Nervengift als Medikament Forscher machen Botox sicherer

Das Nervengift Botox ist nicht nur ein Mittel zum Faltenglätten - Mediziner setzen es immer häufiger gegen verschiedene Krankheiten ein, etwa gegen Migräne. Jetzt haben Forscher einen Weg gefunden, das Gift sicherer zu machen.

Botox-Präparat: Neue Anwendungsbereiche machen aus dem Gift ein Medikament.
Reuters

Botox-Präparat: Neue Anwendungsbereiche machen aus dem Gift ein Medikament.


Botox hat eine Licht- und eine Schattenseite: In der Natur ist es eines der wirksamsten Gifte überhaupt. Botulinumtoxin, ein Cocktail aus mehreren Proteinen, der vom stäbchenförmigen Bakterium Clostridium botulinum gebildet wird, greift in der Steuerzentrale des Körpers an, es hemmt Nervenleitungen und führt so zu Lähmungen, im schlimmsten Fall auch der Atemmuskulatur.

Doch Gifte können auch nützlich sein, sofern sie in ausreichend niedriger Konzentration zum Einsatz kommen. Berühmtestes Beispiel ist die ästhetische Medizin. Längst blüht das Geschäft mit dem Gift für die Schönheit.

Dass Botox mitunter auch als Medikament gegen Muskelkrämpfe im Gesicht, bei Blasenschwäche und vereinzelt sogar bei Heuschnupfen eingesetzt wird, wissen die Wenigsten. Hoffnung machen sich vor allem Neurologen, denn das Nervengift könnte sich möglicherweise als äußerst nützlich im Kampf gegen chronische Migräne erweisen.

Bislang haben Sicherheitsbedenken den Vormarsch von Botox in der Medizin gebremst. Doch jetzt haben britische Forscher einen Weg gefunden, die gefürchtete Substanz sicherer zu machen. Der Trick: Den Wissenschaftlern um Bazbek Davletov vom Medical Research Council in Cambridge ist es gelungen, Botox in zwei Bausteine aufzuspalten und sie getrennt voneinander herzustellen. Wie sie im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten, können beide Bausteine nach der Einzelsynthese wieder zusammengesetzt werden, um erst dann ihre Wirkung zu entfalten.

Dabei erledigen bestimmte Enzyme, sogenannte Snare-Proteine, den Zusammenbau beider Bausteine zu einem Botox-ähnlichen Molekül. Das ist nach Angaben der Forscher allerdings wesentlich weniger giftig als das natürliche Botulinumtoxin und deshalb sicherer. "Künftig wird man auf diese Weise Botox-Medikamente viel sicherer und ökonomischer herstellen können", sagt Davletov, der Erstautor der Studie.

Langfristig hoffen die Forscher, dass ihre Methode helfen wird, neue Formen von Botulinumtoxin zu entwickeln, die als Medikamente für verschiedene Krankheiten zum Einsatz kommen könnten - darunter etwa Parkinson oder spastische Lähmungen. Auch die Migräneforschung könnte auf diese Weise schneller vorankommen.

Großbritannien hat als erstes Land im Juli den Faltenglätter auch als Medikament gegen Migräne zugelassen. Deutsche Behörden prüfen derzeit noch, ob sie Botox in der Schmerztherapie zulassen wollen, denn noch ist die Studienlage zur Wirkung und Analyse der toxischen Nebenwirkungen nicht gerade üppig.

cib



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