DDR-Pharmatests Konzerne sind geizig in der Aufarbeitung

An der Berliner Charité beginnt ein erstes Forschungsprojekt, das die Praxis klinischer Studien in der DDR untersuchen will. Das meiste Geld gibt die Politik. Die Pharmakonzerne selbst werden sich an der Aufarbeitung kaum beteiligen.
Was geschah an den DDR-Kliniken? Deutsch-deutsche Deals sollen aufgeklärt werden

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Foto: BStU/MfS-HA-XX-Fo-1623-0020

Berlin - Die Liste der Kooperationspartner klingt beeindruckend: Das erste Forschungsprojekt, das die Medikamententests in der DDR durch westliche Pharmakonzerne aufarbeiten soll, wird durch Politik, mehrere Verbände und die Pharmaindustrie gefördert. Insgesamt sollen Historikern der Berliner Charité rund 300.000 Euro zur Verfügung gestellt werden, angesetzt ist das Projekt für zweieinhalb Jahre.

Nach bisher vorliegenden Erkenntnissen haben zahlreiche Westfirmen wie Bayer, Novartis oder Roche in mehr als 50 DDR-Kliniken Tests in Auftrag gegeben. Mehr als 50.000 Patienten sollen nach derzeitigen Erkenntnissen daran teilgenommen haben - teils möglicherweise ohne ihr Wissen.

Tatsächlich kommen vom Ostbeauftragten der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), 70 Prozent der Summe, den Rest teilen sich die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Bundesärztekammer und verschiedene Landesärztekammern. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller und der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie werden gerade einmal je 15.000 Euro beisteuern - verteilt auf drei Jahre.

Ergebnisse in drei Jahren

Offiziell wollen sich die Pharmaverbände nicht zu ihrer Beteiligung an der Aufarbeitung äußern. Schnell würde man den Firmen sonst vorwerfen, sie würden die Forschung beeinflussen wollen. Kritik kommt dennoch von vielen Seiten. "Wenn die Pharmafirmen einen Image-Schaden vermeiden wollen, dann müssen sie schon eine deutlichere finanzielle Unterstützung für die Aufbereitung ihrer Versuche in der DDR leisten", sagt Hildigund Neubert, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen aus Thüringen.

Immer wieder melden sich frühere DDR-Bürger bei ihr und den anderen Landesbeauftragten. Diese Menschen seien verunsichert und wollten mehr über ihren Aufenthalt in einer DDR-Klinik erfahren. "Wir können derzeit nur die Adressen sammeln und die Menschen vertrösten, bis die Forschungen in den Ländern klarstellen, welche Tests in welchen Kliniken wann gelaufen sind", sagt sie. In der Charité-Studie werde es wohl mehr um das System der klinischen Studien in der DDR gehen, und es werden nur wenige Einzelfälle berücksichtigt. Auch wird mit Ergebnissen erst in knapp drei Jahren gerechnet.

Einen zentralen Ansprechpartner, der sich der Sorgen der früheren DDR-Bewohner annimmt, müsste es jetzt schon geben, fordert Neubert. Viele der Betroffenen wollen Gewissheit, was damals mit ihnen oder ihren Angehörigen genau geschehen ist. Eine solche Stelle könnte etwa beim Bundesgesundheitsministerium angesiedelt werden.

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