Ausstellung über NS-Forscher In den Händen des SS-Obersturmführers

An der Uni Tübingen wurden Handabdrücke von 309 Juden entdeckt. Der Anthropologe und SS-Obersturmführer Hans Fleischhacker wollte damit die krude Rassentheorie der Nazis beweisen.

Institut für Ethik und Geschichte der Medizin/ Universität Tübingen

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An der Wand des weißgestrichenen Flurs der Krankenbaracke in Auschwitz gab es einen waagerechten schwarzen Strich. Millimetergenau in einer Höhe von 1,56 Meter. KZ-Arzt Josef Mengele hatte diese Linie ziehen lassen, sie trennte fortan die Lebenden von den Toten. Für Kinder, die diese Markierung nicht erreichten, lohnte nach den Maßstäben des SS-Hauptsturmführers keine Behandlung, sie seien selbst nach Genesung zur Zwangsarbeit nicht zu gebrauchen. Die Kinder wurden getötet, durch eine Phenol-Injektion direkt ins Herz.

Während des Dritten Reichs orientierten sich unzählige SS-Ärzte und auch Wissenschaftler an ganz eigenen, grausamen Kriterien. Kann der Jude vielleicht noch als Arbeiter eingesetzt werden? Verfügt die polnische Familie über ausreichend Merkmale, um sie einzudeutschen? Gesunden Häftlingen injizierten Forscher Eiter, sie experimentierten mit Röntgenkontrastmitteln und Elektroschocks. Im Dienst der "menschlichen Erblehre und Eugenik" wurde gezählt, gemessen und gewogen.

309 Handabdrücke aus Lodz

Der Anthropologe Hans Fleischhacker (1912-1992), SS-Obersturmführer und Mitarbeiter des Rassenbiologischen Instituts der Universität Tübingen, betätigte sich ebenfalls in "Rassenkunde". Er hatte sein Tun freiwillig ganz in den Dienst der "Begutachtung des gesamten Reichgebiets in rassischer Hinsicht" gestellt, berichten Wissenschaftler um Urban Wiesing, Professor für Medizinethik an der Uni Tübingen. Sie haben die Forschung Fleischhackers nun detailliert untersucht - als ein Beispiel für eine immer noch notwendige Auseinandersetzung der Wissenschaften mit ihrer eigenen Geschichte.

Händedruck, Nummer 87: Fleischhacker zeichnete Linien
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin/ Universität Tübingen

Händedruck, Nummer 87: Fleischhacker zeichnete Linien

Ausgangspunkt des Projekts "In Fleischhackers Händen" war die Entdeckung Hunderter Handabdrücke von Jüdinnen und Juden. Wiederentdeckt wurden sie 2009 in den Beständen der Uni. Sie stammen aus Fleischhackers Habilitationsschrift "Das Hautleistensystem auf Fingerbeeren und Handflächen bei Menschen". Die Arbeit aus dem Jahr 1943 galt bislang als verschollen. Bei Recherchen der Forscher wurde jetzt eine Abschrift in einer Bibliothek in Wien entdeckt.

Eine Kollegin Fleischhackers hatte 1940 die Abdrücke von insgesamt 309 jüdischen Frauen und Männern aus der polnischen Stadt Lodz zu Forschungszwecken nach Tübingen geschickt. Fleischhacker hoffte auf wissenschaftliche Belege für eine Abgrenzung der Juden von anderen Menschen.

Wissenschaftler als NS-Täter

Für derartige Studien war der Anthropologe prädestiniert: 1935 hatte er mit einer Studie über die "Vererbung von Augenfarben" promoviert - bei Theodor Mollison in München, einer der Koryphäen der deutschen Rassenkunde. Von 1937 an arbeitete er als Assistent von Wilhelm Gieseler, Leiter des Instituts für Rassenkunde, in Tübingen.

Heute, 70 Jahre später, zeigt eine Ausstellung in Tübingen Fleischhackers höchst fragwürdige Handanalysen. Der Nazi-Forscher hat mit einem Stift Linien über die Handflächen gezeichnet und so grobe Verläufe markiert. Fleischhacker versuchte, eine Kategorisierung zu schaffen, Abgrenzungskriterien zu benennen, sagt Wiesing. Die Vielfalt des Lebens sollte sich in überschaubare Kategorien aufteilen lassen. So hatte Fleischhacker es schon als Student der Anthropologie an der Uni München gelernt.

Er verglich aber nicht etwa die Hände von Juden und Nichtjuden miteinander, er stützte sich in seiner Arbeit vielmehr auf Literatur über andere Rassen, berichtet Wiesing. "Das würde heute nicht mehr akzeptiert werden, damals war es nicht ungewöhnlich."

Händedruck, Nummer 210: Fleischhacker reiste im "rassenkundlichen Auftrag"
Institut für Ethik und Geschichte der Medizin/ Universität Tübingen

Händedruck, Nummer 210: Fleischhacker reiste im "rassenkundlichen Auftrag"

Fleischhacker förderte nicht den einen entscheidenden Unterschied zutage, er beschrieb verschiedene Details, den Verlauf einzelner Handlinien etwa, die er dann als typisch für Juden einstufte. In nüchterner, medizinischer Sprache schreibend, meinte Fleischhacker, eine Bestätigung für die krude Rassentheorie der Nazis gefunden zu haben.

"Die rassische Sonderstellung, welche die Juden und mit ihnen der ganze Vordere Orient in der Gesamtheit einnehmen, ist damit, glaube ich, erwiesen".

Das steht am Ende seiner Arbeit.

"Fleischhacker wollte den Beweis für die Sonderstellung der Juden herausarbeiten - wohl wissend, dass dieses Ergebnis nicht nur eine rein wissenschaftliche Beschreibung sein würde, sondern eine wertende", sagt Urban Wiesing. Die Arbeit Fleischhackers zeige, dass "Wissenschaftler nicht davor gefeit sind, unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Neutralität und fachgerechter Methodik Verbrechen zu unterstützen oder auch zu begehen".

Während die Menschen, deren Abdrücke Fleischhacker untersucht hatte, in Vernichtungslagern starben, konnte der überzeugte Nationalsozialist auch nach 1945 weiter seiner Arbeit nachgehen. Zwar hatte ihn die französische Militärregierung aus dem Dienst der Universität Tübingen entlassen, doch er fand eine Stelle als Sachverständiger an der Universität Frankfurt am Main. Erst 1970 kam es zu einem Strafprozess wegen Mordes in 115 Fällen vor dem Landgericht Frankfurt.

"Von den Folgen nichts gewusst"

Fleischhacker war der Beihilfe angeklagt, bei der Selektion von Häftlingen in Auschwitz beteiligt gewesen zu sein, die für den Aufbau einer Skelettsammlung gedacht waren. Tatsächlich war Fleischhacker im Juni 1943 wegen eines "rassekundlichen Auftrags" ins KZ Auschwitz gereist, wo er Lagerinsassen vermessen hatte. Die Häftlinge wurden später in ein anderes KZ deportiert und getötet. Ihre Leichen wurden in ein von SS-Professor August Hirt geleitetes Institut an der Reichsuniversität Straßburg gebracht.

Im März 1971 wurde Fleischhacker vom Landgericht Frankfurt freigesprochen. Er hatte in dem Prozess erklärt, er habe von den Konsequenzen seiner anthropologischen Messungen nichts ahnen können. Gegenüber dem SPIEGEL sagte sein Verteidiger:

"Mein Mandant hat sich auch vor 1945 ausschließlich mit der naturwissenschaftlichen beschreibenden Anthropologie befasst und zu keiner Zeit einen nationalsozialistischen oder rassistischen Standpunkt vertreten."

Fleischhacker lehrte später als Professor an der Universität Frankfurt. Allerdings begannen die Biologie-Studierenden der Uni Frankfurt in den Siebzigerjahren, seine Lehrveranstaltungen zu boykottieren. Sein Institut richtete eine Parallelveranstaltung ein. Damit "Hörer, die ihn ablehnen, im Studienfortgang nicht behindert werden", lautete die Begründung des Dekans. Fleischhacker erklärte dazu: "Ich sehe keinen Anlass, meine Arbeit einzustellen."

Zusammengefasst: Hans Fleischhacker (1912-1992), SS-Obersturmführer und Mitarbeiter des Rassenbiologischen Instituts der Universität Tübingen, untersuchte 1940 bis 1943 für seine Dissertation 309 Handabdrücke von Jüdinnen und Juden. Fleischhacker bekundete, er habe dadurch einen Beweis für ihre Sonderstellung gefunden. Die Juden starben später in Konzentrationslagern. Fleischhacker wurde nach Kriegsende vor Gericht freigesprochen. Seine wissenschaftlich zweifelhafte Arbeit galt bis 2014 als verschollen, nun wird sie erstmals in einer Ausstellung in Tübingen gezeigt.

Hinweis der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Artikels fehlte eine Quellenangabe. Das ist korrigiert - wir bitten um Entschuldigung!


Die Ausstellung "In Fleischhackers Händen" ist im Schloss Hohentübingen, Tübingen, noch bis zum 28. Juni 2015 zu sehen. Dokumentiert ist die Forschung der Medizinethiker in einem Katalog: In Fleischhackers Händen; Jens Kolata, Richard Kühl, Henning Tümmers, Urban Wiesing (Hg.); Schriften der Eberhard-Karls-Universität Tübingen; 2015; Band 8.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
ratxi 22.05.2015
1. Erstaunlich....ja.....nein....
Es ist wirklich erstaunlich, wieviele Täter und Mittäter in den 70er- und 80er-Jahren noch völlig problemlos ungeschoren davonkamen. Obwohl, eigentlich ist es auch überhaupt nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der gesamte deutsche Apparat ja zwangsläufig noch mit Leuten durchzogen war, die selbst noch "Leichen im Keller" hatten; insofern also Andere doch gerne als unschuldig stehen ließen, um sich selbst etwas "unschuldiger" fühlen zu können.
kneppe 22.05.2015
2. Und er lebte...
...froh und zufrieden bis an sein Lebensende 1992. Hat von nichts gewusst, war nur ein Mitläufer und durfte als Dozent und Professor nach dem Krieg nahtlos weitermachen. Der Ärmste hätte bei mir bis '92 gesiebte Luft geschnuppert
schgucke 22.05.2015
3.
Zitat von ratxiEs ist wirklich erstaunlich, wieviele Täter und Mittäter in den 70er- und 80er-Jahren noch völlig problemlos ungeschoren davonkamen. Obwohl, eigentlich ist es auch überhaupt nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der gesamte deutsche Apparat ja zwangsläufig noch mit Leuten durchzogen war, die selbst noch "Leichen im Keller" hatten; insofern also Andere doch gerne als unschuldig stehen ließen, um sich selbst etwas "unschuldiger" fühlen zu können.
sehe ich auch so, sowohl das mit dem Davonkommen als auch mit den vollbesetzten Glashäusern. schade auch, dass erst jetzt umfassende Aufbereitung der immer schon vorhandenen Fakten und Dokumente stattfindet. all das hätte man früher wissen und verwenden können und müsste jetzt nicht, als Feigenblatt, Nazigreise der hinteren Ränge in die Gerichtssäle fahren.
Aloysius Pankburn 22.05.2015
4. Vom kleinsten Amtsdiener bis in
Zitat von ratxiEs ist wirklich erstaunlich, wieviele Täter und Mittäter in den 70er- und 80er-Jahren noch völlig problemlos ungeschoren davonkamen. Obwohl, eigentlich ist es auch überhaupt nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der gesamte deutsche Apparat ja zwangsläufig noch mit Leuten durchzogen war, die selbst noch "Leichen im Keller" hatten; insofern also Andere doch gerne als unschuldig stehen ließen, um sich selbst etwas "unschuldiger" fühlen zu können.
Regierungskreise war da alles mit Ex-Nazis besetzt. Konrad Adenauer selbst war mit Nazis in seiner engsten Umgebung sehr flexibel eingestellt.
schgucke 22.05.2015
5. Ralph Giordano
hat sich in seinem Buch "Die zweite Schuld" mit dem 'großen Frieden', der wissend mit den Tätern gemacht wurde, auseinandergesetzt. Auch er leider jüngst verstorben und damit für immer schweigend.
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