Verkündung in Stockholm Nobelpreis für Medizin geht an Sinnesforscher

Höchste Auszeichnung für zwei Molekularbiologen: Der US-Amerikaner David Julius und der im Libanon geborene Ardem Patapoutian wurden für ihre Entdeckung von Rezeptoren für Temperatur und Berührung im Körper mit dem Nobelpreis geehrt.
David Julius und Ardem Patapoutian

David Julius und Ardem Patapoutian

Foto:

Niklas Elmehed / Nobel Prize Outreach

Ihre Entdeckungen erklären, warum wir Temperaturen und Berührungen fühlen können: Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an die Molekularbiologen David Julius und Ardem Patapoutian. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Das Wissen werde genutzt, um Behandlungen für eine Reihe von Krankheiten zu entwickeln, darunter chronische Schmerzen.

Die bahnbrechenden Entdeckungen durch die diesjährigen Nobelpreisträger »haben es uns ermöglicht, zu verstehen, wie Wärme, Kälte und mechanische Kräfte die Nervenimpulse auslösen, die es uns ermöglichen, die Welt um uns herum wahrzunehmen und uns an sie anzupassen«, erklärte das Komitee.

David Julius

David Julius

Foto: Peter Barreras / Invision / AP

Der 65-jährige Julius nutzte bei seinen Experimenten Capsaicin, eine scharfe Verbindung aus Chilischoten, die ein brennendes Gefühl hervorruft. Mit ihrer Hilfe identifizierte er einen Sensor in den Nervenenden der Haut, der auf Hitze reagiert. Julius forscht an der Universität von Kalifornien in San Francisco.

Vor seiner Arbeit war zwar schon bekannt, dass Capsaicin Schmerzen hervorruft. Wie der Prozess abläuft, war jedoch noch ein ungelöstes Rätsel. Julius kam dem Mechanismus auf die Spur, indem er ein Gen identifizierte, das für den Vorgang notwendig ist, und es in Zellen einbaute, die normalerweise nicht auf Capsaicin reagieren.

Ardem Patapoutian

Ardem Patapoutian

Foto: picture alliance / dpa / The Kavli Foundation

Ardem Patapoutian hingegen entdeckte eine neue Klasse von Sensoren, die auf mechanische Reize in der Haut und in inneren Organen reagieren. Zwar hatten Forschende zuvor schon mechanische Sensoren in Bakterien nachgewiesen. Mit welchen Mechanismen Wirbeltiere auf Berührungen reagieren, war jedoch lange unklar.

Bei ihrer Arbeit identifizierten Patapoutian und sein Team zuerst Zellen, die ein messbares elektrisches Signal abgaben, wenn sie mit einer winzigen Pipette angestoßen wurden. Anschließend entdeckten sie ein Gen, das für diesen Vorgang notwendig ist. Auf diesem Weg stießen die Forschenden schlussendlich auf die Sensoren. Patapoutian wurde in Beirut geboren und kam als Jugendlicher nach Los Angeles, derzeit forscht er am Scripps Research in La Jolla (Kalifornien).

Gestiftet vom Dynamit-Erfinder

Der Nobelpreis gilt als eine der höchsten Ehrungen in der Wissenschaft. Er ist mit zehn Millionen schwedischen Kronen dotiert, das entspricht rund 980.000 Euro. Die Preisträger teilen sich das Geld. Der Medizin-Nobelpreis wird traditionell als Erstes bekannt gegeben. Am Dienstag und Mittwoch folgen die beiden weiteren naturwissenschaftlichen Nobelpreise in den Kategorien Physik und Chemie.

Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833–1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder haderte damit, dass viele seiner Entdeckungen für den Krieg genutzt wurden. Daher vermachte er sein Vermögen einer Stiftung. Das Ziel war, mit dem Geld Forschende auszuzeichnen, die »im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben«.

Aus diesem Grund war gemutmaßt worden, dass dieses Jahr möglicherweise die Entwickler der Technologien von mRNA-Impfstoffen mit der Auszeichnung geehrt werden. Unter anderem sie hatten es ermöglicht, innerhalb eines Jahres hochwirksame Covid-19-Impfstoffe zu entwickeln. Danach gefragt, erklärte das Komitee ausweichend, dass immer erst auf Nominierungen gewartet werden müsse, die anschließend begutachtet würden. Allerdings würden die »großen Durchbrüche« sie »in der Regel« auch erreichen.

Seit 1901 haben 222 Menschen den Medizin-Nobelpreis erhalten, darunter zwölf Frauen. Der Erste ging an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung einer Therapie gegen Diphtherie. 1995 erhielt als erste und bislang einzige deutsche Frau Christiane Nüsslein-Volhard die Auszeichnung. Im vergangenen Jahr bekamen Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) den Preis. Sie hatten maßgeblich zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus beigetragen.

irb/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.