Julia Merlot

Nobelpreise Am Leben vorbei

Julia Merlot
Ein Kommentar von Julia Merlot
Die wichtige Forschung an mRNA-Impfstoffen wäre nobelpreiswürdig gewesen. Dass die Ehrung vorerst ausbleibt, ist realitätsfern. Und dürfte die Pandemie weiter in die Länge ziehen.
Goldene Nobelpreismedaille: Offensichtlicher kann der Nutzen von Grundlagenforschung kaum werden

Goldene Nobelpreismedaille: Offensichtlicher kann der Nutzen von Grundlagenforschung kaum werden

Foto: Fernando Vergara / dpa

Das Testament des Dynamit-Erfinders Alfred Nobel ist eigentlich klar formuliert: Die Nobelpreise sollten an diejenigen Forscher gehen, »die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben«. Das vergangene Jahr wurde weltweit bestimmt vom Kampf gegen Covid-19. Eine der wirksamsten Waffen waren Covid-19-mRNA-Impfstoffe. Drängt es sich da nicht auf, die Erfinder jener Technik auszuzeichnen, die 2020 die schnelle Entwicklung ermöglichte?

Das Nobelkomitee entschied anders. Weder in der Kategorie Medizin noch in Chemie gab es Auszeichnungen für Impfstoff-Forscherinnen und -Forscher. Stattdessen wurden zwei Spezialisten für Sinneswahrnehmung bedacht und zwei Begründer einer Form von Katalyse, die für die Medikamentenentwicklung zentral ist. Keine Frage: in beiden Fällen handelt es sich um nobelpreiswürdige Arbeiten, die der Menschheit großen Nutzen gebracht haben. Aber waren sie im vergangenen Jahr tatsächlich wichtiger als die Entwicklung der mRNA-Impfstoffe?

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Nobelpreise an Fachleute gehen, die in der breiten Öffentlichkeit niemand kennt. Das Nobelpreiskomitee ist dafür bekannt, dass es herausragende Arbeiten oft erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten auszeichnet. Deshalb sind viele der Preisträger uralt, wenn sie die Ehrung erhalten.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der deutsche Nobelpreisträger Klaus Hasselmann etwa, der in diesem Jahr den Physik-Nobelpreis bekommt, ist fast 90. In vielen Fällen gibt es gute Gründe für den zeitlichen Verzug. Oft zeigt sich erst nach Jahren, wie wichtig eine Erkenntnis war. Allerdings ist genau das schon im vergangenen Jahr mit den Covid-19-Impfstoffen passiert – auf besonders eindrucksvolle Weise.

Mehr offensichtlicher Nutzen für die Menschheit geht kaum

Die Forschung, die die ungarische Biochemikerin Katalin Karikó in den Siebzigern teils gegen erhebliche Widerstände begonnen hat, war in der Pandemie plötzlich Gold wert. 2005 veröffentlichte Karikó  gemeinsam mit dem Immunologen Drew Weissman Erkenntnisse, wie sich fragile mRNA-Moleküle für den Einsatz in der Medizin stabilisieren lassen.

Die Arbeit bildet die Grundlage der Covid-19-Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna. Und sie ist, neben Forschung der Biontech-Gründer Özlem Türeci und Uğur Şahin, entscheidend dafür gewesen, dass so schnell, nämlich nicht mal ein Jahr nach Bekanntwerden der ersten Covid-19-Fälle in der chinesischen Metropole Wuhan, hochwirksame und sichere Impfstoffe gegen die Krankheit zur Verfügung standen.

Die Covid-19 Impfstoffe ermöglichen es bei breiter Anwendung, die Bevölkerung ohne Durchseuchung zu immunisieren – und haben somit das Potenzial, die Pandemie ohne weitere erhebliche Krankheitslast und unzählige weitere Todesfälle zu beenden . Offensichtlicher kann der Nutzen von Grundlagenforschung kaum werden.

Das wird Menschenleben kosten

Freilich lässt sich die mRNA-Forschung auch noch im kommenden Jahr auszeichnen – oder noch später. Die Bedeutung der Technologie wird auch dann noch groß sein. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für das Thema aber womöglich nicht mehr. Die Nobelpreise senden aufgrund ihres hohen Status und des Preisgeldes in Höhe von zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 980.000 Euro) immer auch ein Signal an die Öffentlichkeit.

Unter anderem der Biochemieprofessor Alexey Merz von der University of Washington hat das erkannt. »Dies ist bei Weitem kein typisches Jahr«, stand am Dienstag auf seinem Twitteraccount. Covid-19 sei in vielen Ländern inzwischen eine der häufigsten Todesursachen. »Ein Nobelpreis für die Covid-19-Impfstofftechnologie hätte wie kaum etwas anderes das Vertrauen der Fachgemeinschaft in die Vakzinen zum Ausdruck bringen können.«

Gut möglich, dass die realitätsferne Entscheidung der Nobeljury die Pandemie weiter in die Länge zieht. Der Preis hätte jenen, die noch unsicher sind, ob sie sich gegen Covid-19 impfen lassen wollen, Anlass geboten, sich noch einmal mit dem Thema zu befassen – und ihnen womöglich ein sichereres Gefühl gegeben. Das Nobelkomitee hätte so selbst dazu beitragen können, dass eine jahrelang zurückliegende Entdeckung in der Grundlagenforschung ihren potenziellen Nutzen praktisch besser entfalten kann.

Dass das nicht passiert ist, sei ein »absolutes Versäumnis«, so Merz auf dem Twitterprofil. »Es ist eine unvertretbare Entscheidung, die Leben kosten wird.«

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Um es mit der Weisheit von Kranführer Ronny zu sagen, der sich in einem bekannten YouTube-Video lautstark über einen schlecht verdichteten Kranplatz auf einer Baustelle aufregt: Die Nobeljury läuft dieses Jahr »am Leben vorbei«.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.