PIP-Skandal Behörden starten riesige Brustimplantate-Zählaktion

Wie viele Frauen in Deutschland haben defekte Brustimplantate des französischen Herstellers PIP bekommen? Eine bundesweite Datensammlung soll das wochenlange Rätselraten beenden. Dennoch könnten nicht alle Betroffenen erreicht werden.
Defektes PIP-Implantat: Trägerinnen in Deutschland sollen erfasst werden

Defektes PIP-Implantat: Trägerinnen in Deutschland sollen erfasst werden

Foto: ERIC GAILLARD/ REUTERS

Hamburg - Jetzt wollen sie es wirklich wissen: Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM ) in Bonn hat Abgesandte der Gesundheitsministerien aller 16 Bundesländer einbestellt. Sie starten eine bislang einmalige Aktion: Eine bundesweite Anfrage an alle Krankenhäuser und alle bekannten niedergelassenen plastischen Chirurgen soll endlich klären, in wie vielen Fällen Implantate der französischen Firma PIP eingesetzt wurden.

Der Skandal um die minderwertigen Silikonkissen versetzt seit Monaten in Europa in Angst. In Frankreich etwa haben die Behörden rund 30.000 Betroffenen geraten, die gefährlichen Prothesen wieder entfernen zu lassen. In Deutschland haben sich Medizinerverbände und das BfArM dieser Empfehlung angeschlossen.

Unklar ist allerdings, wie vielen Frauen in Deutschland die PIP-Produkte eingepflanzt wurden. So gab es bislang nur einzelne Schätzungen verschiedener Länder. BfArM-Präsident Walter Schwerdtfeger etwa erklärte, dass in Deutschland weniger als 10.000 Frauen PIP-Implantate erhalten hätten.

Die neue Abfrage soll nun Klarheit bringen. Sie startet voraussichtlich bundesweit am 30. Januar, erste Ergebnisse sollen im Laufe der vierten Februarwoche vorliegen, sagte eine BfArM-Sprecherin am Donnerstag zu SPIEGEL ONLINE. "Ärzte sind verpflichtet, die Unterlagen zu einer Implantation 20 Jahre aufzubewahren. Da müssen jetzt eben alle reinschauen."

Heimliche Operationen im Ausland erschweren die Erhebung

Was genau die einzelnen Ministerien von ihren Kliniken und Medizinern abfragen, ist allerdings Ländersache. Ob nur die Zahl der implantierten PIP-Silikonkissen erfasst wird oder auch, ob es bereits zu Problemen gekommen ist, konnte man beim BfArM und auch im Bundesgesundheitsministerium zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen  hat den Anfang gemacht und erste Zahlen präsentiert. Eine landesinterne Erhebung ergab, dass in der Zeit von Januar 2001 bis April 2010 bei rund 500 Patientinnen PIP-Implantate eingesetzt wurden. Es sei Aufgabe der verantwortlichen Ärzte, mit den betroffenen Frauen individuell zu besprechen, welche konkreten Maßnahmen wann zu ergreifen sind.

Gleichzeitig dämpft die Behörde die Erwartungen an derartige Erhebungen: Es sei davon auszugehen, dass die Zahl der Betroffenen höher sei, erklärt ein Sprecher des Hauses. Zum einen gäbe es Hinweise, dass Frauen Implantate auch im Ausland eingesetzt wurden, wozu es keine verlässlichen Zahlen gebe. Zum anderen sei davon auszugehen, dass noch nicht alle Vertriebswege bekannt sind. "Nach bisherigen Erkenntnissen hat der Hersteller der Implantate seine Geschäfte mit einem hohen Maß an krimineller Energie betrieben."

Details über genau diese Geschäfte könnten bald bekannt werden: Der Gründer und ehemalige Inhaber der inzwischen abgewickelten Firma PIP, der bereits im vergangenen Oktober erstmals von der Polizei vernommen worden war, ist am Donnerstag festgenommen worden. Ermittler fassten Jean-Claude Mas in seinem Landhaus in der Ortschaft Six-Fours-Les-Plages an der französischen Mittelmeerküste. Am Freitag entließ ihn der Richter des zuständigen Gerichts in Marseille wieder auf freien Fuß, wie der Anwalt des 72-Jährigen bestätigte.

Als Auflage verhängte das Gericht die Zahlung einer Kaution über 100.000 Euro. Zudem darf Mas das Land nicht verlassen und sich nicht mit früheren Managern seiner Firma Poly Implant Prothese (PIP) treffen. Nach Angaben seines Anwaltes wird Jean-Claude Mas Körperverletzung und nicht mehr fahrlässige Tötung vorgeworfen. Damit droht Mas eine geringere Strafe.

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