Neue Corona-Maßnahmen Letzte Chance vor dem Lockdown

Reichen die von Bund und Ländern vereinbarten Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen? Experten mahnen, es blieben nur ein bis zwei Wochen, um den Trend zu stoppen.
Der Corona-Herbst ist da - und er ist heftig: "Wir haben die Chance vertan, eine zweite Welle zu verhindern"

Der Corona-Herbst ist da - und er ist heftig: "Wir haben die Chance vertan, eine zweite Welle zu verhindern"

Foto: Gregor Fischer / dpa

So viel wie nötig - aber so wenig wie möglich: Innerhalb dieser Parameter ringen Bund und Länder, Stadt und Land, Politik und Gesellschaft seit Monaten um das richtige Maß an Kontaktbeschränkungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Denn auch wenn sich im Laufe der Pandemie vieles, was man über das Virus zu wissen glaubte, verändert hat, eine Konstante ist geblieben: Das wirksamste Mittel, um die Fallzahlen zu bremsen, bleibt das Herunterfahren von Begegnungen aller Art. Doch weil darunter Menschen und Wirtschaft gleichermaßen stark leiden, müssen die Maßnahmen immer wieder aufs Neue austariert werden.

Einen neuen Anlauf haben die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin am Mittwoch in Berlin unternommen. Doch sind die am späten Abend getroffenen Einigungen nun zu strikt oder zu lasch?

Im Kern haben sich die Beteiligten auf eine Art Ampelsystem geeinigt, ohne es so zu nennen. Spätestens bei 35 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner sollen die betroffenen Landkreise weitere Beschränkungen beschließen:

  • Feiern zu Hause maximal noch mit 15 Personen, im öffentlichen Raum liegt die Zahl bei maximal 25.

  • Ergänzende Maskenpflicht im öffentlichen Raum, überall dort, wo Menschen eng zusammenkommen.

  • Sperrstunde in der Gastronomie, eine genaue Uhrzeit ist nicht vorgeschrieben.

  • Die Zahl der Teilnehmer bei Veranstaltungen soll weiter begrenzt werden.

Spätestens bei 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner sollen die Maßnahmen dann weiter verschärft werden:

  • Gefeiert werden darf maximal noch mit zehn Personen. Wenn die Party zu Hause steigt, dürfen die Teilnehmer zudem nur aus zwei Haushalten kommen.

  • Vorgesehen ist eine generelle Kontaktbeschränkung im öffentlichen Raum auf maximal zehn Personen.

  • Öffentliche Veranstaltungen sollen maximal mit 100 Teilnehmern stattfinden. Es sei denn, es liegt ein Hygienekonzept vor.

  • Gastronomien sollen um 23 Uhr schließen.

  • Die Maskenpflicht soll erweitert werden. Was genau das bedeutet, geht aus dem Beschluss nicht hervor.

  • Kommt der Anstieg der Infektionszahlen nicht binnen zehn Tagen zum Stillstand - und das ist der entscheidende Punkt – sollen sich in den betroffenen Regionen nur noch fünf Personen aus zwei Haushalten im öffentlichen Raum treffen dürfen.

"Wir haben die Chance vertan, eine zweite Welle zu verhindern", sagt Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation dem SPIEGEL. Sie gehört zu einem bundesweiten Team von Modellierungsexperten der Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft sowie der Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaften. Ihre Modelle zeigen, wie sich die Pandemie wahrscheinlich entwickeln wird. Noch bestehe die realistische Chance, die Ausbreitung in den kommenden ein bis zwei Wochen unter Kontrolle zu bekommen. Dafür komme es jetzt auf das Verhalten jedes Einzelnen an.

Alle Kontakte müssen um die Hälfte reduziert werden

Laut den Modellrechnungen von Priesemann  und ihren Kollegen müsste die Wahrscheinlichkeit, jemanden anzustecken, um ein Drittel bis zur Hälfte sinken. "Das heißt, im Schnitt müsste jeder seine Kontakte etwa um die Hälfte bis ein Drittel reduzieren", sagt die Expertin. 

"Je früher wir reagieren", sagt Priesemann, "umso leichter lässt sich das Virus eindämmen." Haben die Fallzahlen erst ein hohes Niveau erreicht, werde das ungleich schwieriger. "Man kann sich das wie bei einem Hausbrand vorstellen", so die Physikerin, "ist die Flamme klein, muss man sich kurz anstrengen, um den Brand mit einem Eimer Wasser zu löschen. Brennt die ganze Wohnung, muss die Feuerwehr anrücken."

Dass das Haus schon jetzt teilweise in Flammen steht, sieht offenbar auch die Bundeskanzlerin so. "Ich bin nicht zufrieden", soll Angela Merkel während der Konferenz mit den Ministerpräsidenten laut Teilnehmern gesagt haben. Wenn es nach der Kanzlerin gegangen wäre, hätten sich die Bundesländer wohl auf schärfere Maßnahmen geeinigt. Auch wenn die Kanzlerin später bei der offiziellen Vorstellung der Verhandlungen verlauten ließ, sie finde die Beschlüsse "ausdrücklich sehr gut". Die Bundesrepublik befinde sich hinsichtlich der Infektionszahlen in einer Phase des exponentiellen Wachstums. Dieser Anstieg müsse gestoppt werden, so Merkel. "Sonst wird das kein gutes Ende nehmen."

Am Donnerstag wurden so viele Infektionen gemeldet wie noch nie zuvor

Am frühen Donnerstagmorgen meldete das Robert Koch-Institut 6638 Neuinfektionen - so viele wie noch nie an einem Tag. Inzwischen wird jedoch auch deutlich mehr getestet, Krankenhäuser und Pflegeheime sind besser auf die Pandemie vorbereitet und erfahrungsgemäß schwanken die Zahlen im Laufe der Woche wegen der Meldeverzögerungen in den Gesundheitsämtern.

Allerdings steigt auch der Anteil der positiven Tests, ein Indiz, dass sich die Pandemie weiter ausbreitet. Die Entwicklung zeigt sich bereits in anderen Ländern. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Etwa bis Mitte September verbreitete sich das Virus vor allem unter Jüngeren. "Seitdem sind nun auch wieder Ältere betroffen, für mich ein sicheres Indiz, dass die Pandemie außer Kontrolle geraten ist", sagt Priesemann. Gerade Überträger, die nichts von ihrer Infektion wissen, könnten das Virus unbeabsichtigt in Pflegeheime und Krankenhäuser tragen. Die Modellierer gehen davon aus, dass die Zahl der Todesfälle in den kommenden Wochen ansteigen wird . Die Entwicklung zeichnet sich bereits ab.

Viel gefährlicher sind unentdeckte Fälle

In der jetzigen Phase seien die bereits entdeckten Fälle nicht einmal das größte Problem, argumentiert Priesemann. "Die allermeisten isolieren sich, wenn sie wissen, dass sie infiziert sind." Das Problem sind diejenigen, die noch nichts von ihrer Infektion ahnen - weil sie keine Symptome haben oder noch nicht getestet wurden. "Sie wissen also nicht, dass sie das Virus weitergeben können", sagt sie. Deshalb sei die Kontaktnachverfolgung so wichtig.

Laut Berechnungen des Forschungsteams um Priesemann lassen sich Infektionsketten selbst dann noch stoppen, wenn jeder unbemerkt Infizierte das Virus an zwei Menschen weitergibt - wenn konsequente Kontaktverfolgung eine weitere Ausbreitung verhindert. So ließe sich die Reproduktionszahl - gerechnet auf alle Infizierten - dauerhaft auf unter 1 drücken. Damit das gelingt, müssten laut den Forschern:

  • Menschen bei Verdacht auf eine Infektion zügig ihre Kontakte reduzieren,

  • Quarantänemaßnahmen konsequent eingehalten werden und

  • Kontaktpersonen schnell identifiziert und vorsorglich in Quarantäne gehen.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssten die Gesundheitsämter in der Lage sein, etwa zwei Drittel der Kontakte jedes Infizierten nachzuverfolgen, vor allem in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Wenn die Kontaktnachverfolgung zusammenbricht, steigt die Zahl unentdeckter Überträger. Es folgt ein sich selbst verstärkender Effekt, die Fallzahlen steigen an. Ein Kipppunkt ist erreicht.

Bei welcher Zahl täglicher Neuinfektionen diese Grenze genau liegt, können die Rechnungen nicht bestimmen. Das hänge auch stark davon ab, wie viele Kontaktpersonen jeder positiv Getestete habe. Laut den Forschern ist es jedoch ratsam, einen Sicherheitsabstand zur Kapazitätsgrenze der Gesundheitsämter einzuhalten. Politiker bundesweit behelfen sich derzeit mit einer Grenze von 35 beziehungsweise 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Ob diese ausreicht, muss sich zeigen.

Immerhin beruhigend ist die Situation in den deutschen Krankenhäusern, dort ist die Lage noch immer entspannt. Dass sich das schnell ändern kann, zeigt ein Blick in die Niederlande. Dort mussten Notaufnahmen bereits zeitweilig schließen, weil alle Betten belegt waren oder es an Personal mangelte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.