Virusvariante in Bayern nachgewiesen Omikron in Deutschland – die Fakten

Die besorgniserregende Corona-Variante Omikron hat Deutschland erreicht. Warum das gefährlich ist, wie die Impfstoffe jetzt noch wirken – und welche scharfen Maßnahmen die Politik plant.
Corona-Patienten auf dem Weg von München nach Hamburg (am Freitag): »Wir müssen davon ausgehen, dass Hunderte Intensivpatienten verlegt werden müssen«

Corona-Patienten auf dem Weg von München nach Hamburg (am Freitag): »Wir müssen davon ausgehen, dass Hunderte Intensivpatienten verlegt werden müssen«

Foto: Steven Huchings / dpa

Omikron ist in Deutschland angekommen

In München sind die ersten beiden Fälle der neuen Omikron-Variante des Coronavirus in Deutschland bestätigt worden. Die beiden Reisenden seien am 24. November mit einem Flug aus Südafrika eingetroffen, sagte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU).

Auch in Hessen gibt es mindestens einen Verdachtsfall. Nach Angaben des dortigen Sozialministers Kai Klose (Grüne) sind bei einem Reiserückkehrer aus Südafrika mehrere für Omikron typische Mutationen gefunden worden. »Es besteht also ein hochgradiger Verdacht, die Person wurde häuslich isoliert.« Das Frankfurter Gesundheitsamt erwartet am Montag genaue Ergebnisse. (Die aktuelle Entwicklung lesen Sie hier.)

Warum ist Omikron so gefährlich?

Seit dem Auftreten der Delta-Variante hat keine neue Mutation des Coronavirus so große Besorgnis ausgelöst wie die nun in Südafrika neu entdeckte. Bislang ist nur wenig über die Variante bekannt, die wissenschaftlich mit B.1.1.529 bezeichnet wird und außerdem nach dem griechischen Buchstaben Omikron benannt wurde.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft die neue Variante wegen der großen Zahl an Mutationen als »besorgniserregend« ein. Laut dem Robert-Koch-Institut wurden rund 30 Aminosäure-Änderungen im Spike-Protein festgestellt, aber auch viele Mutationen, deren Bedeutung unklar ist.

Zum anderen rührt die internationale Besorgnis daher, dass die Zahl der Infektionsfälle in der südafrikanischen Provinz Gauteng, wo B.1.1.529 erstmals nachgewiesen wurde, sehr rasch steigt. Die EU-Krankheitsbekämpfungsbehörde ECDC hält das Risiko einer Ausbreitung auch in Europa für »hoch bis sehr hoch«.

Ob die Omikron-Variante gefährlicher ist als die Delta-Variante, ist noch unklar. Bisher dominiert die Delta-Variante das Infektionsgeschehen in den meisten Ländern, darunter auch in Deutschland. Laut RKI ist Omikron unabhängig von der Delta-Variante entstanden.

Wie wirksam sind die Impfstoffe jetzt noch?

Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich auch gegen die neue Variante schützen, insbesondere gegen schwere Krankheitsverläufe. Allerdings umgehe die neue Variante offensichtlich zumindest teilweise die Immunantwort des Körpers, erklärte er im ZDF.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach auf Twitter von einer »schlechten Nachricht«, die »aber kein Grund zur Panik« sei. Durchbruchinfektionen in Südafrika hätten meist Geimpfte betroffen, deren Impfung sechs Monate zurückgelegen habe. Er gehe davon aus, dass die Impfung auch bei Omikron Schutz vor schwerer Krankheit biete. Der Booster schütze »wahrscheinlich voll«.

Deutlich skeptischer äußerte sich der Epidemiologe Timo Ulrichs. Die Veränderungen im Vergleich zum ursprünglichen Virus »könnten das Potenzial haben, die bestehende Immunisierung der bisher verwendeten Impfstoffe zu umgehen«, sagte er dem Portal watson.de.

Die Münchner Virologin Ulrike Protzer sagte, frisch nach einer Impfung gebe es viele Antikörper – das reiche aus, um auch Varianteviren »wegzuneutralisieren«. Wenn die Impfung eine Weile her sei, könnten Auffrischungsimpfungen das Immunsystem »hochpushen«. Ob man später eine weitere Impfung brauche oder einen angepassten Impfstoff, könne man jetzt noch nicht sagen.

Biontech hat bereits eine Prüfung seines Vakzins eingeleitet und will es gegebenenfalls anpassen. Erste Ergebnisse sollen nach Angaben des Mainzer Pharmaunternehmens in spätestens zwei Wochen vorliegen. Das US-Unternehmen Moderna kündigte an, eine spezielle Auffrischungsimpfung gegen die Omikron-Variante zu entwickeln.

Was fordern Forscherinnen und Forscher?

Unabhängig von der Omikron-Variante empfiehlt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina sofortige umfassende Kontaktbeschränkungen – um dem rasanten Anstieg der Corona-Neuinfektionen in Deutschland zu begegnen. »Unmittelbar wirksam ist es aus medizinischer und epidemiologischer Sicht, die Kontakte von Beginn der kommenden Woche an für wenige Wochen deutlich zu reduzieren«, heißt es in einer Stellungnahme. »Aufgrund der nachlassenden Immunität müssten diese Maßnahmen vorübergehend auch für Geimpfte und Genesene gelten, die in dieser Zeit eine Auffrischungsimpfung erhalten müssen.« Neue Virusvarianten machten schnelles und konsequentes Handeln noch dringlicher.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, sagte mit Blick auf eine allgemeine Impfpflicht, wenn man es nicht schaffe, einen großen Teil der Bevölkerung zu impfen, sei dies »auf jeden Fall eine Option«, über die man dann nachdenken sollte. Deutschland sei in einer Notsituation. »Man sollte in einer Krisensituation einfach nichts prinzipiell ausschließen.«

Wie sind die aktuellen Zahlen?

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist erneut gestiegen und hat einen Höchststand erreicht. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Samstagmorgen mit 444,3 an. Zum Vergleich: Vor einer Woche hatte der Wert bei 362,2 gelegen. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 67.125 Corona-Neuinfektionen.

Was auf die Kliniken zukommt

Schon jetzt werden Intensivpatienten innerhalb Deutschlands verlegt – wegen der regionalen Überlastung von Intensivstationen. Doch diese Verlegungen reichen nach Ansicht des Grünen-Gesundheitsexperten Janosch Dahmen womöglich nicht aus. »Anhand der Neuinfektionszahlen müssen wir davon ausgehen, dass Hunderte Intensivpatienten verlegt werden müssen«, sagte Dahmen der »Welt am Sonntag«. »Weil der Bedarf so eklatant ansteigen könnte, werden möglicherweise auch Verlegungen in EU-Nachbarstaaten notwendig«, fügte der Bundestagsabgeordnete hinzu. Am Freitag hatte sich erstmals die Luftwaffe der Bundeswehr an der Verlegung von Corona-Intensivpatienten innerhalb Deutschlands beteiligt.

Was die Politik plant

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat die Empfehlung der Leopoldina für sofortige Kontaktbeschränkungen als »einen Warn- und Weckruf« bezeichnet. »Die Lage ist ernster, als die meisten glauben«, sagte Söder der Nachrichtenagentur dpa. »Und Omikron könnte zu einer neuen Bedrohung werden.«

Für den Fußball schloss Söder eine Rückkehr zu weiteren Geisterspielen nicht aus. »Es müssen auf jeden Fall die Zuschauerzahlen deutlich reduziert werden«, sagte er dem TV-Sender Sky. In Sachsen wird bereits ohne Zuschauer gespielt.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hält sogar einen erneuten Lockdown für erforderlich. »Ich fordere den Bund auf, eine Bundesnotbremse einzusetzen«, sagte die geschäftsführende Senatorin der »Berliner Morgenpost«. Zugleich bat sie die Menschen in Berlin, Großveranstaltungen vor allem in Innenräumen zu meiden.

Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wiederum hat lange Einschränkungen für Ungeimpfte ins Spiel gebracht. Der CDU-Politiker sagte, er sei grundsätzlich skeptisch, was eine allgemeine Impfpflicht angehe. Eine Alternative sei jedoch durchgängig 2G für alle Lebensbereiche, also Zugang nur noch für Geimpfte und Genesene. Es könnte zu einer Ansage kommen: »Stellt euch darauf ein, 2G, geimpft oder genesen, und zwar auffrischgeimpft dann ab einem Punkt X, gilt mindestens mal das ganze Jahr 2022. Wenn du irgendwie mehr tun willst als dein Rathaus oder deinen Supermarkt besuchen, dann musst du geimpft sein.« Das sei eine Option, die besprochen werden müsse.

Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag, Ralph Brinkhaus, forderte weitere schnelle Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus – bis hin zu einem möglichen Vorziehen der Weihnachtsferien. Der »Welt am Sonntag« sagte er: »Sollte sich die Lage noch verschlimmern, muss meines Erachtens auch darüber nachgedacht werden, die Weihnachtsferien überall ein bis zwei Wochen früher beginnen zu lassen, um die Kontakte zum Beispiel in den Schulen zu reduzieren.«

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geht bereits fest von weitergehenden Einschränkungen aus. »Tatsächlich ist das Infektionsgeschehen aggressiver als gedacht«, sagte er in den ARD-»Tagesthemen« am Freitagabend. Zwar hätten die Maßnahmen gewirkt, die Kontakte gingen etwas zurück. »Aber es ist noch nicht da, wo es sein müsste, und es wird auf jeden Fall notwendig werden, dass wir nachschärfen, davon gehe ich aus.«

Auch die Grünen rechnen mit einer erneuten Nachschärfung des Infektionsschutzgesetzes. »Die aktuelle Notlage ist sehr besorgniserregend. Es war und ist völlig klar, dass die beschlossenen Änderungen im Infektionsschutzgesetz allenfalls ein erster Schritt sein können«, sagte der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen der »Rheinischen Post«. Es sei offensichtlich, dass es bisher nicht gelungen sei, die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Merkel oder Scholz – wer ist zuständig?

Unionspolitiker forderten die Ampel-Parteien auf, zügig einen Ansprechpartner für Corona zu benennen. Der amtierende Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) sagte der »Bild«: »Wir brauchen dringend einen klaren, sachkompetenten Ansprechpartner in der zukünftigen Regierung.«

Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder sagte: »Wir können keine zehn Tage warten, bis ein neuer Gesundheitsminister sein Amt antritt.« Es brauche sofort ein Team aus altem und neuem Minister.

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sprach sich wegen der Omikron-Gefahr für eine schnelle Ministerpräsidentenkonferenz aus. Man stehe erneut vor einer »Stunde Null in der Pandemiebekämpfung«, sagte Hans nach einer Mitteilung der Staatskanzlei in Saarbrücken. »Eine nationale Notlage erfordert den Schulterschluss aller Länder, sowie alter und neuer Bundesregierung.«

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kündigte derweil konsequentes Handeln an. Man werde alles tun, was getan werden muss, sagte er beim Bundeskongress der Jusos und sprach von »wieder neuen dramatischen Herausforderungen«. Es gebe nichts, was nicht in Betracht genommen werde. Ehrgeiziges Ziel sei, dass jetzt alle eine Booster-Impfung zur Auffrischung bekämen. Er habe bereits angekündigt, dass ein Krisenstab eingesetzt werden soll. Es gebe derzeit eine enge Zusammenarbeit der künftigen und der jetzigen Regierung, sagte Scholz.

Wie ist die Lage im Ausland?

Grundsätzlich schauen die meisten ausländischen Beobachter und Politiker skeptisch auf Deutschland – wegen der niedrigen Impfquote hierzulande. Die Virusvariante Omikron verschärft die Lage nun aber auch in anderen Ländern wieder.

So sind in Großbritannien zwei Corona-Fälle mit der Omikron-Variante entdeckt worden. In den englischen Städten Nottingham und Chelmsford sei jeweils ein Fall festgestellt worden, teilte der britische Gesundheitsminister mit. Beide Fälle sollen miteinander in Verbindung stehen und auf Reisen in den Süden Afrikas zurückzuführen sein. Die betroffenen Personen und ihre Haushalte befänden sich in Quarantäne, außerdem werde man in den Gegenden verstärkt testen.

Großbritannien verschärft nun seine Regeln für Einreisende aus aller Welt. Alle Ankommenden müssen an Tag Zwei nach ihrer Einreise einen PCR-Test machen und bis zum Erhalt eines negativen Testergebnisses in Quarantäne gehen, wie Premier Boris Johnson mitteilte.

In den Niederlanden sind 61 Flugpassagiere aus Südafrika positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Tests seien bei der Ankunft am Flughafen Schiphol in Amsterdam vorgenommen worden, teilte die niederländische Gesundheitsbehörde GGD mit. Die positiv Getesteten würden in einem Quarantänehotel nahe dem Flughafen untergebracht. Es werde nun untersucht, ob sie sich mit der neuen, erstmals in Südafrika entdeckten Virusvariante angesteckt haben.

wal/dpa/Reuters/AFP
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