Prionen BSE-Erreger verbreiten sich auf dem Luftweg

Bei der Erforschung der Rinderseuche BSE und der Creutzfeld-Jakob-Krankheit sind Wissenschaftler auf einen neuen Infektionsweg gestoßen: Die Erreger verbreiten sich auch über die Luft, wie nun bei Mäusen nachgewiesen wurde. Für den Menschen scheint das zum Glück keine Gefahr zu bedeuten.

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Durchlöchert wie ein Schwamm, überschwemmt von zerstörerischen Proteinklumpen: Die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit richtet im Gehirn der Betroffenen verheerende Zerstörungen an. Jahrzehntelang passiert oft nicht viel, dann aber verfallen Geist und Körper im Zeitraffertempo. Innerhalb von wenigen Monaten gibt es ein wahres Inferno unter den Hirnzellen, die in einer Art Dominoeffekt eine nach der anderen absterben. Am Ende des Prozesses steht der unausweichliche Tod der Patienten.

Ausgelöst wird die seltene Krankheit durch eine bestimmte Form von Prionen. Das sind Proteinstrukturen, die auch im gesunden Körper vorkommen. In ihrer gefährlichen Variante sorgen sie aber dafür, dass Hirnleiden ausbrechen. Neben der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen können sie bei Rindern

BSE

und bei Schafen Scrapie auslösen.

Prionen sind keine Lebewesen und enthalten keinerlei Erbinformationen. Vielmehr sind es Eiweißmoleküle, die allein aufgrund ihrer Struktur zu heimtückischen Giften werden und gleich auf mehreren Wegen in den menschlichen Körper gelangen können:

  • Durch Nahrungsmittel, die aus BSE-erkrankten Tieren hergestellt wurden
  • Durch kontaminierte chirurgische Instrumente
  • In seltenen Fällen auch durch Bluttransfusionen von Mensch zu Mensch

Ob es auch Infektionen durch Berührung von Menschen, Tieren oder Gegenständen geben kann, ist bis heute umstritten. Eine neue Forschungsarbeit legt jetzt aber nahe, dass es einen weiteren, bisher noch nicht beachteten Infektionsweg gibt: Demnach können sich Prionen auch über kleinste Teilchen in der Luft verbreiten, sogenannte Aerosole. Eine schweizerisch-deutsche Wissenschaftlergruppe um den Neuropathologen Adriano Aguzzi von der Universität Zürich berichtet im Fachjournal "PLoS Pathogens" über entsprechende Versuche mit Mäusen.

Bisher hatten Wissenschaftler nicht vermutet, dass Prionen wie etwa Grippe- oder Windpockenviren über die Luft reisen können. Die Experimente Aguzzis und seiner Kollegen aber belegten, dass sie das offenbar sehr wohl können: In speziellen Inhalationskammern wurden Mäuse über die Atemluft mit Prionen in Kontakt gebracht. Dabei infizierten sich die Tiere massenhaft. Die Erreger stammten aus extrem fein zerkleinerten Gehirnen infizierter Mäuse - und taten ihr verheerendes Werk in Windeseile: Eine einminütige Exposition habe ausgereicht, um 100 Prozent der Versuchstiere anzustecken, berichtet Aguzzi.

"Wie es genau geht, weiß man nicht"

Schuld an den beobachteten Erkrankungen seien auf jeden Fall die Prionen gewesen: "Da gibt es keinen Zweifel, da kann ich meine Hand ins Feuer legen", sagt der Forscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In den Gehirnen der infizierten und später erkrankten Tiere habe man das gefährliche Protein PrPSc nachweisen können, das mit der Krankheit in Verbindung gebracht wird. Und je länger die Tiere den Prionen aus der Luft ausgesetzt waren, desto schneller zeigten sich die Krankheitssymptome.

Doch wie genau die Übertragung der organischen Gifte ins Gehirn der Mäuse erfolgte, wissen die Forscher nicht. Sie gehen aber davon aus, dass die Prionen über die Atemwege direkt dorthingelangten. Eine Beteiligung des Immunsystems an der Verbreitung sei nicht nötig gewesen. Als Beleg dafür führen sie Versuche mit Mäusen an, die über einen speziellen Immundefekt verfügten. Diese Mutation sorgt nach früheren Studien dafür, dass die Erreger nicht aus dem Verdauungssystem ins Gehirn gelangen können. Doch auch diese Tiere seien im aktuellen Versuch krank geworden.

Aguzzi und seine Kollegen halten es für möglich, dass die Prionen über Nervenenden in der Nasenschleimhaut ins Gehirn der Mäuse wandern konnten. "Wie es genau geht, weiß man nicht", räumt Aguzzi ein.

Die wundersamen Prionen faszinieren die Wissenschaft schon seit Jahrzehnten: Der Biochemiker Stanley Prusiner hatte in den achtziger Jahren die These aufgestellt, dass es neben Bakterien und Viren noch einen weiteren Typ von Krankheitserregern gibt - eben jene Proteine, die so verheerend auf das Gehirn wirken können. Nach jahrelanger Diskussion setzte sich die Ansicht in der Fachwelt weitestgehend durch. Und auch wenn es bis heute noch immer einige Zweifler gibt: Im Jahr 1997 wurde Prusiner für seine Theorie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Doch je mehr sich Forscher mit den giftigen Molekülen beschäftigen, desto schwieriger scheint es, Prionen zu verstehen. So gibt es mittlerweile Hinweise darauf, dass die Proteine ihre bösartigen Eigenschaften von Molekül zu Molekül quasi vererben können. Forscher um Charles Weissmann vom Scripps Florida in Jupiter glauben zumindest, diesen Effekt in Zellkulturen nachgewiesen zu haben. Die Forscher warnten sogar, dass die Therapie von Prionenerkrankungen erschwert werden dürfte - wenn Erreger Resistenzen entwickeln.

Keine Hinweise auf erhöhte Fallzahlen bei Schlachthofarbeitern

Doch welche Schlüsse müssen Mediziner nun aus den neuen Ergebnissen ziehen? "Auch wenn der entdeckte Infektionsweg theoretisch möglich ist, scheint er praktisch bisher kaum eine Rolle gespielt zu haben", sagt Michael Beekes vom Robert-Koch-Institut in Berlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Epidemiologen hätten keine Hinweise darauf gefunden, dass etwa Schlachthofmitarbeiter mit BSE-Kontakt häufiger an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit litten. Auch für Wissenschaftler, die sich mit Prionenforschung beschäftigten, gebe es keine erhöhten Fallzahlen.

Auch Hans Kretzschmar von der Ludwig-Maximilians-Universität München verweist auf fehlende epidemiologische Beweise, dass der neu entdeckte Übertragungsweg in der Praxis tatsächlich relevant ist. Deswegen seien neue Sicherheitsregeln für den Umgang mit potentiell gefährlichem Material wohl nicht nötig: "Für unser tägliches Tun kann ich daraus kaum etwas ableiten."

"Wo sollen Aerosole mit Prionen eigentlich herkommen?", fragt RKI-Mann Beekes. Theoretisch gäbe es dafür drei mögliche Quellen:

  • Schlachthöfe oder Futtermittelfabriken, in denen auch Tiere mit BSE verarbeitet werden könnten
  • Labors, in denen mit infiziertem Material gearbeitet wird
  • Krankenhäuser, in denen Patienten mit Creutzfeldt-Jakob-Krankheit behandelt werden

Zumindest die dritte Variante gilt aber als nahezu ausgeschlossen. "Solche Patienten scheiden so gut wie keine Prionen aus", sagt Kretzschmar. Das bestätigt auch Aguzzi. Blieben also Schlachthöfe, Futtermittelfabriken und Labors. Hier fordert Aguzzi strengere Sicherheitsregeln: "Es empfiehlt sich, Vorkehrungen zu treffen, um das Risiko einer solchen Prioneninfektion bei Mensch und Tier zu minimieren."

Allerdings gibt es seit längerem so gut wie keine BSE-Fälle in Deutschland mehr. Damit dürfte zumindest hierzulande auch dieses Risiko überschaubar sein.



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Seite 1
Q16 14.01.2011
1. Kein Titel
Zitat von sysopForscher sind auf einen bisher unbekannten Infektionsweg gestoßen: Die Erreger der Rinderseuche BSE und der Creutzfeld-Jakob-Krankheit verbreiten sich auch über die Luft. Jetzt diskutieren Mediziner über die Folgen für den Menschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,739382,00.html
Danke. "You made my day" oder wie heißt das? Falls mich die Schweinegrippe nicht erwischt, brauche ich mir trotzdem keine Sorgen mehr wegen meiner zukünftigen Mini-Rente machen. Regelt sich alles ganz natürlich.
Joerg grimm 14.01.2011
2. Mad Cow Brain
Zitat von sysopForscher sind auf einen bisher unbekannten Infektionsweg gestoßen: Die Erreger der Rinderseuche BSE und der Creutzfeld-Jakob-Krankheit verbreiten sich auch über die Luft. Jetzt diskutieren Mediziner über die Folgen für den Menschen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,739382,00.html
Also - man nimmt das Hirn einer BSE kranken Kuh, gefriertrockne es, vermahle es zu pulver und blase das ganze in die Luft. Wers einschnauft bekommt Creutzfeld Jakob. Das duerfte auch die Terroristen unter uns interessieren. Sooo irrelevant finde ich das jetzt nicht. Das Rinderhirnstaub in der Luft - Szenario ist in der Tierkoerperverarbeitung alles andere als undenkbar.
lemming51 14.01.2011
3. Aufruf
Frau Aigner, übernehmen Sie, in Absprache mit der Fleischindustrie und den dazugeschalteten Lobbyvertretern, der FDP und den Futtermittelherstellern, sowie als Ratgeber die Herren Hund und Ackermann. P.S. Und für den Bürger........,ach der sorgt für sich selbst......!!
smith1 14.01.2011
4. na prima
Schurkenstaaten, Geheimdienste und islamische Terroristen werden die Neuigkeit erfreut aufnehmen: neue Massenvernichtungswaffe einfach herstellbar. Man nehme das Hirn eines Kranken, pulverisiere und trockne es, strecke es mit geeignetem Trägermaterial und blase es dem Feind ins Gesicht.100 % Ansteckung garantiert. Forschung ist manchmal schon scheisse.
ilja77 14.01.2011
5. Was man nicht alles tut um in die Presse zu kommen
Wenn ich den Artikel lese, habe ich den Eindruck, dass es Wissenschaftler gibt, die mehr Interesse an einer öffentlichen Aufmerksamkeit haben, als an Ihrer Arbeit. Die Relevanz der Arbeit für die Übertragung des Erregers unter normalen Bedingungen ist mehr als zweifelhaft, wie schon beschrieben, Futtermittelwerke dürfen zudem schon seit über 10 Jahre keine Tiermehle mehr verwenden ... und die sind zudem so erhitzt, dass vom BSE-Erreger praktisch kaum noch Infektiösität überbrigbleibt. Auch das weiß die Wissenschaft nur zu gut ... Aber was tut man nicht alles um an weitere Forschungsmittel heran zu kommen... In Zeiten der Dioxin-Skandale ist die Öffentlichkeit eh schon Vorsensibilisiert und es gelingt noch leichter die Aufmerksamkeit zu erhalten. Nachdenklich ...
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