Neuer IQWiG-Chef Jürgen Windeler wird oberster Arzneimittelprüfer

Das Rennen um den Posten des obersten Medizinprüfers Deutschlands ist entschieden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wird Jürgen Windeler neuer Chef des Arzneimittelprüfinstituts IQWiG. Für die Pharmaindustrie könnte er unangenehm werden - genau wie sein umstrittener Vorgänger.
Jürgen Windeler: Pharmakritisch wie Vorgänger Peter Sawicki

Jürgen Windeler: Pharmakritisch wie Vorgänger Peter Sawicki

Foto: mds-ev.de

Jürgen Windeler wird der nächste oberste Medizinprüfer in Deutschland. Das empfahl der Stiftungsrat des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) am Mittwoch einstimmig, wie SPIEGEL ONLINE aus Kreisen der Sitzungsteilnehmer erfuhr. Windeler, derzeit leitender Arzt des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, tritt damit zum 1. September dieses Jahres die Nachfolge des bisherigen IQWiG-Chefs Peter Sawicki an.

Mit dem einstimmigen Beschluss des Stiftungsrats ist die Frage, wer das Institut künftig führen soll, praktisch entschieden. Formal müssen kommende Woche noch der IQWiG-Vorstand und das Gesundheitsministerium der Berufung Windelers zustimmen. Dies gilt jedoch als sicher.

Mit der Leitung des Instituts wird Windeler zum wichtigsten Medizin-Gutachter in Deutschland, denn das IQWiG analysiert, welche Medikamente und Therapien nachweislich nützen. Auf Grundlage dieser Gutachten entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten und Krankenkassen, welche Operationen oder Arzneimittel für gesetzlich Versicherte womöglich nicht mehr bezahlt werden.

Vor zwei Wochen hatten mehrere Zeitungen gemeldet, dass der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer neuer IQWiG-Chef werden solle. Das Lancieren dieser Information halten Insider für einen Versuch, Windeler noch in letzter Minute zu verhindern.

Für das IQWiG dürfte die Wahl Windelers angesichts der Umstände, unter denen sein Vorgänger Sawicki abgesägt wurde, das beste Ergebnis sein, das man erwarten konnte. Denn inhaltlich trennt Windeler nur wenig von seinem pharmakritischen Vorgänger.

Pionier der evidenzbasierten Medizin

Als einer der ersten in Deutschland kümmerte sich Windeler schon in den achtziger Jahren in seiner Doktorarbeit um Fragen der evidenzbasierten Medizin, obwohl es diesen Begriff noch gar nicht gab. Schon damals praktizierten Ärzte in Deutschland beispielsweise massenhaft den Hämokulttest, um verborgenes Blut im Stuhl zu finden. Die Hoffnung war, einen Hinweis auf Darmkrebs zu bekommen. Doch der junge Windeler stellte als Erster fest, dass es für diese Annahme keinerlei Belege gab. Er fand in den folgenden Jahren auch heraus, dass der Nutzen vieler anderer Krebstests nicht nachgewiesen war, sie aber dennoch eifrig praktiziert wurden.

Windeler erkannte, wie notwendig es ist, den gängigen Ansichten von Chefärzten und Medizinprofessoren zu misstrauen und sich zu fragen, ob es hinreichende wissenschaftliche Belege gibt für das, was alle tun. Für das Prinzip, die Wirkung einer Therapie empirisch nachzuweisen, wurde später der Begriff evidenzbasierte Medizin geprägt.

1993 wechselte Windeler an die Uni Heidelberg als stellvertretender Leiter des Fachbereichs für Medizinische Biometrie und 1999 nach Essen als Leiter des Fachbereichs evidenzbasierte Medizin des Medizinischen Diensts der Krankenkassen. Ehrenamtlich war er bis vor kurzem auch Präsident des Deutschen Netzwerks für evidenzbasierte Medizin.

Dennoch gilt Windeler als deutlich öffentlichkeitsscheuer als Sawicki. Im April 2009 wagte er einen Auftritt in der Talkshow von Johannes B. Kerner zum Thema Vorsorgeuntersuchungen - und saß meist stumm und ein wenig ratlos zwischen den anderen Gästen.

Beim IQWiG selbst ist man froh über die Personalentscheidung. Die Mitarbeiter erwarten, dass das Institut künftig nicht mehr ganz so stark in öffentliche Auseinandersetzungen gezogen wird - aber dass die Schärfe und Klarheit seiner Gutachten auf dem bisherigen Niveau bleiben.

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