Internet Einfluss der großen Wissenschaftsmagazine sinkt

Lange haben einige einflussreiche Wissenschaftszeitschriften den Markt dominiert. Doch in Zeiten des Internets schwindet ihre Vormachtstellung allmählich. Denn immer mehr Forschungsergebnisse sind kostenfrei zugänglich. Die Informationsgesellschaft profitiert davon.
Die Üblichen: Etablierte Fachjournale verlieren Einfluss zugunsten kostenloser Angebote

Die Üblichen: Etablierte Fachjournale verlieren Einfluss zugunsten kostenloser Angebote

Hamburg - Wissenschaft, hehres Streben nach Erkenntnis, stets dem Gemeinwohl gewidmet, frei von ökonomischen und ideellen Zwängen? Mitnichten. Auch die Forschungsgemeinschaft kennt Konkurrenzdruck und Knebelverträge. Mehr als hundert Jahre lang haben einige große wissenschaftliche Journale wie "Nature", "Science" und "Jama" den Markt dominiert. Wer als Forscher Anerkennung genießen und durchstarten wollte, musste seine Ergebnisse in einem der angesehenen Magazine publizieren, damit diese möglichst oft zitiert werden.

Doch in Zeiten des Internets bröckelt die Vormachtstellung der etablierten Magazine allmählich. Wie eine Gruppe um Vincent Larivière von der Universität Montreal berichtet , geht die Bedeutung der großen wissenschaftlichen Zeitschriften langsam aber stetig zurück. Demnach zitieren seit einigen Jahren weniger Forscher aus Arbeiten, die in besonders hochrangigen Publikationen erscheinen. Das schmälert deren Einfluss. Mit Hilfe der Internetsuche seien nun auch Artikel aus kleineren Fachjournalen einfacher zu finden.

Die noch immer besondere Position des britischen Journals "Nature" und der US-amerikanischen Zeitschrift "Science" zeigt sich an ihrem hohen Impact Factor. Dieser gibt an, wie oft andere Zeitschriften Artikel aus diesen Journalen im Verhältnis zur Gesamtzahl der darin veröffentlichten Artikel zitieren. Eine Publikation in "Nature" ist somit mehr wert als in anderen Magazinen. Wird beispielsweise ein Professor neu berufen, spielt die Zahl seiner Veröffentlichungen bei solch hochwertigen Adressen eine Rolle. Gerade aufstrebende Wissenschaftler fühlen sich dadurch oft gezwungen, bei den Etablierten zu publizieren und deren Konditionen zu akzeptieren. Dementsprechend konnten "Science", "Jama", "Cell" und andere ihre Themen stets aus einem breiten Angebot wählen.

Open Access auf dem Vormarsch

Wie Larivière nun herausgefunden hat, schwächt sich diese Tradition ab. 1990, auf dem Höhepunkt ihrer Dominanz, erschienen noch 45 Prozent der am meisten zitierten Artikel auch in den einflussreichsten Journalen. 2009 waren es nur noch 36 Prozent.

Die Untersuchung basiert auf rund 820 Millionen Zitaten aus fast 30 Millionen Artikeln, die zwischen 1902 und 2009 publiziert wurden. "Von 1902 bis 1990 wurden die herausragenden Entdeckungen in den prominentesten Journalen präsentiert", erklärt Larivière. Dieser Zusammenhang sei heutzutage nicht mehr so ausgeprägt. Als Grund sieht er die neuen Möglichkeiten, mit denen sich Informationen elektronisch verbreiten lassen. "Die digitale Technik hat die Art und Weise verändert, in der Forscher über neue Texte informiert werden. Historisch haben wir alle Journale auf Papier abonniert. Die Periodika waren die Hauptquelle für wissenschaftliche Arbeiten, und wir mussten nicht außerhalb von ihnen schauen", erklärt der Informationsexperte.

Das habe sich mit dem Aufkommen von Suchmaschinen wie Google Scholar verändert: "Suchmaschinen verleihen Zugang zu allen Artikeln, ob sie nun in den prestigeträchtigen Journalen publiziert sind oder nicht", sagt Larivière. Um die Bedeutung eines Artikels und damit der Arbeit eines Forschers zu beurteilen, sollte seiner Meinung nach vor allem die Anzahl der Zitate seiner Artikel herangezogen werden und nicht mehr vorrangig die Tatsache, in welchem Fachmagazin sie erschienen sind. Damit würde der Einfluss der Impact Factors der großen Journale sinken.

Auch Wissenschaftler kritisieren Praktiken der Großverlage

Seit Längerem schon zeigen sich Wissenschaftler unzufrieden mit einigen Praktiken der etablierten Zeitschriften und der kooperierenden Großverlage. So hat sich Anfang 2012 ein Widerstand gegen das britisch-niederländische Unternehmen Elsevier formiert, das mit wissenschaftlichen Zeitschriften und Datenbanken viel Geld verdient. Seither haben auf der Seite thecostofknowledge.com  ("Der Preis des Wissens") knapp 13000 Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen zum Boykott des einflussreichen Unternehmens aufgerufen. Als Grund nennen sie die inakzeptabel hohen Preise, die der Verlag für Zeitschriftenabos verlange, wobei er seine Marktmacht missbrauche. Kurze Zeit später schloss sich auch die TU München dem Aufstand an und kündigte das Elsevier-Paket ihrer Bibliothekfür das kommende Jahr. Neben den hohen Kosten seien die darin enthaltenen Publikationen "mehrheitlich nicht sehr bedeutend", wie ein Sprecher der Uni SPIEGEL ONLINE mitteilte.

Als Gegenentwurf zu den kostenpflichtigen Diensten gelten sogenannte Open-Access-Seiten wie die "Public Library of Science (Plos)", die Publikationen kostenlos bereitstellen und mitunter viele Fachrichtungen vereinen.

Im Sommer 2012 hat sich auch die EU in der Frage eingeschaltet. Von 2014 an sollen Ergebnisse von Forschungsprojekten, die aus Steuermitteln finanziert wurden, für jedermann frei verfügbar sein. Geht es nach Larivière und seinen Kollegen, werden solche nicht-kommerziellen Projekte in Zukunft weiter an Zustimmung gewinnen.

Passend zu ihrem Ergebnis erscheint die Studie der kanadischen Forscher auch nicht in "Nature", "Science" oder "Jama", sondern im "Journal of the American Society for Information Science and Technology". Die Zeitschrift wird von der amerikanischen Organisation für Informationswissenschaft herausgegeben. Laut den Experten sind die großen Magazine dem Computer in einem Punkt aber weiterhin voraus: Ihre Redaktionen lassen die eingereichten Arbeiten von Experten des jeweiligen Feldes begutachten. Diese Qualitätskontrolle unter dem Namen "Peer Review" ist bei den renommierten Journalen Standard, bei Open-Access-Angeboten jedoch nicht immer gegeben.

twn/dpa
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