Neurologie Ist Obdachlosigkeit heilbar?

Obdachlose haben oft neurologische Probleme. Lange blieb die Frage nach Ursache und Wirkung offen. Nun zeigt eine neue Studie: In vielen Fällen ist offenbar ein Hirntrauma der Grund dafür, dass Menschen auf der Straße leben.
Obdachloser in Hamburg: Ein neurologisches Problem?

Obdachloser in Hamburg: Ein neurologisches Problem?

Foto: Christian Charisius/ dpa

Hamburg - Jedes Jahr erleiden in Deutschland schätzungsweise mehr als 270.000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT). Eine mögliche Konsequenz eines SHT klingt zunächst so abwegig, dass man intuitiv kaum darauf kommt: Hirnverletzungen scheinen das Risiko erheblich zu erhöhen, irgendwann im Laufe des Lebens obdachlos zu werden und sich nicht mehr aus dieser Lage befreien zu können.

Darauf deutet eine am Freitag im Journal der Canadian Medical Association  veröffentlichte Studie hin: Jane Topolovec-Vranic vom St. Michaels Hospital in Toronto legte statistische Daten vor, wonach bei 45 Prozent aller von ihrem Team untersuchten Obdachlosen einfache oder sogar mehrfache Hirnverletzungen festgestellt wurden.

SHT unterscheiden sich in ihrer Schwere erheblich. Das reicht von Schwellungen, die einfach wieder vergehen können, bis hin zu Blutungen und Ausfällen ganzer Hirnareale, die dann zwangsläufig neuronale Ausfälle mit sich bringen und zum Tod führen können. Die meisten SHT sind leichterer Natur, meist werden sie weder erkannt noch behandelt. Doch das heißt nicht, dass sie nicht mit Risiken und Folgen verbunden sein können.

Erst Schlag, dann Absturz - oder umgekehrt?

Der Zusammenhang zwischen SHT und Obdachlosigkeit ist an sich bekannt. Schon 1995 zeigten Paul Toro und andere , dass die Wahrscheinlichkeit vorliegender Hirnverletzungen bei Obdachlosen signifikant höher ist als bei anderen Armen. Jennifer L. Highley  untersuchte 2008 unter anderem den Kontext zwischen Hirnverletzungen bei Obdachlosen und "sozialem Versagen" - der Unfähigkeit, im gesellschaftlichen Rahmen normal zu "funktionieren". Zahlreiche US-amerikanische und kanadische Studien  wiesen in den letzten Jahren immer wieder erschreckend hohe Fallzahlen und Prozentsätze von Hirnverletzungen unter Obdachlosen nach.

Nur ergab sich aus all dem eine Art Henne-Ei-Problem: Bedeuteten die Befunde, dass Hirnverletzungen das Risiko von Obdachlosigkeit erhöhen, oder dass Obdachlosigkeit mit einem erhöhten Risiko von Hirnverletzungen einhergeht?

Die neuen Zahlen weisen auf ein Sowohl-als-Auch hin: Wer auf der Straße lebt, ist einem erhöhten Gewalt- und Unfallrisiko ausgesetzt. Im statistischen Schnitt erleiden Obdachlose circa fünf- bis siebenmal öfter eine Hirnverletzung als ein Mensch mit ständigem Wohnsitz. Zugleich aber scheint es so zu sein, dass für zahlreiche Betroffene die Hirnverletzung der Grund für die Obdachlosigkeit sein könnte.

Für diese These steht vor allem eine erschreckende Zahl in der aktuellen Studie: Zu 87 Prozent der gefundenen (ersten) Hirnverletzungen der Betroffenen kam es zeitlich vor dem Leben in Obdachlosigkeit. In 73 Prozent dieser Fälle kam es zu den Erstverletzungen in Kinder- oder Jugendjahren.

Die Hauptursache dieser Verletzungen ist Gewalt - in welcher Form auch immer. Physische Angriffe, Schläge und Tritte stehen an erster Stelle (66 Prozent). Viele der Kopfverletzungen resultieren aber auch aus Alltagsrisiken wie Sport (44 Prozent der Betroffenen) oder Verkehr (42 Prozent). Das statistische "Übermaß" erklärt sich durch die Häufigkeit mehr- und vielfacher Verletzungen in der untersuchten Gruppe. Drogen spielen sowohl bei denen, die als Kinder verletzt wurden, eine große Rolle (Eltern mit Drogenhintergrund), als auch bei jüngeren Obdachlosen, bei denen Stürze unter Drogeneinfluss zu den häufigsten Unfallursachen gehören.

Hirntraumata erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Obdachlosigkeit

Vieles von dem deckt sich mit Befunden früherer Studien. Außergewöhnlich hoch ist beispielsweise der Obdachlosen-Anteil unter amerikanischen Militärveteranen, die ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten haben - statistisch gesehen erheblich höher als bei anderen Verletzungen. Veteranen sind unter den Obdachlosen in den USA statistisch deutlich überrepräsentiert. Das aber ist möglicherweise nicht nur ein Indiz schlechter Versorgung nach der Militärzeit, sondern eben auch dafür, dass durch Explosionen verursachte SHT die Wahrscheinlichkeit für spätere Obdachlosigkeit erhöhen.

2008 zeigte eine Studie von Stephen W. Hwang und andere , dass es zu dem Gros der Hirnverletzungen, die man bei Obdachlosen fand, vor Einsetzen der Obdachlosigkeit gekommen war. Rund zehn Prozent der Untersuchten erlitten ihre Hirnverletzung sogar unmittelbar vor dem Fall in die Obdachlosigkeit - ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich hier offenbar um einen auslösenden Faktor handelt (siehe Grafik unten).

Obdachlosigkeit und Hirnverletzungen: Der Nullpunkt markiert den Beginn der Obdachlosigkeit, die Balken die Zahl der Verletzungen unter den Untersuchten im jeweiligen Jahr vor oder nach Beginn der Obdachlosigkeit

Obdachlosigkeit und Hirnverletzungen: Der Nullpunkt markiert den Beginn der Obdachlosigkeit, die Balken die Zahl der Verletzungen unter den Untersuchten im jeweiligen Jahr vor oder nach Beginn der Obdachlosigkeit

Foto: CMAJ

Daraus ließe sich schließen, dass Obdachlosigkeit in vielen Fällen ein Symptom für ein therapiebedürftiges neurologisches Problem wäre. Anders gesagt: Obdachlosigkeit wäre unter Umständen durch rechtzeitig einsetzende neurologische Therapie vermeidbar.

Im Grunde ist das kaum verwunderlich. 80 bis 100 Prozent der Betroffenen schon eines milden SHT erleben direkt nach dem Trauma eines oder mehrere der folgenden Symptome: Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Gedächtnisprobleme, Reizbarkeit, Erschöpfung, Depression, Angstgefühle, Schwindel, Licht- oder Lärmempfindlichkeit.

Innerhalb von einem Jahr normalisiert sich der Zustand der meisten Patienten wieder. Bei manchen Patienten sind die Symptome allerdings bleibend, berichtete 2011 die Neurologin Lisa Brenner in einer auf einer Metastudie beruhenden Präsentation. Eine deutsche SHT-Studie zählte im Jahr 2006 sechs Prozent Patienten, die nach ihrem Trauma nur noch teilweise oder gar nicht mehr in Schule, Ausbildung oder Beruf zurechtkamen. Zugleich wurden jedoch 95 Prozent aller Opfer eines milden SHT nach Erstversorgung ohne Reha oder weitere Versorgung entlassen.

Relevant ist all das vor allem, weil es Konsequenzen für die Behandlung von Obdachlosen hat - wie auch für Versuche ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Obdachlose gelten häufig als "schwierige Patienten", laut Topolovec-Vranic liegt das aber oft an neurologischen Problemen - entsprechend müssten solche Patienten behandelt werden. Frühzeitige Therapie könnte zudem mittelfristig helfen, Obdachlosigkeit zu verhindern.

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