Nobelpreisträger Alter, Houghton und Rice "Sie haben Millionen Leben gerettet"

In Blutkonserven lauerte lange eine tödliche Gefahr, inzwischen ist sie gebannt - vor allem durch die Arbeit der drei neuen Nobelpreisträger für Medizin: Die Forscher entdeckten das Hepatitis-C-Virus.
Bekanntgabe der Nobelpreisträger Alter, Houghton und Rice am Karolinska-Institut in Stockholm

Bekanntgabe der Nobelpreisträger Alter, Houghton und Rice am Karolinska-Institut in Stockholm

Foto: Claudio Bresciani / dpa

In einem Jahr, in dem ein Virus die gesamte Welt beschäftigt, erhalten drei Forscher den Medizin-Nobelpreis, die ein Virus entdeckt haben - allerdings haben Harvey Alter, Michael Houghton und Charles Rice nicht das Coronavirus Sars-CoV-2 erforscht, sondern das Hepatitis-C-Virus.

Dieses Virus kann eine chronische Leberentzündung, auch Hepatitis genannt, sowie Leberkrebs auslösen. Laut  der Weltgesundheitsorganisation WHO haben weltweit etwa 71 Millionen Menschen eine chronische Hepatitis-Infektion. Im Jahr 2016 starben fast 400.000 Menschen an Krankheiten, die durch diese Infektion ausgelöst wurden - vor allem an Leberzirrhosen und Leberkrebs. Hepatitis C ist ein häufiger Grund für Lebertransplantationen. Übertragen wird der Erreger über das Blut, also unter anderem über Blutkonserven bei einer Transfusion oder durch gemeinsam genutzte Spritzen bei Drogenkonsum.

Heute können neue, antivirale Medikamente den meisten Betroffenen heilen, allerdings sind die teuren Wirkstoffe nicht überall auf der Welt verfügbar. Die Entwicklung dieser Wirkstoffe haben Alter, Houghton und Rice mit ihrer Forschung ermöglicht.  

Bereits in den Sechzigerjahren war das Hepatitis-B-Virus entdeckt worden, das für einige chronische Leberentzündungen nach Bluttransfusionen verantwortlich ist - Baruch Blumberg erhielt dafür die Hälfte des Medizin-Nobelpreises des Jahres 1976 .

Doch dieses Virus allein konnte längst nicht alle Hepatitis-Fälle nach Bluttransfusionen erklären. Harvey Alter suchte in den Siebzigern  an den US-amerikanischen National Institutes of Health nach dem Auslöser. Er fand heraus, dass ein zu diesem Zeitpunkt unbekanntes Virus dahintersteckte. Unter anderem gelang ihm dies, indem er Schimpansen - die ebenso wie Menschen erkranken können - mit Blut von Hepatitis-Patienten infizierte.

Es dauerte allerdings noch einige Jahre, diesen Erreger genau zu charakterisieren. Michael Houghton, der bei dem Biotech-Unternehmen Chiron arbeitete, gelang es  schließlich in den Achtzigern, das Genom des Erregers zu isolieren.

Charles Rice schließlich konnte an der Washington University in St. Louis nachweisen , dass dieses Virus allein eine Leberentzündung auslösen kann, also dass das Hepatitis-C-Virus tatsächlich der Auslöser dieser Erkrankung ist und nicht ein anderer Blutbestandteil, der der Forschung womöglich entgangen war.

Zunächst ermöglichten diese Entdeckungen, Tests zu entwickeln, mit denen das Virus im Blut nachgewiesen werden konnte. So ließen sich Ansteckungen über Bluttransfusionen vermeiden. Es folgten Medikamente, die die Infektion direkt bekämpfen. Die Arbeiten von Alter, Houghton und Rice "haben Millionen Leben gerettet", teilte das Nobelpreis-Komitee mit.

Das Hepatitis-C-Virus ist ein sogenanntes RNA-Virus. Der Erreger hat eine sehr hohe Mutationsrate - sicher einer der Gründe, warum noch keine Impfung gegen dieses Virus entwickelt werden konnte.

"Einmalig für die Virologie"

Die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt, die vor allem zu Hepatitis-Viren, aber aktuell auch zu Sars-CoV-2 forscht, bezeichnet die Geschichte des Hepatitis-C-Virus und dessen Therapie als "einmalig für die Virologie".

Durch die Entdeckung des Virus und das Etablieren eines Zellkulturmodells konnten gegen den Erreger wirkende Substanzen in Zellkultur getestet werden. Das habe dazu geführt, "dass wir heute mehrere sogenannte Direct Acting Antivirals haben", erklärt Ciesek in einer E-Mail an den SPIEGEL. Diese Medikamente, die das Virus direkt angreifen, könnten in Kombination als Tablette gegeben werden und so mehr als 98 Prozent der behandelten Patienten heilen.

"So hat sich die chronische Hepatitis-C-Infektion von einer Viruserkrankung mit schweren Folgen - Leberzirrhose, Leberzellkrebs, Tod - zu einer gut therapierbaren Erkrankung entwickelt, und das in einem relativ kurzen Zeitraum", schreibt Ciesek.

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