Neue Therapie Übungen stärken dreidimensionales Sehen

Ist ein Auge schwächer, leidet die Raumwahrnehmung. Bislang konzentrierten sich Mediziner auf die Stärkung des schlechteren Auges. Nun präsentieren Forscher eine neue Therapie: Sie stärkt beide Augen - und wirkt oft schon nach zehn Tagen.

3D ohne Hilfsmittel: Frühes Training verbessert die Sehfähigkeit
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3D ohne Hilfsmittel: Frühes Training verbessert die Sehfähigkeit


Cambridge - Ein neues Sehtraining kann bei Menschen mit unterschiedlich guten Augen bereits nach wenigen Tagen das räumliche Sehen verbessern. Der Trick: Während herkömmliche Verfahren lediglich das schwächere Auge fördern, kurbelt das neue Programm den Wettbewerb zwischen beiden Augen an. Auf diese Weise lernt das Gehirn, beide Augen eher als starke Organe zu behandeln - die Signale aus dem schwachen Auge gewinnen an Relevanz, während gleichzeitig die aus dem starken Auge zurückgestellt werden.

Genau diese doppelte Wirkung sei es, die das Verfahren effektiver machten als die bisherigen Ansätze, schreiben Forscher um Jingping Xu von der University of Louisville (US-Bundesstaat Kentucky) im Fachblatt "Current Biology". Die Methode könnte in Zukunft beispielsweise Kindern helfen, die unter Amblyopie, auch Schwachsichtigkeit oder Lazy-Eye-Syndrom genannt, leiden.

Beim Sehen werden vom Gehirn normalerweise die Informationen aus beiden Augen ausgewertet, um ein dreidimensionales Bild zu erzeugen. Dabei konkurrieren rechtes und linkes Auge ständig um die Dominanz, sprich um die Frage, wessen Informationen bevorzugt verarbeitet werden. Sichtbar machen kann man diesen Wettbewerb, wenn man dem rechten Auge ein anderes Muster vorsetzt als dem linken: Sind beide Augen gleich stark, sieht man abwechselnd mal das eine und mal das andere Muster.

Entscheidend dafür ist vor allem ein Hemm-Mechanismus: Sobald ein Auge die Oberhand gewinnt, blockiert es vorübergehend das andere - mit der Folge, dass nur ein Muster wahrgenommen wird. Das Prinzip funktioniert allerdings nicht mehr reibungslos, wenn ein Auge sehr viel besser sieht als das andere: In diesem Fall gibt es keinen fairen Wettbewerb, sondern das stärkere Auge dominiert praktisch die ganze Zeit den Sehprozess. Dadurch verlernt das schwächere Auge, das andere zu hemmen.

Genau hier setzt das neue Training an, berichten die Forscher. Ihre Idee: Wenn es gelingt, den Wettbewerb wieder anzukurbeln, indem man dem schwächeren Auge eine Art Vorsprung verschafft, sollte sich in der Folge auch die Hemmfunktion normalisieren.

Die Umsetzung dieses Konzepts gelänge so: Der Proband sitzt vor einem Monitor und sieht vor seinem schwächeren Auge ganz kurz ein Quadrat aufleuchten. Direkt anschließend erscheinen vor beiden Augen Streifenmuster - auf der einen Seite mit senkrechten, auf der anderen mit waagerechten Streifen. Das Quadrat soll die Aufmerksamkeit des Sehzentrums auf das schwache Auge lenken, ihm also den Vorsprung geben, erklären die Forscher. Die folgende gleichzeitige Stimulation von starkem und schwachem Auge sorgt schließlich für die erforderliche Konkurrenzsituation.

Vor allem letzteres unterscheidet das Verfahren laut den Forschern von herkömmlichen Methoden: Normalerweise werde das starke Auge während des Trainings nicht angeregt, die Stimulation erfolge ausschließlich beim schwächeren. Damit lasse sich aber das Hemmsystem nicht anregen. Im Labor hat sich das System schon bewährt: Bei insgesamt zehn Freiwilligen nahm die Dominanz der stärkeren Auges bereits nach zehn Tagen Training deutlich ab und das räumliche Wahrnehmungsvermögen zu.

boj/dapd

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insgesamt 8 Beiträge
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problematix 15.10.2010
1. ja
Wettbewerb zwischen links und rechts, wunderbar. Kann man das auch auf Hände oder Füße übertragen? Ach so - das waren jetzt keine Versuche an Mäusen, oder? Wenn heutzutage die Rede von Probanden oder sogar von Ergebnissen ist...
own_brain_user 15.10.2010
2. Endlich mal ...
... ein im populaerwissenschaftlichen Sinne gut geschriebener Artikel ueber einen wirklichen Fortschritt und nicht das ewige SPON-bekannte "Forscher erhoffen sich von den Erkenntnissen ...". In meiner Kindheit wurde in meinem Fall, in dem immer ein, aber nicht immer dasselbe Auge die "Dominanz" komplett uebernimmt und somit gutes, aber eindimensionales Sehen mit jeweils einem Auge funktioniert, in der "Sehschule" einer deutschen Universitaetsklinik von mir gefordert, ich solle "Schielen ueben". Das war ungefaehr so gut wie einen voruebergehend Querschnittsgelaehmten in der ersten Reha-Einheit aufzufordern, aus dem Rollstuhl aufzustehen und Hochsprung zu ueben. Also wirklich eine Verbesserung, indem ein Therapieweg gesucht und gefunden wurde, der die inzwischen bekannten neurologischen Besonderheiten beruecksichtigt. Allerdings ist die im Artikel angefuehrte Amblyopie nur eine der moeglichen Folgen der mangelnden Koordination zwischen beiden Augen. Fehlendes "Stereosehen" bei guter Sehstaerke auf beiden Augen kann auch dabei herauskommen. Ausserdem duerfte eine bereits eingetretene Amblyopie als symptomatische Folge ein Indiz dafuer sein, dass das Phaenomen schon laenger andauert und erst recht spaet erkannt wurde. Die Therapie duerfte dann entsprechend aufwendiger ausfallen.
Opsat 15.10.2010
3. Prima.
Zitat von sysopIst ein Auge schwächer, leidet die Raumwahrnehmung. Bislang konzentrierten sich Mediziner auf die Stärkung des schlechteren Auges. Nun präsentieren Forscher eine neue Therapie: Sie stärkt beide Augen - und wirkt oft schon nach zehn Tagen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,723175,00.html
Ich hoffe nur diese Methode wird es für den Hausgebrauch geben, d.h. bei mir am eigenen Monitor. Wie ich von Bekannten höre ist ein Termin beim Augenarzt für Normalos nicht ganz so leicht zu bekommen.
JBond 15.10.2010
4. Spezialequipment
Zitat von OpsatIch hoffe nur diese Methode wird es für den Hausgebrauch geben, d.h. bei mir am eigenen Monitor. Wie ich von Bekannten höre ist ein Termin beim Augenarzt für Normalos nicht ganz so leicht zu bekommen.
und wie stellen Sie sich das am eigenen Monitor vor? ein Brett davorklemmen, damit die Augen voneinander zu getrennt sind? also ich gehe regelmäßig zum Augenarzt - und wenn man sich rechtzeitig im Vorraus meldet, gab es da auch noch nie Terminprobleme...werd ihn beim nächsten Mal gleich darauf ansprechen, da ich auch von diesem Phänomen betroffen bin
GM64 16.10.2010
5. Und der verschreibt Ihnen dann nur eine stärkere Brille
Zitat von JBondund wie stellen Sie sich das am eigenen Monitor vor? ein Brett davorklemmen, damit die Augen voneinander zu getrennt sind? also ich gehe regelmäßig zum Augenarzt - und wenn man sich rechtzeitig im Vorraus meldet, gab es da auch noch nie Terminprobleme...werd ihn beim nächsten Mal gleich darauf ansprechen, da ich auch von diesem Phänomen betroffen bin
Ich finde die Idee sinnvoll. Und man kann dabei zum Unterschied von einem Arzt nichts kaputt machen. Wenn ich versehentlich mit der Brille fotografiere sehe ich danach viel schlechter. Weil das Auge sich dann beim nah schauen sehr viel mehr anstrengen muss. Auch Brillen mit Löchern finde ich sinnvoll. Da kann man die Augenmuskeln trainieren. Finde Brillen sollte man nur verwenden wenn man sie unbedingt braucht. Also beim Auto fahren, wenn man kurzsichtig ist. Dass ein Augenarzt etwas anderes außer Brillen und Mittel verschrieben hätte ist mir nicht bekannt. Daher möchte ich gerne mehr über den Test wissen, weil Augensport finde ich gut. Bezüglich Monitor, das werden wohl Bilder sein, die nacheinander Angesehen werden müssen, wobei die Augen in einem bestimmten Abstand vom Monitor entfernt sein müssen.
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