Sterblichkeit durch Covid-19 Die Gefahr steigt ab 50 - und wenn man ein Mann ist

Chinesische Behörden haben eine Auswertung von mehr als tausend Covid-19-Toten veröffentlicht. Die Daten zeigen, wie stark Alter und Geschlecht das Risiko beeinflussen.
Ärzte am Flughafen von Shinan (chinesische Provinz Shandong): Andere Schutzstrategien als bei Sars notwendig

Ärzte am Flughafen von Shinan (chinesische Provinz Shandong): Andere Schutzstrategien als bei Sars notwendig

Foto: Guo Xulei/ dpa

Eine 84-jährige Japanerin und ein 87-jähriger Japaner waren wegen ihrer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus noch vom Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" in ein Krankenhaus gebracht worden. Sie zählten zu den 634 Menschen, die sich unter den rund 3700 Passagieren und Crewmitgliedern an Bord mit Sars-CoV-2 infiziert hatten. Doch die Ärzte konnten die beiden Kranken nicht retten. Am Donnerstag bestätigte die japanische Regierung ihren Tod.

Auch wenn die zwei Japaner außerhalb des Ausbruchs in China erkrankten, gehörten sie doch offenbar zu der Gruppe der am meisten gefährdeten Menschen. Das legt zumindest eine aktuelle Auswertung der chinesischen Gesundheitsbehörden  nahe. Der Untersuchung zufolge haben Menschen ab einem Alter von 80 Jahren, das höchste Risiko zu sterben: Fast jeder siebte Mensch in dieser Altersgruppe, bei dem eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus nachgewiesen wurde, erlag der Erkrankung.

Die Analyse, die erstmals im Detail zeigt, wer bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 besonders gefährdet ist, basiert auf den Daten von mehr als 44.000 nachgewiesenen Covid-19-Infizierten in China. Von ihnen waren mehr als tausend Menschen gestorben. Dabei handelt es sich um alle Fälle, die in China bis zum 11. Februar gemeldet wurden. Im Schnitt lag das Risiko, die Infektion nicht zu überleben, bei 2,3 Prozent. Mittlerweile sind mehr als 75.000 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert, über 2000 Menschen starben.

Neben dem Alter haben den Ergebnissen zufolge auch das Geschlecht und Vorerkrankungen einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung und das Risiko zu sterben. Die Ergebnisse im Überblick.

1. Alter: Die Gefahr steigt ab 50

Abhängig vom Alter zeigten sich erhebliche Unterschiede: Den Daten zufolge steigt ab einem Alter von 50 das Risiko, an der Infektion zu sterben, deutlich an. Am stärksten gefährdet sind Menschen ab 80.

Sterblichkeit durch das neuartige Coronavirus nach Alter

Altersgruppe

Zahl der bestätigten Fälle

Zahl der Todesfälle

Sterblichkeitsrate

0- bis 9-Jährige

416

-

0 Prozent

10- bis 19-Jährige

549

1

0,2 Prozent

20- bis 29-Jährige

3619

7

0,2 Prozent

30- bis 39-Jährige

7600

18

0,2 Prozent

40- bis 49-Jährige

8571

38

0,4 Prozent

50- bis 59-Jährige

10.008

130

1,3 Prozent

60- bis 69-Jährige

8583

309

3,6 Prozent

70- bis 79-Jährige

3918

312

8,0 Prozent

Über 80-Jährige

1408

208

14,8 Prozent

Quelle: China CDC Weekly

Die Daten liefern Anhaltspunkte dafür, welche Altersgruppen wie stark gefährdet sind. Die tatsächliche Sterblichkeit könnte jedoch niedriger liegen, als aus den Zahlen hervorgeht.

Grund dafür ist, dass sich ein Großteil der Todesfälle auf die besonders betroffene chinesische Region Hubei konzentriert. Dort nahm die Epidemie im Dezember ihren Ausgang, das Gesundheitssystem in der Region ist stark überlastet. Deshalb ist anzunehmen, dass die Infektionen nur bei einem Teil der Betroffenen - vor allem bei schwer Erkrankten - nachgewiesen wurde. Viele leichtere Fälle blieben wahrscheinlich unentdeckt.

Gibt es eine solche Dunkelziffer, verteilen sich die Todesfälle auf eine größere Gruppe Infizierter und die Sterblichkeitsrate wäre geringer, als jetzt errechnet. Dafür sprechen auch Beobachtungen außerhalb Chinas. Dort wurden bis Dienstag  knapp über 800 Infektionen nachgewiesen, darunter auch viele Betroffene, bei denen die Krankheit leicht verlaufen ist. Drei Menschen sind gestorben. Damit liegt die Sterblichkeit außerhalb Chinas aktuell bei 0,4 Prozent.

Wie sich die Gefährdung der höheren Altersgruppen in anderen Populationen der Welt auswirken könnte, darüber twitterte die Princeton-Forscherin Jessica Metcalf:

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Das Schaubild A zeigt die mit dem Alter zunehmende Sterblichkeit durch Sars-CoV-2; Schaubild B zeigt, wie die Altersverteilung in China, den USA, Madagaskar, Deutschland und Indonesien aussieht. C verknüpft beide Zahlen und zeigt unter der Annahme gleichbleibender Bedingungen, dass die relative Sterblichkeit etwa in Deutschland aufgrund der Altersstruktur bei einem Ausbruch besonders hoch ausfallen könnte.

Doch bei all dem handelt es sich nur um Statistik, um trockene Zahlen, die einzelne Schicksale nicht erfassen können. Das machte der Tod eines nur 34-jährigen Arztes in China deutlich. Li Wenliang war der Erste, der in China vor dem Coronavirus warnte. Anschließend wurde er von der städtischen Gesundheitskommission einbestellt und mehrfach vernommen. Kurze Zeit später erkrankte er selbst. Durch seinen Tod wurde der Arzt über Nacht zum tragischen Symbol für die fehlende Transparenz und rigide Informationspolitik der chinesischen Behörden.

2. Geschlecht: Männer sind stärker gefährdet als Frauen

Neben den Unterschieden abhängig vom Alter lassen die Daten auch Rückschlüsse darauf zu, wie stark das Geschlecht das Risiko beeinflusst, das von dem Virus ausgeht. Demnach wurden bei Männern und Frauen annähernd gleich viele Erkrankungen gemeldet. Bei den Männern lag jedoch die Sterblichkeit deutlich höher:

  • Während bei 22.981 Männern eine Infektion bestätigt wurde, starben 653 von ihnen. Demnach liegt die Sterblichkeitsrate bei 2,8 Prozent.

  • Von 21.691 infizierten Frau starben 370, die Sterblichkeitsrate liegt demnach bei 1,7 Prozent.

Über die Ursachen, warum Männer zumindest dieser ersten Datenauswertung zufolge ein höheres Sterblichkeitsrisiko haben, machen die Forscher in ihrer Publikation keine Angaben. Denkbar wären viele verschiedene Gründe, wie etwa genetische oder hormonelle Unterschiede. Auch Vorerkrankungen, die sich auf die Mortalität auswirken, sind bei den Geschlechtern unterschiedlich verteilt und könnten daher eine Auswirkung haben.

3. Vorerkrankungen: Risiko bei Diabetes und Krebs

Bereits bei den ersten Todesfällen durch Covid-19 berichteten Ärzte, dass die Verstorbenen zumeist unter Vorerkrankungen gelitten hatten. Auch bei diesem Aspekt vermischen sich die Gruppen, denn ältere Menschen leiden häufiger unter chronischen Erkrankungen als junge.

Bei den Vorerkrankungen unterteilten die Forscher ihre Daten auf fünf Gruppen. Demnach war die Sterblichkeitsrate bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen am größten:

  • Von 873 Covid-19-Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben 92 (10,5 Prozent).

  • Von 1102 erkrankten Diabetikern starben 80 (7,3 Prozent).

  • Von 511 Infizierten mit chronischen Atemwegserkrankungen starben 32 (6,3 Prozent).

  • Von 2683 Erkrankten mit Bluthochdruck starben 161 (6 Prozent).

  • Von 107 infizierten Krebspatienten starben 6 (5,6 Prozent).

4. Verbreitung: Hoch ansteckendes Virus

Ein weiteres wichtiges Fazit der Analyse bestätigt, was Forscher bereits seit einigen Wochen vermuten: "Das neuartige Coronavirus ist hoch ansteckend", schreibt das Team um Yanping Zhang von der chinesischen Seuchenkontrollbehörde. "Es hat sich extrem schnell innerhalb von nur 30 Tagen von einer einzigen Stadt in das ganze Land verbreitet." Glücklicherweise seien die Covid-19-Erkrankungen bei 81 Prozent nur mit milden Symptomen verlaufen.

Warum Sars-CoV-2 so viele Menschen infiziert, darüber haben zwei weitere Forschergruppen jetzt Ergebnisse publiziert. In der ersten Studie, veröffentlicht im Fachmagazin "Science" , berichten die Wissenschaftler um Jason McLallan von der University of Texas in Austin über die Struktur des Bindungsproteins von Sars-CoV-2, mit dem es an menschliche Zellen andockt. Auch die Bindestelle, der sogenannte ACE2-Rezeptor, ist identifiziert.

Zwar ähnele das Protein in Aussehen und Struktur dem des Sars-Erregers, so die Forscher. Doch es verhalte sich ganz anders: Im Gegensatz zu Sars habe das neuartige Coronavirus eine zehnmal höhere Affinität, an den Rezeptor anzudocken und damit in menschliche Zellen zu gelangen. "Das wäre eine mögliche Erklärung für die offenbar leichte Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neues Virus", schreiben die Wissenschaftler.

Auch die zweite Untersuchung, publiziert im "New England Journal of Medicine" , unterstreicht die Unterschiede zum Erreger der Sars-Pandemie in den Jahren 2002 und 2003. Während das Sars-Virus in den tiefen Atemwegen schwere Lungenentzündungen auslöste, ist das neuartige Coronavirus zusätzlich auch in den oberen Atemwegen zu finden. Daher ist es vermutlich sowohl in der Lage, Pneumonien zu verursachen, als auch sich durch Tröpfcheninfektionen schnell zu verbreiten.

Für ihre Analysen hatten die Wissenschaftler um Lirong Zou von der Seuchenkontrollbehörde in der chinesischen Provinz Guangdong die Nasen- und Rachenabstriche von 18 Infizierten untersucht. Bei 17 Patienten fanden sie deutlich höhere Viruskonzentrationen im Nasen- als im Rachensekret. Vermutlich verhalte sich der Erreger ähnlich wie Grippeviren, schlussfolgern die Forscher, verweisen aber einschränkend auf die kleine Fallzahl ihrer Untersuchung.

Einer der Infizierten zeigte trotz positiven Nachweises keinerlei Beschwerden - und war somit ein asymptomatischer Überträger. "Diese Erkenntnisse legen nahe, dass wir für die Suche der Infizierten und ihre Isolation andere Strategien brauchen als bei der Kontrolle des Sars-Erregers", schreiben die Forscher.

Die Situation auf dem Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" könnte ihnen recht geben. Dort hatte sich das Virus rasant unter den Passagieren und Crewmitgliedern ausgebreitet. Ein japanischer Infektiologe, der das Schiff inspiziert hatte, sprach von chaotischen Zuständen, die keinen Schutz der Gesunden ermöglichten. Die Quarantäne war für zahlreiche Menschen am Mittwoch beendet worden, obwohl zugleich neue Infektionsfälle bestätigt worden waren. Auch am Donnerstag berichtet Japan von 13 neuen Fällen auf dem Schiff.

Erschwerend bei der Erkennung von Verdachtsfällen und bestätigten Infektionen kommt hinzu, dass die Zählweisen wiederholt überarbeitet werden. Erst in der vergangenen Woche hatte die National Health Commission in China die Diagnosekriterien verändert: Es sollte nicht mehr zwingend notwendig sein, Erbgut des neuartigen Virus bei einem Test nachzuweisen. Ärzte sollten zusätzlich auch eine Diagnose auf Grundlage einer Kombination von Faktoren wie Computertomografiebildern der Lunge, körperlichen Beschwerden und Kontakt mit Betroffenen stellen.

Nur eine Woche später ändert die Nationale Gesundheitskommission nun erneut die Methodik: Ab sofort werden demnach wieder alle Fälle aussortiert, bei denen nur eine klinische Diagnose gestellt wurde. Fortan sollen nur jene Fälle als bestätigt gelten, bei denen ein Nachweis mit einem Nukleinsäuretest erfolgt ist. "Für einen Epidemiologen ist es wirklich frustrierend, wenn die Falldefinitionen laufend geändert werden", zititert die "New York Times " den Epidemiologen Benjamin Cowling von der University of Hongkong. "Warum können sie nicht klar herausarbeiten, was ein möglicher Fall, ein Verdachtsfall und ein bestätigter Fall ist? Das ist total verwirrend."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Mit Material von Reuters