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03. Juni 2015, 15:01 Uhr

Kennzeichnung bezahlter Studien

Medizinjournal zweifelt am Nutzen der Transparenz

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Bremst Transparenz den medizinischen Fortschritt? Das behauptet jetzt eines der angesehensten Fachmagazine. Die Debatte um den richtigen Umgang mit Geld von Pharmakonzernen erschüttert die Branche.

Das gab es noch nie: Drei frühere Chefredakteure des "New England Journal of Medicine" ("NEJM") schlagen Alarm - im Konkurrenzblatt "British Medical Journal" ("BMJ"). Sie warnen vor dem Vorstoß ihres früheren Arbeitgebers, laxer mit Interessenkonflikten in der Branche umzugehen. Dies sei "eine sehr schlechte Idee".

Stein des Anstoßes ist eine Artikelserie von Lisa Rosenbaum im "NEJM". Darin fordert sie, Kooperationen zwischen Medizinern und Pharmakonzernen neu zu bewerten. Ein besonderes Problem seien mittlerweile die Transparenzrichtlinien, nach denen jeder Fachautor, falls er mit dem Geld eines Unternehmens gearbeitet hat, dies unter einer Studie offenlegen muss.

Forscher werden stigmatisiert

"Haben sich die vielen Meldungen über die Gier der Industrie so in unser kollektives Bewusstsein gefressen, dass wir vergessen haben, dass Ärzte und Industrie eine gemeinsame Mission haben - Krankheiten zu bekämpfen?", fragt Rosenbaum. Forscher, die mit Pharmakonzernen kooperieren, würden heutzutage automatisch stigmatisiert, ihre Studien nicht gelesen. Für die Zukunft sollte endlich detaillierter betrachtet werden, wie forschende Mediziner und die Industrie zusammenarbeiten. Die Abhängigkeit voneinander dürfe nicht länger geleugnet werden, findet Rosenbaum. Ohne die finanzielle Unterstützung der Industrie würde es viele Medikamente nicht geben.

"Eine verzerrte und sehr gefährliche Attacke", heißt es hingegen im "BMJ". Es sei doch das "NEJM" selbst gewesen, das die Transparenzregeln für den Umgang mit Interessenkonflikten 1984 eingeführt habe. Diese Auflage wurde seitdem von eigentlich allen wissenschaftlichen Fachblättern übernommen. "Existieren Interessenkonflikte durch eine Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie, ist die Objektivität der Autoren beeinflusst, ob bewusst oder unbewusst.", sagt die frühere "NEJM"-Chefredakteurin Marcia Angell. Und es sei unmöglich, diesen Effekt zu vermeiden. "Warum glauben Mediziner, sie seien nicht beeinflussbar?"

Ärzte, die Medikamente entwickelten, sollten diese nicht zugleich bewerten. Finanzielle Interessenkonflikte hätten die Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft bereits ausgehöhlt, meint Angell. "Ärzte und die Öffentlichkeit erwarten zu Recht, dass zumindest die Zeitschriften vertrauenswürdig sind."

Gefahr der Beeinflussung

"NEJM"-Autorin Rosenbaum dagegen erinnert an die Diskussion um die Statin-Richtlinie in 2013. Damals habe sich exemplarisch gezeigt, was durch die Fixierung auf die Offenlegung möglicher Interessenkonflikte falsch laufe. Cholesterinsenker seien unbestritten gute Medikamente. Doch weil in den neuen Richtlinien eine Ausweitung der möglichen Patientengruppe erfolgte, vermuteten Kritiker sofort, diese Änderung sei nach Beeinflussung durch die Pharmaindustrie geschehen.

Tatsächlich hatten sieben der 15 Ausschussmitglieder, die die Richtlinie in einem fünfjährigen Prozess erarbeitet hatten, Kontakte zur Pharmaindustrie. Aber es gab zahlreiche Kontrollmechanismen, eingeschaltet war außerdem ein unabhängiges Kontrollgremium, das National Heart, Lung and Blood Institute in Bethesda, schreibt Rosenbaum. Die gesamte Branche sei sich der Gefahr einer möglichen Beeinflussung doch allzu bewusst. Gleichzeitig sei längst klar, dass die Vorteile der Interaktion zwischen Ärzten und Pharmaforschern überwiegen.

Edel wie abgehoben

Kritik an den "NEJM"-Artikeln kommt auch aus Deutschland: Angesichts der bereits umfangreich dokumentierten schädlichen Einflüsse der Pharmaindustrie auf die Forschung seien die Äußerungen Rosenbaums gewollt naiv, erklärt Gerd Antes, Direktor des Cochrane Zentrums in Freiburg und Mitbegründer der evidenzbasierten Medizin in Deutschland. Es bleibe zu hoffen, dass das "NEJM" seine strengen Regeln nicht aufweiche.

Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG), kann verstehen, dass die neuerliche Richtung des "NEJM" viele überrascht. Es sei edel, dass das "BMJ" sich gegen die Aufweichung der Standards stellt. "Andererseits ist diese Haltung durchaus abgehoben", sagt Windeler, gerade die Politik dränge immer mehr Forscher bewusst in Kooperationen mit der Industrie, auch auf europäischer Ebene.

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