Genomsequenzierung Pilotstudie zu neuem Corona-Testverfahren nahe München gestartet

In Neuried bei München können sich am Wochenende bis zu 1500 Freiwillige auf das Coronavirus testen lassen. Das Experiment soll auf mögliche Superausbrüche vorbereiten.
Wie bisherige PCR-Tests soll das neue Verfahren eine akute Infektion nachweisen können

Wie bisherige PCR-Tests soll das neue Verfahren eine akute Infektion nachweisen können

Foto: Eibner-Pressefoto/ EXPA/ Groder/ imago images

Am Wochenende startet in der Gemeinde Neuried bei München eine Pilotstudie mit einem neuen Corona-Testverfahren und einer speziell entwickelten App, die künftig Massentests bei großen Ausbrüchen erleichtern sollen.

"Weil Infizierte andere mit dem Coronavirus selbst dann anstecken können, wenn sie nur leichte oder überhaupt keine Symptome  haben, sind Reihentests umso wichtiger", sagte Hanns-Georg Klein vom Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsdiagnostik (Medicover MVZ Martinsried), wo die Proben ausgewertet werden sollen, dem SPIEGEL. "Nur so lassen sich größere Ausbrüche wie zuletzt in Gütersloh eindämmen."

Die etwa 1500 angemeldeten Freiwilligen stellen nun so einen Ernstfall nach. Ihr Blut sowie Nasen- und Rachenabstriche werden im Labor auf eine akute oder überstandene Infektion mit dem Coronavirus untersucht. Die Testergebnisse bekommen die Probanden innerhalb weniger Tage per App direkt aufs Handy, voll automatisiert und anonymisiert - so der Plan. Wird jemand positiv auf das Coronavirus getestet, muss er oder sie sich umgehend beim Gesundheitsamt melden.

Die Abstriche aus Nase und Rachen sollen mit einem neuen Genomsequenzierungsverfahren analysiert werden, das im Idealfall effizienter und kostengünstiger ist als bisherige PCR-Testverfahren.

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Solche "Next Generation Sequencing"-Technologien, kurz NGS, werden seit Jahren in der genetischen Forschung und Diagnostik eingesetzt. Dank ihnen lässt sich das komplette menschliche Erbgut inzwischen innerhalb weniger Tage analysieren. Der Fortschritt ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Entschlüsselung des ersten menschlichen Genoms gut 13 Jahre dauerte und Milliarden Dollar verschlang. Bisher werden solche Analysen beispielsweise in der Medizin angewandt, um Veränderungen im menschlichen Genom nachzuweisen, die Krankheiten begünstigen oder häufig in einer Familie auftreten.

Neues Verfahren könnte Testkapazitäten deutlich steigern

Ein Forschungsteam vom Medicover MVZ Martinsried, dem US-Biotechnologieunternehmen Illumina, dem Hasso-Plattner-Institut und dem Berliner IT-Start-up HealthMetrix hat das Verfahren nun so angepasst, dass es auch das Erbgut des Coronavirus in Proben aufspüren können soll.

Der Test ist zudem an eine speziell dafür entwickelte App gekoppelt, die die Proben über einen Barcode der richtigen Person zuordnet und das Ergebnis automatisch an das Handy des Betroffenen schickt. Die Übertragung läuft zunächst anonym, welcher Barcode zu welcher Person gehört, wissen die Forscher nicht. "Sollte das System tatsächlich zum Einsatz kommen, könnten die Ergebnisse theoretisch auch direkt an das Gesundheitsamt gemeldet werden", sagt Klein.

Anders als bei bisherigen Tests können bei dem Verfahren gleichzeitig Millionen Erbgutfragmente analysiert werden. "Ein einzelnes Labor, das über die nötige Technik verfügt, könnte durch den Einsatz von molekularen Barcodes innerhalb von 48 Stunden bis zu 50.000 Proben parallel auswerten", schätzt Klein.

Noch handelt es sich bei dem Test um einen nicht zugelassenen Prototypen. Bei der Pilotstudie in Neuried prüfen die Forscher zunächst, ob er das Virengenom mindestens genauso zuverlässig nachweisen kann wie bisherige Analysen. Deshalb wird jede Probe auch mit einem zugelassenen PCR-Test ausgewertet. Läuft alles wie geplant, könnte das Verfahren bereits in vier Monaten zugelassen werden, hofft Klein. Zahlreiche Labors weltweit, darunter auch welche in Deutschland, verfügten bereits über die nötige Hochdurchsatz-Sequenziertechnologie.

Die NGS-Technologie kann bisherige Testverfahren jedoch nicht komplett ersetzen. Um nur eine einzelne Probe auszuwerten, wäre sie viel zu teuer. Der NGS-Ansatz lohnt sich erst, wenn bei einem größeren Ausbruch oder einem Massentest in Unternehmen oder Schulen sehr viele Menschen gleichzeitig getestet werden müssen. Dann würden auch die Kosten pro Test erheblich sinken. Um wie viel genau - darauf will sich Klein nicht festlegen. Allerdings ist er zuversichtlich, dass es weniger als 40 Euro pro Probe sein werden, die Labors in Deutschland bisher für einen einzelnen Test abrechnen dürfen.

Ob das Verfahren hält, was es verspricht, muss sich nun zeigen. Schon in der kommenden Woche sollen erste Ergebnisse vorliegen.

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