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03. November 2009, 10:03 Uhr

Prostatakrebs

"Wir Männer fühlen uns unverletzlich"

Krebsvorsorgeuntersuchungen geraten immer wieder in die Kritik: Die Kosten sind immens, oft verunsichert falscher Alarm die Patienten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verteidigt Prostatakrebs-Spezialist Hartwig Huland das Tumor-Screening: Nur so sei effiziente Früherkennung möglich.

SPIEGEL ONLINE: Nur 15 Prozent der deutschen Männer gehen zur Vorsorge. Unter den Frauen sind es rund 60 Prozent. Warum sind Männer Vorsorge-Muffel?

Huland: Wir Männer fühlen uns unverletzlich. Wir sind Helden. Was kümmern uns Krankheiten? Diese laxe Haltung in der Vorsorge führt dazu, dass Frauen in Deutschland eine Lebenserwartung von 83 Jahren haben und Männer sechs Jahre weniger.

SPIEGEL ONLINE: Liegt diese Reserviertheit auch daran, dass die Vorsorgeuntersuchungen keinen guten Ruf haben?

Huland: Es gibt zwei Möglichkeiten der Früherkennung des Prostatakrebses. Die Tastuntersuchung durch den Urologen ist in der Tat sehr unbefriedigend, weil die Tumore erst erkannt werden, wenn sie schon eine gewisse Größe erreicht haben. Wenn wir aber das Blut auf den sogenannten PSA-Wert überprüfen und bei leichter PSA-Erhöhung dann Prostatakrebs entdecken müssen, können wir heute rund 70 bis 80 Prozent solcher Krebsfälle heilen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem halten es einige Kritiker für verzichtbar, bei allen Männern den PSA-Wert zu bestimmen. Welche Vorbehalte gibt es gegen den Test?

Huland: Zunächst muss man ganz klar sagen, dass der PSA-Wert ein hervorragender Früherkennungmarker für Prostatatumore ist. Das Problem ist, dass wir noch keine exakten Untersuchungen darüber haben, wie sich die Todesraten ändern, wenn dieser Test flächendeckend eingesetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich veröffentlichten zwei Forschergruppen in den USA und Europa Zwischenergebnisse von Untersuchungen mit 76.000 bzw. über 160.000 Männern. Auch diese groß angelegten Studien konnten die Kritiker nicht überzeugen.

Huland: In der Tat waren die Ergebnisse unbefriedigend. Das lag daran, dass die amerikanische Studie erhebliche Mängel hatte. Sie war deshalb praktisch wertlos. Die europäische Studie ist methodisch deutlich besser. In dieser Studie zeigt sich bereits neun Jahre nach Studienbeginn, dass von den getesteten Männern 30 Prozent weniger an Prostatakrebs verstorben sind.

SPIEGEL ONLINE: Laut dieser Studie müssen sich hochgerechnet 1400 Männer testen lassen, um einen Todesfall weniger zu bekommen. Rechtfertigt dieser Aufwand überhaupt eine flächendeckende Vorsorge aller Männer?

Huland: Die Kritiker vergessen eines: Die Studie hat bisher nur die Todesfälle nach neun Jahren erfasst. Der Prostatakrebs wächst aber sehr langsam. Er wird meist erst nach 10 bis 15 Jahren lebensbedrohend. Ich bin mir sicher, dass die Zahl der Krebskranken, die man retten wird, dramatisch ansteigen wird, je länger die Untersuchung läuft. Außerdem geht es nicht nur darum, den Tod durch Prostatakrebs zu verhindern, sondern auch bei einer mindestens genauso großen Zahl von Männern eine jahrelange Leidensgeschichte zu verhindern. Berücksichtigt man diese Aspekte kommt man zu ganz anderen Ergebnissen der Effektivität eines Screeningprogramms.

SPIEGEL ONLINE: Selbst an Ihrem Klinikum gibt es Kritiker, die behaupten, dass die Früherkennung schaden würde, weil Männer nach positiven PSA-Tests unnötig bestrahlt und operiert werden.

Huland: Solche Aussagen sind falsch und können im Einzelfall katastrophale Folgen haben. Tatsache ist, dass zum Beispiel die Brüder Roth, die mit 47 Jahren an Prostatakrebs erkrankten, mit einiger Sicherheit ohne Behandlung ihren 65. Geburtstag nicht erlebt hätten. Wäre der Tumor später erkannt worden, hätten sie nicht so schonend mit Erhalt von Potenz und Kontinenz behandelt werden können. Trotzdem muss sich der Arzt in jedem Einzelfall die Frage stellen, wie er Männer behandeln soll, wenn sie einen zu hohen PSA-Wert haben.

SPIEGEL ONLINE: Nicht alle Männer mit hohem PSA-Wert müssen operiert oder bestrahlt werden?

Huland: Nein, ich operiere keinen 80-Jährigen mehr und auch keinen 75-jährigen Mann, der nicht mehr sehr gesund ist. Diese Situation ist natürlich nicht immer einfach: Neulich hat mich die Enkelin eines 80-Jährigen heftig beschimpft, weil ich ihren Opa nicht operieren wollte. Mir war klar, dass er nicht an seinem langsam wachsenden Prostatatumor sterben würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch sind die Chancen, durch eine Operation geheilt zu werden?

Huland: Weit über 90 Prozent bei einem Mann, dessen Tumor frühzeitig entdeckt wurde. Wichtig ist vor allem, dass ich wesentlich bessere Möglichkeiten habe, nervschonend zu operieren, solange der Tumor noch nicht aus der Prostata gewachsen ist. Wir müssen heute davon ausgehen, dass etwa 8 von 100 Männern im Laufe ihres Lebens einen Prostatatumor bekommen. Wenn der nicht frühzeitig erkannt wird, sind die Möglichkeiten begrenzt, ihn schonend in Hinblick auf Lebensqualität, insbesondere auf Erhalt von Potenz und Kontinenz zu behandeln. Hinzu kommt, dass der zu spät entdeckte Tumor meist nicht mehr geheilt werden kann. Es bleibt dann oft nur die Hormontherapie, die einer Kastration gleichkommt und meist erhebliche Nebenwirkungen hat. Diese Therapie kann den Tumor nicht beseitigen, sondern verlangsamt lediglich den Krankheitsverlauf.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also für einen flächendeckenden PSA-Test?

Huland: Ja, auch wenn ich auf einen Schwachpunkt aufmerksam machen muss: Es gibt keine eindeutige Spezifität. Von drei Männern, die sich testen lassen und einen zu hohen PSA-Wert haben, hat nur einer Krebs. Das bedeutet aber auch, dass ich die beiden anderen, die sich weiteren Untersuchungen stellen sollten, mit dem hässlichen Krebsverdacht konfrontieren muss. Diese Situation ist manchmal unerträglich.

Das Interview führte Udo Ludwig

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