Neuer Corona-Ausbruch in Peking Lachs als Sündenbock

In Peking werden Dutzende Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 gemeldet. Die Behörden wollen den Ausbruch bis zu einem Lachshändler zurückverfolgt haben. Aber können Fische überhaupt das Coronavirus übertragen?
Tiefgekühlte Lachse in Kanada (Symbolbild)

Tiefgekühlte Lachse in Kanada (Symbolbild)

Foto: Brechin Maclean/ imago images

Der neue Corona-Ausbruch in Peking beunruhigt nicht nur China: Die ganze Welt blickt besorgt auf die Millionenmetropole, wo es über viele Wochen kaum noch Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 gegeben hat und wo nun offenbar eine zweite Welle droht.

Wie beim ersten Corona-Ausbruch in Wuhan gehen auch die aktuellen Infektionen von mindestens einem Großmarkt aus, wo Fisch, Fleisch, Gemüse und Obst verkauft werden. Doch dieses Mal war es offenbar kein exotisches Wildtier, das das Virus auf den Menschen übertragen hat. Der Verdächtige steht auch hierzulande auf dem Speiseplan: Ermittler wollen das Virus bis auf ein Hackbrett zurückverfolgt haben, auf dem importierter Lachs verarbeitet wurde. Der Fisch soll demnach wiederum von einem anderen Markt für Meeresfrüchte stammen. China importiert Lachs aus mehreren Ländern wie Norwegen, Chile, Australien, Kanada und von den Färöern.

36 der neuen Fälle in Peking konnten bisher mit dem Ausbruch auf dem Xinfadi-Großmarkt in Verbindung gebracht werden. Die Behörden zogen sofort Konsequenzen und riegelten elf Wohnviertel, Kindergärten und Schulen im Umkreis des Marktes ab. Auch alle Veranstaltungsorte und Sportstätten wurden wieder geschlossen. Mehrere Städte warnten ihre Bewohner bereits vor Reisen in die Hauptstadt. Das Markt-Gelände soll vollständig desinfiziert werden.

Zu Unrecht verdächtigt?

Und sogar Lachszüchter in Norwegen bekamen den neuesten Ausbruch zu spüren: Da große Supermärkte in Peking über Nacht Lachs aus den Regalen räumten, wie staatliche Zeitungen am Montag berichteten, rutschten die Aktien norwegischer Lachszüchter ab. Doch müssen wir wirklich befürchten, dass sich Lachse mit dem Virus anstecken und es auf diese Weise auf den Menschen übertragen können?

Zur Übertragbarkeit des Virus vom Tier auf den Menschen wurden bereits einige Studien durchgeführt. Denn beim ersten Ausbruch in Wuhan Ende vergangenen Jahres wurde das Virus vermutlich durch einen tierischen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen. Aktuell gilt der Pangolin, auch Schuppentier genannt, als sehr wahrscheinlicher Überträger.

Unter Laborbedingungen zeigte sich schon eine Reihe von Tieren anfällig für eine Infektion mit Sars-CoV-2, darunter Katzen, Frettchen, Kamele, Pferde, Schafe und Kaninchen. Viele Tiere scheinen sich dagegen nicht mit dem Virus anzustecken, darunter Hühner, Enten, Meerschweinchen, Schweine, Mäuse und Ratten.

Sars-CoV-2 dringt in Körperzellen ein, indem das Virus an ein Enzym namens ACE2 andockt. Ob Tiere anfällig für eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus sind, hängt deshalb davon ab, wie das ACE2 bei ihnen aufgebaut ist, also ob das Virus ihr ACE2 als Eintrittspforte nutzen kann oder nicht.

Forscherinnen und Forscher haben deshalb dreidimensionale Modelle von ACE2 für diverse Tierarten erstellt, um abzuschätzen, ob Sars-CoV-2 die jeweilige Spezies infizieren könnte. Am größten ist das Risiko demnach für verschiedene Säugetiere. Bei Reptilien, Amphibien, Fischen und Vögeln ist das Ansteckungsrisiko demnach generell gering - zu dem Schluss kommen mehrere aktuelle Studien, die als Preprint verfügbar sind (etwa hier  und hier ). Vor diesem Hintergrund wäre es sehr überraschend, wenn sich Lachse anstecken und das Virus an Menschen weitergeben würden.

Vielmehr scheint das Tier nur ein Sündenbock. Die Informationspolitik Chinas macht den Eindruck, als wollten die Behörden dem In- und Ausland signalisieren, alles unter Kontrolle zu haben. Der Ausbruchsherd scheint gefunden, die vermeintlichen Verantwortlichen wurden geschasst: Der Generaldirektor des Großmarktes sowie zwei Lokalpolitiker mussten am Montag ihre Posten räumen. Die chinesische Regierung forderte die Hauptstadt zeitgleich auf, in den "Kriegszustand" zu gehen, um die zweite Welle einzudämmen.

Die Kontrolle von Fracht und Reisenden bei der Einreise soll zudem verschärft werden, um eine weitere Einschleppung des Virus zu verhindern. China vergibt seit März ohnehin keine normalen Visa mehr an Ausländer und beschränkt die Einreise heimkehrender Chinesen. Internationale Flüge sind sehr begrenzt. Auch werden Corona-Tests sowie eine 14-tägige Quarantäne verlangt.

Infektionsherd weiter unbekannt

Auch umfangreiche Tests sollen helfen, der Lage so schnell wie möglich Herr zu werden: Allein am Sonntag wurden nach Agenturangaben mehr als 76.000 Menschen auf das Coronavirus getestet. Auch gingen demnach in vielen Teilen der Stadt Mitglieder der Nachbarschaftskomitees von Tür zu Tür, um Anwohner zu befragen, ob sie in den vergangenen Tagen auf dem Großmarkt waren. Teilweise wurden Kontrollen wie etwa Fiebermessen vor dem Betreten von Restaurants und Geschäften wieder verschärft. Und wie bereits erwähnt: Tiefgekühlter Lachs wurde aus zahlreichen Supermärkten entfernt.

Dabei scheint es aktuell eher wahrscheinlich, dass die Virenfunde auf dem Hackbrett darauf zurückzuführen sind, dass der Fischhändler oder einer der Verkäufer mit dem Virus infiziert war und die Hygieneregeln nicht beachtet hat. Wenn etwa derjenige, der den Lachs auf dem Brett zubereitet hat, mit Sars-CoV-2 infiziert war, könnten Viren auf das Schneidebrett und auf den Fisch gelangt sein. So wiederum könnten sich die Betroffenen infiziert haben.

Aus Studien mit Oberflächen weiß man zudem inzwischen, dass Sars-CoV-2 auf einigen Oberflächen mehrere Tage überdauern kann. Je nachdem aus welchem Material das Hackbrett bestand und wie oft es zwischendurch gereinigt wurde, könnte davon also über mehrere Stunden eine Infektionsgefahr ausgegangen sein - das Gleiche gilt allerdings auch für kontaminierten Fisch. Auch muss der neue Ausbruch nicht unbedingt von besagtem Hackbrett ausgegangen sein, nur weil dort Coronaviren gefunden wurden. Die Thesen zum Infektionsherd auf dem Pekinger Markt scheinen derzeit sehr spekulativ. So sah sich denn in Deutschland bisher auch niemand veranlasst, bestimmte Produkte wegen des Coronavirus aus dem Regal zu nehmen.

Mitarbeit: Nina Weber; Mit Material von dpa und AFP
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