Reisenden aus Wuhan gecheckt

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Lauren DeCicca/ Getty Images

Seit einigen Wochen grassiert in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan ein rätselhaftes Lungenleiden, das offenbar inzwischen auch Hongkong und Singapur erreicht hat. Insgesamt sind mehr als 60 Menschen an einer Lungenentzündung mit Fieber und Atemnot erkrankt, deren Herkunft bislang unbekannt ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO vermutet nun einen "neuartigen Erreger" aus der Familie der Coronaviren, auf die sowohl Erkältungskrankheiten aber auch die gefährlichen Lungenerkrankungen Sars und Mers zurückzuführen sind. Das teilte die Uno-Behörde am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters zufolge mit.

An Silvester hatte die Gesundheitskommission der Stadt bekannt gegeben, dass sich Dutzende Menschen mit einer unbekannten Lungenkrankheit infiziert hätten. Zunächst war die Rede von 27 Erkrankten, inzwischen ist die offizielle Zahl der Infizierten auf 59 angestiegen. Der Zustand von sieben von ihnen sei kritisch, hieß es. In Hongkong wurden in der Woche darauf 16 weitere Verdachtsfälle gemeldet, auch in Singapur könnte sich ein dreijähriges Mädchen infiziert haben, das zuvor in Wuhan war.

Die Behörden stellten Vermutungen auf, wonach viele der Infektionen auf den Besuch des Huanan-Fischmarktes von Wuhan zurückgeführt werden könnten. Auf dem Markt werden auch andere, lebende Tiere verkauft - sie gelten als mögliche Virusquelle. Der Huanan-Markt ist inzwischen geschlossen worden und soll gründlich gereinigt werden. Das infizierte Mädchen in Singapur war nach den Presseberichten allerdings nicht auf dem Markt gewesen.

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Angst vor neuem Sars-Ausbruch

Die WHO benötige zunächst weitere Informationen, um den genauen Virustyp feststellen zu können, hieß es nun. Den bisherigen Informationen zufolge könnte ein neuartiges Coronavirus jedoch eine mögliche Ursache für das mysteriöse Leiden sein. Experten äußerten sich in internationalen Medien noch vorsichtig bezüglich dieser Prognose.

Coronaviren sind eine große Familie von Viren, die beim Menschen Erkältungssymptome und leichte bis sehr schwere Atemwegserkrankungen hervorrufen können, aber auch die tödlichen Lungenkrankheiten Mers und Sars. Bei Mers (Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus), das weltweit das erste Mal 2012 in Saudi-Arabien nachgewiesen worden war, gelten Dromedare als Reservoir. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch soll möglich sein. Das ist auch bei Sars (Schweres akutes respiratorisches Syndrom) der Fall: Der Erreger, der normalerweise bei Tieren vorkam, hatte den Sprung auf den Menschen geschafft und konnte von Mensch zu Mensch übertragen werden. Im Jahr 2003 kam es daher zu einer schnellen, weltweiten Ausbreitung der Viren.

Die Behörden beteuerten im Fall der aktuellen Erkrankungen, dass es sich nicht um eine der beiden gefährlichen Infektionskrankheiten handele. Das hätten klinische Tests ergeben. Auch die saisonale Grippe, die Vogelgrippe, das Adenovirus und andere für Atemwegsinfektionen bekannte Krankheitserreger konnten als Ursache ausgeschlossen werden.

Die Vermutung einer neuen Form des Coronavirus wird damit am wahrscheinlichsten. Dieser Virustyp trete in periodischen Abständen auf, erklärte die WHO. Das sei auch an den Sars- und Mers-Epidemien 2002 und 2012 zu sehen gewesen. Den chinesischen Behörden zufolge könne das unbekannte Virus akute Krankheitssymptome auslösen, sei aber offenbar nicht so leicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Zuvor hatte es geheißen, es habe bislang keine Ansteckungen zwischen Menschen gegeben. Auch gab es den Angaben zufolge bisher keine Neuinfektionen innerhalb der Krankenhäuser, auch medizinisches Personal habe sich nicht infiziert.

Auswärtiges Amt empfiehlt Handhygiene

Solange nicht bekannt ist, woher das Virus kommt, ist ebenfalls nicht bekannt, wie man sich davor schützen kann. Das Auswärtige Amt aktualisierte vorsorglich seine Reisehinweise  und riet Touristen, den Kontakt mit kranken Menschen und Tieren zu vermeiden sowie auf adäquate Handhygiene zu achten. Wer Fieber bekomme, solle einen Arzt aufsuchen. Die WHO sah in einer Mitteilung  von speziellen Sicherheitshinweisen für Touristen ab.

Einige asiatische Länder gehen hingegen strikter vor: Taiwan, Hongkong, Südkorea, Thailand und die Philippinen wollen einem Bericht der "Washington Post" zufolge  in den kommenden Tagen Quarantänezonen einrichten und Passagiere aus China auf Krankheitssymptome untersuchen.

Während die chinesischen Behörden versuchen, die Bevölkerung zu beruhigen, fühlen sich viele an den Sars-Ausbruch 2002/3 erinnert: Als der Ausbruch bekannt wurde, verbreitete sich in China schnell das Gerücht, es handle sich um Sars oder Mers. Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge trendete in den chinesischen sozialen Medien der Hashtag #WuhanSARS, der inzwischen zensiert wird. Mindestens acht Menschen seien verhaftet worden, weil sie Falschinformationen verbreitet haben sollen.

Den Sars-Ausbruch 2002/3 hatte die chinesische Regierung zunächst wochenlang vor der Weltöffentlichkeit geheim gehalten. Erst die steigende Zahl der Todesopfer und Gerüchte, die nach außen drangen, zwangen China  damals dazu, die Pandemie öffentlich zu machen. Die Krankheit verbreitete sich rasend schnell über alle Kontinente. Mehr als 8000 Menschen waren infiziert, rund 1000 starben. Das Misstrauen gegenüber den chinesischen Behörden ist daher weiterhin groß. Auch im aktuellen Fall hatte der erste Patient offenbar bereits am 12. Dezember Symptome gezeigt - die WHO war erst zwei Wochen später informiert worden.

Was Peking beunruhigen dürfte: Ende Januar feiert die Volksrepublik das chinesische Neujahr. Traditionell reisen Zehntausende Einheimische dann durch das gesamte Land zu ihren Familien. Das Virus könnte sich allerdings nur dann rasant im ganzen Land ausbreiten, falls es weitere Infizierte gibt und der Erreger tatsächlich von Mensch zu Mensch übertragen wird. Da hierzu noch viele Fragen offen sind, drängt die Zeit, der Ursache der Lungenkrankheit auf den Grund zu gehen.

kry/Reuters