Psychotherapie mit Drogen "Der Horrortrip ist Folge eines schlecht gewählten Rahmens"

Die Drogenexperimente eines Berliner Arztes, bei denen zwei Menschen starben, schockieren Psychotherapeuten. Der Schweizer Mediziner Peter Gasser behandelt Angstpatienten unter anderem mit LSD - und warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor einer Dämonisierung bewusstseinsverändernder Substanzen.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Dr. Gasser, Sie sind Präsident der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie und führen zurzeit die weltweit einzige Studie für LSD-unterstützte Psychotherapie durch. Wie haben Sie reagiert, als Sie von den Berliner Todesfällen während einer Therapie mit bewusstseinsverändernden Substanzen erfahren haben?

Peter Gasser: Ich war bestürzt, die Todesfälle sind eine Tragödie für die Opfer und ihre Angehörigen - und das Schlimmste, was einem Psychotherapeuten passieren kann. Ich kenne den Mediziner nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Todesfälle einfach in Kauf genommen hat, auch wenn seine Behandlung natürlich illegal war.

SPIEGEL ONLINE: Der Berliner Mediziner Garri R. bot psycholytische Psychotherapie an, also eine Therapie mit Hilfe von psychoaktiven Substanzen, wozu auch LSD zählt. Droht der substanzgestützten Psychotherapie jetzt endgültig das Aus?

Gasser: Für uns Forscher sind die Ereignisse und die Art und Weise der aktuellen Debatte tragisch: Die Unterschiede zwischen illegaler Behandlung und legaler substanzgestützter Psychotherapie, die gerade erst wieder in einigen Studien weltweit erforscht wird, fallen unter den Tisch. Das Wort "Droge" ist nun einmal ein negativ besetztes Reizwort.

SPIEGEL ONLINE: Ein deutscher Kollege bezeichnete den substanzgestützten Ansatz als Widerspruch in sich - Psychotherapie solle Menschen befähigen, selbstbestimmt zu handeln, Verabreichung von Drogen sei das Gegenteil.

Gasser: Wenn wir über die Abhängigkeit von Substanzen reden, hat der Kollege Recht: Drogenabhängigkeit ist tatsächlich das Gegenteil von dem, was Psychotherapie - auch die psycholytische - erreichen will. Aber die Substanzen, die wir verabreichen, sind Katalysatoren, die eine Therapie vertiefen. Die Patienten nehmen sie nur wenige Male, dann ist Schluss. Niemand wird abhängig.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Forschungsfeld gilt seit Jahrzehnten als problematisch. Vielen Kollegen halten den Ansatz für unseriös.

Gasser: Im Zuge der Hippiebewegung und des massenhaften Gebrauchs von LSD sind solche Substanzen in Verruf geraten und weltweit verboten worden - leider auch deren medizinische und wissenschaftliche Anwendung. Mit dieser Dämonisierung haben wir seit Jahren zu kämpfen. Aber wir denken, dass diese Mittel ein Potential besitzen können, das eine sinnvolle therapeutische Anwendung ermöglicht. Verstehen Sie mich nicht falsch - meine Vision ist nicht die Legalisierung, nicht einmal die Zulassung als Medikament. LSD darf auf der Betäubungsmittelliste bleiben. Aber eine restriktive Anwendung für ausgebildete Therapeuten zu ermöglichen, wäre wünschenswert. In einem legalen, kontrollierten Rahmen könnten Vorkommnisse wie in Berlin ausgeschlossen werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie arbeiten Sie in Ihrer Studie?

Gasser: Meine Patienten bekommen innerhalb von drei Monaten zweimal während einer ganztägigen Sitzung LSD verabreicht, in meiner Praxis. Ich begleite sie gemeinsam mit einer Co-Therapeuten über die ganze Zeit, sie übernachten auch hier. Die LSD-Therapie selbst ist keine sehr verbale Therapie, eher erlebnis- und erfahrungsorientiert, in einem meditativen Rahmen. Am nächsten Tag wird die Erfahrung durch das Gespräch aufbereitet. Der Behandlungsrahmen von drei Monaten ist künstlich verkürzt, da es sich um eine Studie handelt. Eine echte Therapie würde länger dauern.

SPIEGEL ONLINE: Wie profitieren Ihre Patienten von Substanzen wie LSD?

Gasser: In erster Linie geht es um eine Ent-Ängstigung. Die Patienten sollen in die Lage versetzt werden, mit ihren Ängsten in Berührung zu kommen und sie zu verstehen. Andere Angsttherapien, wie die Verhaltenstherapie, arbeiten ja auch mit der Berührung der Ängste. Hauptelement der LSD-gestützten Psychotherapie ist eine intensive Begegnung mit sich selbst und anderen Menschen auf einer tieferen Wahrnehmungsebene, nicht nur intellektuell. Gerade die Menschen in meiner Studie, zum großen Teil schwerkranke Krebspatienten, stehen an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie essentielle Antworten suchen für die Zeit, die ihnen noch bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Ihre Erfahrungen?

Gasser: Bis jetzt sehr gut. Fünf sind in der Behandlung, eine sechste Patientin hat gerade begonnen. Es sind keine schweren Nebenwirkungen oder Zwischenfälle aufgetreten, alle haben das LSD sehr gut vertragen. Die ersten messbaren Effekte sind auch gut. Aber die Studie läuft noch, ich kann noch keine endgültigen Resultate präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich die psycholytische von der sonstigen psychotherapeutischen Arbeit?

Gasser: Abgesehen davon, dass sie außerhalb von Studien nicht zugelassen und noch nicht so gut erforscht ist, kaum. Eigentlich geht es um dasselbe - eine hilfreiche Form psychotherapeutischer Behandlung zu etablieren, die Selbständigkeit und Heilung unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, LSD sei - vorsichtig gehandhabt - nicht gefährlicher als jede andere Form der Psychotherapie. Aber LSD kann auch sogenannte Horrortrips auslösen.

Gasser: In meiner Studie gab es damit keine negativen Erfahrungen. Ich denke, dass der Horrortrip Folge eines schlecht gewählten Rahmens ist. Wir schaffen eine angenehme Atmosphäre, das beruhigt die Patienten, und wir betreuen sie intensiv. Auf einer Party ist die Gefahr von unerwünschten Nebenwirkungen natürlich größer.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich eine seriöse Anwendung von den Praktiken in Berlin?

Gasser: Wie gesagt, ich kenne den Mann nicht und weiß nur, was in den Zeitungen steht. Der Hauptunterschied ist natürlich, dass wir geprüfte Substanzen in genau definierten Dosierungen anwenden - LSD ist außerordentlich gut erforscht. Und natürlich überwachen wir ständig die Vitalfunktionen der Patienten und können gegebenenfalls schnell einschreiten. Aber es gibt zahlreiche Amphetaminderivate, die in manchen Kreisen angewendet werden, die kaum erprobt sind. Da kann es schnell zu Vergiftungserscheinungen kommen, wie in Berlin wahrscheinlich geschehen. Eine Vergiftung mit LSD dagegen ist praktisch unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Sind nach der Tragödie von Berlin überhaupt noch weitere Studien denkbar? Was passiert mit Ihrer laufenden Untersuchung?

Gasser: Auswirkungen auf meine Studie erwarte ich nicht, bei uns ist ja nichts schiefgelaufen. Für zukünftige Studien sehe ich Probleme durch diese massive Negativpropaganda. Jede Bewilligung ist ja eine Ermessenfrage. Nach solchen Vorkommnissen könnte das Risiko wieder höher eingeschätzt werden, das wird die Aussichten für zukünftige Forschung erschweren. Meine Mission ist die Versachlichung der Diskussion über diese Therapieform. Ich war überzeugt, mit vernünftiger Information, seriöser Forschung und Sachlichkeit ließe sich langfristig erreichen, dass dieses Thema nicht so dämonisiert wird. Die Ereignisse haben uns leider drei Schritte zurückgeworfen. Aber ich arbeite weiterhin daran.

Das Gespräch führte Jörg Böckem



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