Premiere in Tübingen Ärzte implantieren Hirnschrittmacher gegen Epilepsie

Deutsche Ärzte haben zum ersten Mal in Europa einem Epilepsiepatienten einen Hirnschrittmacher eingesetzt. Das Gerät stimuliert eine Hirnregion - und schützt so vor den Krampfanfällen. Ein Hoffnungsschimmer für Patienten, bei denen Medikamente nicht helfen.
Modell eines Gehirns: Stimulation löst Krampfanfälle

Modell eines Gehirns: Stimulation löst Krampfanfälle

Foto: EMMANUEL DUNAND/ AFP

Tübingen - Eigentlich ist Epilepsie heute gut behandelbar: Zwei Drittel der Patienten bekommen ihre Krankheit mit den verfügbaren Medikamenten in den Griff. Doch manche Substanzen können Nebenwirkungen haben - und der Rest der Epilepsie-Patienten spricht auf die Medikamente nicht an.

Selbst mehrfache Versuche führen nicht zum Erfolg, bisher können Forscher nicht genau erklären, woher diese Therapieresistenz rührt. Deutschlandweit sind davon etwa 200.000 Epileptiker betroffen, nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind es weltweit bis zu 15 Millionen.

Für sie gibt es neben der Entwicklung neuer Medikamente jetzt eine neue Hoffnung: In Tübingen haben deutsche Ärzte einem Epilepsiepatienten einen Hirnschrittmacher eingesetzt. Das Gerät stimuliert eine bestimmte Hirnregion und schützt dadurch vor den Krampfanfällen. "Jetzt haben wir eine neue Behandlungsmöglichkeit für Patienten, denen medikamentöse und andere Therapien nicht helfen", sagt Alireza Gharabaghi von der Neurochirurgischen Universitätsklinik Tübingen, der mit seinem Team die Operation durchführte.

Es handelt sich um eine europaweite Premiere: Denn die sogenannte Tiefenhirnstimulation (THS) war in Europa für die Behandlung von Epilepsie bisher nicht zugelassen. Nachdem aber eine US-amerikanische Studie die Wirksamkeit dieser Methode gezeigt hatte, folgte im August auch die Zulassung in der EU.

Impulse in regelmäßigem Takt

Bei der Operation verbanden die Ärzte zwei feine Drähte mit dem sogenannten anterioren Thalamus, einer wichtigen Schaltzentrale des Gehirns. Die Drähte sind an einen Stimulator unterhalb des Schlüsselbeins des Patienten angeschlossen. Die elektrische Stimulation selbst erfolgt in einem regelmäßigen Takt: eine Minute Stimulation, fünf Minuten Pause, eine Minute Stimulation. Zudem ist in das System ein Notfallknopf integriert. Bemerken die Implantat-Träger durch körperliche Anzeichen einen bevorstehenden Anfall, können sie ihn betätigen. Er löst eine sofortige Stimulation aus und kann so den Anfall eventuell abwenden.

Die Grundlage für die Zulassung der Therapieform in Europa war die sogenannte Sante-Studie. 110 Epilepsiepatienten wurde in den USA ein THS-System eingesetzt. Der Erfolg dieser Behandlung wurde über zwei Jahre lang dokumentiert: 40 Prozent der Studienteilnehmer hatten nach 13 Monaten 50 Prozent weniger epileptische Anfälle. Jeder zehnte Patient war mindestens sechs Monate lang anfallsfrei.

Sabine Rona, die Leiterin der Prächirurgischen Epilepsiediagnostik der Neurochirurgischen Universitätsklinik in Tübingen, setzt ebenfalls große Hoffnungen auf die neue Behandlungsmöglichkeit: "Grundsätzlich kommen für die THS Patienten mit verschiedenen Epilepsie-Formen in Frage. Auch solche, bei denen andere chirurgische Eingriffe bisher erfolglos waren."

Seit längerem setzen Mediziner das Verfahren auch bei Patienten mit Parkinson ein, um das unwillkürliche Zittern zu unterdrücken. Und auch Menschen mit Tourette-Syndrom können die Stromschläge im Hirn in bestimmten Fällen helfen, denn die elektrischen Impulse blockieren die überaktiven neuronalen Schaltkreise und bremsen so die Ticks.

cib/dpa