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Schweinegrippe: Der Pandemie-Automatismus

Foto: Jose Luis Magana/ AP

Pandemie-Bekämpfung Vier Lehren aus der Schweinegrippen-Hysterie

Die Schweinegrippe ist gekommen und gegangen - ohne Millionen Tote zu hinterlassen. Pharmakonzerne haben Milliarden auf Kosten der Steuerzahler verdient, Mediziner, Politiker und Medien stehen blamiert da. Was die Welt aus der Hysterie lernen sollte.

Richard Schabas, ehemaliger Gesundheitschef von Ontario, stellte schon im Mai 2009 die entscheidende Frage: "Was ist, wenn wir eine Pandemie ausrufen, und keiner wird krank?"

Fast ein Jahr später, kurz vor dem ersten Geburtstag der Schweinegrippe, wird man sich Schabas Skepsis anschließen müssen - und auch seiner Bemerkung über die Weltgesundheitsorganisation (WHO): "Einige von uns denken, WHO steht für Welt-Hysterie-Organisation."

Was können wir aus der globalen Schweine-Hysterie dieses Jahres lernen?

Erstens: Der nationale Pandemieplan muss überarbeitet werden, weil er bisher nicht berücksichtigt, dass eine Pandemie auch milde verlaufen kann. Entwickelt wurde der deutsche Pandemieplan nach den Erfahrungen mit der Vogelgrippe und Sars, also sehr gefährlichen Krankheiten. Sobald die WHO in Genf eine Pandemie ausruft, tritt in Deutschland automatisch der Pandemieplan in Kraft. Er definiert eine Pandemie auch heute noch als "lang anhaltende, länderübergreifende Großschadenslage (...), die derart nachhaltige Schäden verursacht, dass die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen gefährdet oder zerstört wird".

Wie falsch diese Definition ist, hat die Schweinegrippe gezeigt. Eine Pandemie kann durchaus so gefährlich sein, wie dort beschrieben. Aber sie muss es nicht. Denn die WHO definiert eine Pandemie nur danach, wie schnell sich ein neues Virus verbreitet - vollkommen unabhängig davon, wie ernst die Krankheit ist, die es hervorruft. Das wussten bis zum Ausbruch der Schweinegrippe nur wenige.

Die Frage ist: Was macht die WHO, wenn sich demnächst eine neues Schnupfenvirus über den Erdball verbreitet? Wird dann auch die Pandemie ausgerufen? Der Katastrophen-Automatismus muss unterbrochen werden.

Die Politik muss sich trauen, auf die Bremse zu treten

Zweitens: Am Anfang weiß man nicht, wie gefährlich ein neues Virus ist, wie schnell es sich verändert und dadurch vielleicht doch noch ein größeres Risiko wird. Die Wissenschaftler wollen dafür keine Wahrscheinlichkeiten angeben. Wenn aber die Möglichkeit besteht, dass ein neues Virus einen großen Teil der Infizierten umbringt, ist es auch angemessen, Impfstoff für die Bevölkerung bereitzustellen.

Das Problem ist, dass die Produktion eines solchen Impfstoffs nach Angaben der Pharmaunternehmen drei bis sechs Monate dauert. Man muss sich also zu einem Zeitpunkt für oder gegen die Bestellung entscheiden, zu dem man noch nicht besonders viel über das neue Virus weiß.

Ein reiches Land wie die Bundesrepublik kann sich mit guten Gründen dafür entscheiden, für eine halbe Milliarde Euro Impfstoff zu ordern. Allerdings sollte die Politik die Verhandlungen mit den Konzernen transparent machen und auf ein Rücktrittsrecht pochen. Die Unternehmen produzieren den Impfstoff schließlich nach und nach, über Monate hinweg. Deutschland hat die Firmen Novartis und GlaxoSmithKline schon vor Jahren mit jeweils zehn Millionen Euro Steuergeld subventioniert, damit sie entsprechende Fabriken hierzulande bauen. Solange die Produktion im Pandemiefall läuft, sollten die Staaten auch das Recht haben, die bestellte Impfstoffmenge reduzieren zu können.

Bei der Schweinegrippe hätte das eine Menge Geld erspart - denn es gab frühzeitig Hinweise, dass die Seuche mild verlaufen würde. Anfang September 2009 war der Winter in Australien vorbei. Damit lagen erstmals Zahlen aus einem Land vor, das die Schweinegrippe durchgemacht hatte, noch bevor der Impfstoff ausgeliefert werden konnte. Die erstaunliche Entdeckung: In ganz Australien hatte die Schweinegrippe zu knapp 200 Todesfällen geführt - deutlich weniger als in einer normalen Grippesaison.

Ebenfalls zu dieser Zeit wurde bekannt, dass es ausreichend ist, den für Deutschland gekauften Impfstoff statt zweimal nur einmal zu verabreichen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Bevölkerung immunologisch doch nicht so schlecht vorbereitet war, das Virus also nicht völlig neu sein konnte. Johannes Löwer, als Präsident des Paul-Ehrlich-Institut (PEI) damals oberster Impfstoffkontrolleur Deutschlands, räumt heute ein, dass man dies möglichst früh hätte ermitteln müssen.

Doch was folgerte die Politik im Herbst aus diesen beiden Erkenntnissen? Nichts.

Die Impfstoffe waren gekauft und sollten jetzt gespritzt werden. Ulla Schmidt oder PEI-Chef Löwer hätten damals der Bevölkerung sagen können: "Bleibt ruhig. Wenn ihr wollt, lasst euch impfen. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Selbst wenn ihr euch infiziert, wird die Krankheit nach allem, was wir wissen, mild verlaufen." Schmidt und Löwer aber haben eine Gelegenheit verpasst, zu einem vernünftigen Umgang mit der Schweinegrippe zu kommen.

Warum Pharmakonzerne die Gewinner sind

Drittens: Zu den Profiteuren der Schweinegrippe gehören die Pharmakonzerne Roche und GlaxoSmithKline. Sie haben mit Tamiflu und Relenza sogenannte antivirale Medikamente im Angebot, die nach derzeitigem Wissensstand kaum einen Nutzen haben. Bei Tamiflu ist nicht belegt, dass es schwere Komplikationen oder Todesfälle verhindert, allenfalls klingen die Krankheitssymptome einen Tag früher ab.

Dennoch hat Deutschland in den vergangenen Jahren für 20 Prozent der Bevölkerung Vorräte an diesen Mitteln aufgebaut. Im Mai 2009 hat das Gesundheitsministerium unter Ulla Schmidt noch mal mehr als 90 Millionen Euro dafür ausgegeben, so viele Medikamente nachzukaufen, dass es für 30 Prozent der Bevölkerung reicht.

Spricht man mit verantwortlichen Politikern, geben sie zwar zu, dass das Zeug nicht allzu viel hilft - aber irgendwas müssten sie der Bevölkerung ja geben. Es sind Beruhigungspillen im Wortsinn. Es ist zwar schön für den Schweizer Pharmamulti Roche, dass der Gewinn im Jahr der Schweinegrippe auf mehr als zehn Milliarden Euro gestiegen ist. Doch Steuermittel könnte man im Gesundheitswesen auch effizienter einsetzen.

Wie Experten und Medien die Hysterie gefördert haben

Viertens: Die Medien hatten schon dadurch ihren Anteil an der Alarmstimmung, dass über die Schweinegrippe fast täglich und fast immer prominent berichtet wurde - auch im SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE. So wurde bei vielen Lesern der Eindruck einer Gefahr erweckt.

In giftigem Gelb warnte im Oktober eine Schlagzeile der "Bild"-Zeitung dann sogar: "Schweinegrippe-Professor befürchtet in Deutschland 35.000 Tote!" Der Professor heißt Adolf Windorfer, und auf Nachfrage gibt er zu, unter anderem von GSK und Novartis Geld zu erhalten. Neben der "Bild"-Schlagzeile prangte eine Anzeige des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller.

Nun neigen Medien gelegentlich dazu, lieber eine Extremmeinung zu zitieren als abwägende Fachleute, die schon damals ganz andere Zahlen nannten - der Fall ist aber auch ein Beispiel für die Vielstimmigkeit des Expertenchors und macht auf ein grundsätzliches Problem aufmerksam: Wie gehen wir mit Unwissen um?

Es wäre im vergangenen Jahr viel häufiger angemessen gewesen, zu sagen, was man nicht weiß, als schlecht belegte Warnungen zu verbreiten.

Das gilt selbst für so seriöse Einrichtungen wie das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) der Bundesregierung. In seiner Einschätzung der Lage am 19. Juni 2009 hat das RKI prognostiziert, dass in Deutschland mit 8000 bis 70.000 Toten zu rechnen sei. Dabei wurden einfach die ersten verfügbaren Zahlen aus den USA auf die Bundesrepublik übertragen.

Das Problem solcher Warnungen: Man wird ihnen künftig nicht mehr recht glauben, wenn die vorherigen zuvor vor allem aus heißer Luft bestanden haben.

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