Neue Studie Ginkgo schützt nicht vor geistigem Verfall

In der Werbung immer wieder als Wunderheilmittel propagiert, bekommt der Ginkgo jetzt eine Abfuhr erteilt: Ergebnisse einer Großstudie widersprechen den Versprechungen, dass Ginkgo-Präparate den geistigen Verfall im Alter bremsen. Ein Arzneimittel-Hersteller hegt jedoch Zweifel an der Studie.
Ginkgo-Blätter: Extrakte als Naturheilstoffe sind sehr begehrt

Ginkgo-Blätter: Extrakte als Naturheilstoffe sind sehr begehrt

Foto: Mark Humphrey/ ASSOCIATED PRESS

Chicago/Karlsruhe - Extrakte von Ginkgo-Biloba findet man seit vielen Jahren als Kapseln oder Tabletten von einer Reihe von Herstellern in der Apotheke. Dem sehr beliebten Naturheilmittel werden allerhand Wirkungen zugesprochen: Ginkgo erweitert die Gefäße und fördert somit die Durchblutung. Außerdem wirkt es antioxidativ, das heißt es schützt den Körper vor gefährlichen freien Radikalen aus der Luft. Und: Es soll die Gedächtnisleistung verbessern, den "Niedergang von Nervenzellen" verhindern und zur Stärkung der "Konzentration und Merkfähigkeit im Alter" dienen, wie Werbesprüche immer wieder verkünden.

Eine neue Studie bringt jetzt jedoch schlechte Nachrichten: US-amerikanischen Medizinern zufolge lässt sich der bei vielen Menschen im Alter einsetzende schleichende geistige Verfall durch Ginkgo-Präparate nicht verlangsamen.

An der Studie nahmen mehr als 3000 Probanden zwischen 72 und 96 Jahren teil, die durchschnittlich sechs Jahre lang medizinisch begleitet worden waren. Die Hälfte der Versuchspersonen nahm in dieser Zeit ein Ginkgo-Präparat ein, die andere Hälfte erhielt ein wirkungsloses Scheinpräparat. In ihren Tests zur kognitiven Leistungsfähigkeit fanden die Forscher keinen signifikanten Unterschied zwischen beiden Gruppen. Das berichten Beth Snitz von er University of Pittsburgh und ihre Kollegen jetzt im Fachmagazin "Journal of the American Medical Association". 

Die Studienteilnehmer wurden regelmäßig an sechs medizinischen Zentren in den USA untersucht und absolvierten dabei unter anderem Tests, die Gedächtnisleistung, Sprachvermögen, Konzentrationsfähigkeit und räumliche Orientierung überprüften. Die Hälfte der Probanden erhielt in der Untersuchungszeit zweimal täglich ein Präparat mit je 120 Milligramm Ginkgo-Extrakt, während die andere Hälfte ein identisch aussehendes Placebo einnahm.

Ergebnis: Die Forscher konnten bei der Auswertung keinerlei Unterschiede zwischen beiden Gruppen feststellen. Das pflanzliche Präparat verbesserte weder das geistige Allgemeinbefinden der Probanden noch wirkte es sich positiv auf einzelne kognitive Funktionen des Gehirns aus.

Extrakte aus Ginkgo-Blättern und -samen werden bereits seit vielen Jahrhunderten als Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten eingesetzt. Den enthaltenen Wirkstoffen wird eine durchblutungsfördernde Wirkung sowie ein positiver Effekt auf die Gedächtnisleistung nachgesagt. Mit Ginkgo-Präparaten zur Steigerung der kognitiven Fähigkeiten erzielen Pharmaunternehmen weltweit Millionenumsätze. Der Nutzen dieser Mittel ist jedoch umstritten. Nach Angaben der Forscher handelt es sich bei der Studie um die bisher größte mit einem Placebopräparat kontrollierte Untersuchung zu dieser Frage.

Bereits im vergangenen Jahr hatte eine ähnliche US-Studie gezeigt, dass Ginkgo-Präparate auch nicht vor Demenz und Alzheimer schützen. Allerdings kam das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in einer Analyse vom Jahr 2008 zu dem Schluss , dass ein Nutzen von Gingko-Präparaten gegeben war, dieser sei aber vielfältig und ein Effekt von Gingko sei nicht benennbar. Zudem würden nur Patienten davon profitieren, die schon "psychopathologische Störungen" hätten und Gingko-Präparate in einer Dosierung von 240 Milligramm täglich einnahmen. Das IQWiG hatte insgesamt sieben Studien untersucht, sechs davon waren von dem Hersteller Willmar Schwabe finanziert worden.

Zweifel an der Aussagekraft der Studie

Schwabe veröffentlichte nun auch eine Stellungnahme zu der aktuellen US-Studie. Demnach sei der Nutzen des apothekenpflichtigen Arzneimittels Tebonin, das Schwabe produziert, auf die Gehirnleistung durch eine Reihe aktueller Studien wissenschaftlich belegt, betont der Geschäftsführer Michael Habs.

Habs zufolge sei die Aussagekraft der aktuellen Studie nur gering, es habe methodische Schwächen gegeben: In der Untersuchung von Snitz sei ein kognitiver Abbau selbst in der Placebogruppe kaum zu erkennen. Ein Nutzen des Schwabe-Präparates könne aber nur dann gezeigt werden, wenn auch erste kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrationsstörungen oder Vergesslichkeit auftreten würden.

"Die Studie hätte noch mindestens 10 Jahre länger dauern müssen, bevor ein relevanter geistiger Abbau sichtbar geworden wäre", sagt Günter Ment, der Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung der Karlsruher Firma. Schwabe entwickelt und produziert pflanzliche Arzneitmittel, sogenannte Phytopharmaka.

Über die Wirksamkeit von Phytopharmaka wird weltweit immer wieder debattiert. Im September dieses Jahres fand der Berliner Phytotherapie-Kongress statt, bei dem Mediziner auch über die Therapiemöglichkeiten mit Ginkgo-Präparaten diskutiert hatten - eine der Diskussionen wurde von "Medical Tribune Online" als Video veröffentlicht .

cib/ddp
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