Lungenkrankheit Der unheimliche Erreger

China riegelt Millionenstädte ab, Forscher versuchen zu klären, wie sich das Coronavirus verbreitet - und wie es zum Menschen gelangte. Was ist über die neue Lungenkrankheit bekannt? Der Überblick.
Krankenhausmitarbeiter mit einem wahrscheinlich mit dem Coronavirus Infizierten im Queen Elizabeth Hospital in Hong Kong

Krankenhausmitarbeiter mit einem wahrscheinlich mit dem Coronavirus Infizierten im Queen Elizabeth Hospital in Hong Kong

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STRINGER/ REUTERS

Es waren rund 20 Infektionsspezialisten, Virologen, Tropenmediziner und Gesundheitsmanager aus mehr als 15 Nationen, die am Mittwoch in der Genfer WHO-Zentrale stundenlang miteinander diskutierten. Die Frage, die Tedros Adhanom Ghebreyesus, Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihnen gestellt hatte, wog schwer: Muss die WHO aufgrund des Coronavirus-Ausbruchs in China einen internationalen Gesundheitsnotstand ausrufen? Ist der Erreger tatsächlich so gefährlich, dass er die Menschen weltweit bedroht?

Der Zwiespalt, in dem sich die internationale Forschergruppe befand, ist klar: Auf der einen Seite besteht die Sorge, zu scharfe Maßnahmen zu ergreifen und damit Ängste zu schüren sowie unnötige Kosten zu verursachen. Auf der anderen Seite darf das Expertenkomitee aber nicht zu zögerlich handeln und dadurch möglicherweise den Moment verpassen, in dem die Ausbreitung noch eingedämmt werden kann und Menschen vor Infektionen geschützt werden können.

2014 etwa hatte das Krisenmanagement der WHO bei der Ebola-Epidemie in Westafrika massiv gelahmt, wie die Organisation im Rückblick zugab. Es gab nicht nur den Vorwurf, nicht effektiv und rasch genug gehandelt zu haben, sondern auch die Frage, ob Tausende von Todesfällen hätten verhindert werden können.

Auch jetzt steht wieder viel auf dem Spiel. China hat aufgrund des Ausbruchs sowohl die Millionenstadt Wuhan, als auch die nahe gelegene Stadt Huanggang abgeriegelt.

Nach langem Ringen setzten sich am Mittwochabend um 21 Uhr vier Vertreter der WHO und der Vorsitzende des Notfallgremiums vor die Mikrofone und verkündeten, dass es trotz der langen Debatte noch keinen Beschluss gebe. Die eine Hälfte der Wissenschaftler hatte dafür gestimmt, den weltweiten Gesundheitsnotstand auszurufen, die andere dagegen. "Die Entscheidung, ob ein internationaler Gesundheitsnotstand ausgerufen wird oder nicht, nehme ich sehr ernst", sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Es war eine exzellente Diskussion, aber es war auch deutlich, dass wir mehr Informationen brauchen, um weiterzukommen."

Was ist bislang über den Erreger bekannt? Und was muss noch geklärt werden?

Erbgut des Erregers: Was ist das für ein Virus?

Nachdem chinesische Behörden am 31. Dezember rätselhafte Lungenerkrankungen in der Millionenstadt Wuhan meldeten, machten sich Experten sofort an die Arbeit, das Erbgut des Erregers zu entschlüsseln. Die Ergebnisse zeigten, dass es sich um ein zuvor völlig unbekanntes Virus aus der Familie der Coronaviren handelt, das eng mit dem Sars-Virus verwandt ist. Sars hatte 2002/2003 von China ausgehend zu einem weltweiten Ausbruch mit fast 800 Toten geführt. Noch trägt das neu entdeckte Virus nur den provisorischen Namen 2019-nCoV.

Was geklärt werden muss: "Das Pathogen wurde schnell entdeckt, schnell sequenziert und – am wichtigsten - die Informationen wurden schnell geteilt. Das hat Thailand, Japan und Südkorea die Möglichkeit gegeben, schnell Fälle zu identifizieren", sagte WHO-Chef Tedros am Mittwochabend. Unklar ist jedoch, wie schnell sich das Virus wandeln kann. Dass ein Coronavirus mutiere, sei normal, sagte der deutsche Virusforscher Christian Drosten dem SPIEGEL. Das bedeute allerdings nicht, dass die Erkrankung automatisch gefährlicher wird. Es könne sogar genau das Gegenteil heißen.

Aktuell scheint das Virus laut WHO stabil. "Aber wir müssen weiterhin vorsichtig sein, denn Mutationen können natürlich im Lauf der Zeit auftreten", sagte Tedros.

Herkunft des Erregers: Wie haben sich die ersten Menschen angesteckt?

Als die chinesischen Behörden die Weltgesundheitsorganisation kontaktierten, waren knapp 30 Menschen erkrankt. Viele hatten den Huanan-Markt besucht, einen großen Fischmarkt, auf dem auch wilde Tiere wie Krokodile, Füchse und Schlangen gehandelt werden. Der Markt wurde umgehend geschlossen. Vieles spricht dafür, dass das neue Coronavirus dort von einem Tier auf einen oder mehrere Menschen übergesprungen ist.

Auf die gleiche Weise hatte auch die verheerende Ebola-Epidemie in Westafrika begonnen. Damals zählte ein zweijähriges Mädchen zu den ersten Opfern, das sich wahrscheinlich beim Verzehr von Wildfleisch angesteckt hatte. Auch bei der Sars-Epidemie 2002 waren vermutlich Tiere - wahrscheinlich Zibetkatzen - der Ursprung, unter den ersten Infizierten befand sich der Koch eines Restaurants für Wildspezialitäten.

Was geklärt werden muss: Der Fischmarkt gilt zwar als wahrscheinlichster Ursprung des Ausbruchs. Noch aber ist unklar, wie sich die ersten Menschen angesteckt haben und welche Tiere dabei eine Rolle gespielt haben. In einer aktuellen Studie  vermuten chinesische Forscher, dass Schlangen das Coronavirus in sich tragen könnten. Für ihre Untersuchung hatten sie das Erbgut mit dem anderer Erreger abgeglichen. Eine andere chinesische Forschergruppe  schreibt, dass der neue Erreger Viren ähnelt, die in Fledermäusen auftreten. Die Wissenschaftler halten es jedoch für wahrscheinlich, dass das Virus vor der Übertragung auf den Menschen noch andere Zwischenwirte hatte. Aktuell zählt es zu den Hauptzielen der WHO, die tierische Quelle des Erregers zu identifizieren und die Übertragung der Viren von Tieren auf den Menschen einzugrenzen.

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Todesfälle: Wie gefährlich ist das Virus?

Bestätigt wurden in China bislang 571 Erkrankte, davon haben laut WHO 95 einen schweren Krankheitsverlauf, 17 sind gestorben. Unter den Toten befinden sich vor allem ältere Menschen, manche hatten auch chronische Vorerkrankungen. Beim ersten Todesopfer etwa handelte es sich um einen 61-jährigen Mann, der Tumoren im Bauchraum hatte und unter einer chronischen Lebererkrankung litt. Michael Ryan, Chef der WHO-Notfallprogramme, führte weiter aus, dass von den bislang Infizierten insgesamt 291 etwas stärker betroffen waren und mitunter im Krankenhaus behandelt werden mussten. Unter ihnen waren 64 Prozent Männer, 72 Prozent waren älter als 40 Jahre.

Was geklärt werden muss: Viele Experten gehen davon aus, dass das Virus weniger tödlich ist als das eng mit ihm verwandte Sars-Virus. Beim Sars-Ausbruch 2002/2003 starben elf von 100 Erkrankten. Eine solche Zahl lässt sich für das neue Virus noch nicht festlegen. Dafür gibt es zwei Gründe:

  • Zum einen sind viele Infizierte noch nicht genesen. Dementsprechend lässt sich noch nicht abschätzen, wie viele weitere Todesfälle es unter den gemeldeten Erkrankten geben wird. Das Virus könnte also gefährlicher sein, als bislang gedacht.

  • Andererseits ist bekannt, dass manche Erkrankte nur milde Symptome entwickeln - möglicherweise so mild, dass sie nicht einmal zum Arzt gehen. Das spricht für eine hohe Dunkelziffer bei den Infizierten. Eine Gruppe des Imperial Colleges in London  schätzt sogar, dass sich allein in Wuhan bis zum 18. Januar 4000 Menschen angesteckt haben. Bewahrheitet sich die Zahl, würden sich die 17 Todesfälle auf sehr viele Infizierte aufteilen.

Eine lange Diskussion über die Letalität des Virus war ein Hauptgrund der WHO, die Entscheidung über den internationalen Gesundheitsnotstand zu vertagen. "Heute erscheint die Letalität eher gering, aber um es abschließend beurteilen zu können, haben wir noch nicht genug Informationen vorliegen", sagte der Notfallkomitee-Vorsitzende, Didier Houssin, am Mittwochabend.

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Ansteckung: Wie verbreitet sich das Virus?

Typisch für Coronaviren ist, dass sie von Tieren auf den Menschen überspringen und dann von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Das trifft auch auf den aktuellen Erreger zu. "Es gibt Nachweise von Mensch-zu-Mensch-Übertragungen bei engem Kontakt wie etwa in Familien oder in Krankenhäusern", sagte Maria van Kerkhofe, Seuchenspezialistin bei der WHO. "Das ist erwartbar bei Atemwegserkrankungen." Klar sei auch, dass Menschen selbst dann ansteckend sind, wenn sie nur sehr milde Symptome entwickeln, zitiert das Portal "Statnews"  den Direktor des "Wellcome Trust" Jeremy Farrar.

Was geklärt werden muss: Noch fehlen Informationen darüber, wie das Virus von einem Menschen zum anderen gelangt - und damit, wie ansteckend es ist:

  • Denkbar ist etwa eine Tröpfcheninfektion über die Luft. Dabei müssen Menschen nur Partikel einatmen, die Erreger enthalten. In diesem Fall wäre das Virus recht ansteckend. Die Grippe zählt zu den Krankheiten, die auf diese Weise übertragen werden können.

  • Möglich ist aber auch, dass das Virus nur durch Schmierinfektionen von einem Menschen zum anderen gelangt, etwa wenn ein Infizierter einem Gesunden die Hand gibt und dieser sich anschließend an den Mund fasst. Erkältungsviren werden meist auf diesem Weg weitergegeben. In diesem Zusammenhang muss auch geklärt werden muss, ob und wie lang der Erreger auf Oberflächen wie Haut, Türklinken oder Haltestangen in Bussen überdauern kann.

  • Und ein letzter aber wichtiger Punkt: Forscher müssen eine Antwort auf die Frage finden, ob manche Infizierte keine Beschwerden entwickeln, aber das Virus trotzdem weitergeben können. Das würde die Gefahr eines weltweiten Ausbruchs deutlich erhöhen, da diese Überträger selbst bei ausgedehnten Fieberkontrollen nicht identifiziert werden könnten.

"Es ist nicht die Tatsache, dass es Übertragungen von Mensch zu Mensch gibt, die das Virus gefährlich machen", sagte WHO-Krisenmanger Ryan. "Entscheidend ist der Weg, den das Virus nimmt. Den müssen wir herausfinden und ihn unterbrechen."

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