Entstehung der Omikron-Variante Lücke im Corona-Stammbaum

Wegen der vielen Mutationen unterscheidet sich Omikron von allen bislang bekannten Varianten des Coronavirus. Wie kann es passieren, dass plötzlich ein derart veränderter Erreger auftaucht? Es gibt vor allem zwei Theorien.
Neue Virusvarianten können unter anderem in Menschen mit einem geschwächten Immunsystem entstehen und sich anschließend in der Bevölkerung verbreiten (Symbolbild)

Neue Virusvarianten können unter anderem in Menschen mit einem geschwächten Immunsystem entstehen und sich anschließend in der Bevölkerung verbreiten (Symbolbild)

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JEROME FAVRE / EPA

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Das Coronavirus hat erneut gezeigt, wie unberechenbar es ist. Zwar hatten Fachleute vermutet, dass es weiter mutieren wird – dies gehört zur Natur des Erregers. Die Anzahl und Zusammensetzung der Mutationen, die Forschende jetzt in der Omikron-Variante entdeckt haben, ist jedoch ungewöhnlich. »Ich bin überrascht, so viele Mutationen in dem Virus zu sehen«, sagte Christian Drosten von der Berliner Charité im ZDF.

Allein am Spike-Protein, mit dessen Hilfe sich das Coronavirus Zugang zu menschlichen Zellen verschafft, besitzt Omikron im Vergleich zum Ursprungsvirus mehr als 30 Mutationen. Manche davon teilt sich die Variante mit besorgniserregenden Mutanten wie der Alpha- oder der Delta-Variante. Andere sind so neu, dass ihre möglichen Auswirkungen vollkommen unbekannt sind.

Durch die vielen Mutationen unterscheidet sich Omikron stark von den Formen des Virus, die sich bislang weltweit verbreitet haben. »Das Virus scheint keine Tochter von Delta oder kein Enkel von Beta zu sein, sondern eine neue Linie von Sars-CoV-2 zu repräsentieren«, schreibt eine Gruppe südafrikanischer Forscherinnen und Forscher, die an der Entdeckung von Omikron beteiligt waren, in einem Beitrag  in »The Wire Science«.

Keine Tochter von Delta, kein Enkel von Beta

Fachleute beobachten seit Beginn der Pandemie, wie sich das Erbgut des Coronavirus weiterentwickelt. Dafür sammeln sie weltweit Informationen von Proben, bei denen das komplette Genom von Sars-CoV-2 mit all seinen Mutationen untersucht wurde. Das Ergebnis sind Stammbäume, mit deren Hilfe sich nachvollziehen lässt, wie Varianten entstanden sind und sich über die Welt verbreitet haben.

Auch der genetische Bauplan erster Omikron-Proben wurde mittlerweile in die Nextstrain-Software eingespeist . Die Ergebnisse sprechen für eine ungewöhnliche Lücke im Stammbaum. Die nächste bekannte evolutionäre Verbindung von Omikron bestehe zu Virusvarianten, die Mitte 2020 nachgewiesen wurden, schreibt Trevor Bedford, der an der University of Washington  die Evolution von Viren erforscht, auf Twitter.

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Bedford zufolge sind zwei Erklärungen für die mehr als ein Jahr lange Lücke im Stammbaum denkbar. Demnach könnte es sein, dass das Virus schon länger in Regionen zirkuliert, in denen bei Coronafällen nur selten das Erbgut der Erreger analysiert wird. Zwar wurde das Virus zuerst in Südafrika nachgewiesen. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Variante tatsächlich in dem Land entwickelt hat.

Die zweite laut Bedford mögliche Erklärung ist, dass sich Omikron im Körper eines Menschen mit einem eingeschränkten Immunsystem und einer chronischen Infektion entwickelt hat. Das halten auch andere Forschende für wahrscheinlich.

Beschleunigte Evolution im Körper

Ist das Immunsystem etwa durch eine HIV-Infektion geschwächt, besteht die Gefahr, dass es das Coronavirus zwar bekämpfen, aber nicht komplett eliminieren kann. Die Folge ist eine chronische, also über Wochen oder sogar Monate andauernde Infektion. Dabei können sich durch Zufall Varianten des Virus bilden, die dem Immunsystem noch besser entkommen als der Erreger, mit dem sich die Person ursprünglich infiziert hat. Da die Varianten im Vergleich zum Ursprungsvirus einen Vorteil haben, können sie sich durchsetzen. Infizieren die Betroffenen andere, kann sich das veränderte Virus anschließend in der Bevölkerung verbreiten. Es handelt sich um eine Art Evolution im Zeitraffer.

Eigentlich ist HIV mittlerweile so gut behandelbar, dass sich das Virus im Körper nicht mehr nachweisen lässt und kaum Schaden anrichtet. In Südafrika jedoch leben viele Menschen mit einer fortgeschrittenen HIV-Erkrankung, die keinen Zugang zu einer effizienten Therapie haben. Das macht es wahrscheinlicher, dass ein solcher Fall in dem Land passiert sein könnte. Hinzu kommt, dass Südafrika eine verheerende Welle mit der Delta-Variante erlebt hat.

Dass Omikron in einem Patienten mit HIV oder einer anderen Form der Immunschwäche entstanden ist, hält auch Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI), für denkbar und wahrscheinlich. In Menschen mit geschwächtem Immunsystem könne sich das Virus über viele Wochen vermehren, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. »Dabei können immer wieder vereinzelt Mutationen auftreten, die dem Virus eventuell keinen Vorteil bringen, die sich aber aufgrund der fehlenden Kontrolle durch das Immunsystem dennoch weiter vermehren können.« Dadurch könnten zusätzliche Mutationen entstehen, die dann in der Kombination eventuell einen Vorteil brächten.

Um zu vermeiden, dass sich so umfangreich veränderte Varianten ausbreiten, wäre es dem Experten zufolge wichtig, immungeschwächte Menschen mit einer Coronainfektion zu erkennen und zu isolieren, bis sie nicht mehr ansteckend sind. »Denn selbst wenn das Virus in einer solchen Person stark mutiert, erst die Weitergabe des mutierten Virus ist wirklich gefährlich«, erklärt er.

Mit Material von dpa
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