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21. Oktober 2009, 19:21 Uhr

Reaktion auf TV-Bericht

Verschmähte Neurodermitis-Creme kommt auf den Markt

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Seit Jahren weigern sich Medikamentenhersteller, eine wirksame Salbe gegen Neurodermitis und Schuppenflechte zu vermarkten - jetzt hat eine TV-Dokumentation dieses Pharma-Versagen angeprangert. Mit Erfolg: Schon in wenigen Wochen kommt die Creme in deutsche Apotheken.

"Leider können wir Ihren Anruf im Moment nicht persönlich entgegennehmen, da unser Telefon aufgrund der Vielzahl der Anrufe überlastet ist", sagt eine Stimme auf dem Anrufbeantworter der Regeneratio Pharma GmbH in Remscheid. Seit Dienstag kann sich das kleine Unternehmen vor lauter Anfragen kaum retten. Dabei standen die Telefone jahrelang still in der Firma, die gegen die Hautkrankheiten Neurodermitis und Schuppenflechte möglicherweise eine Rezeptur kennt. Von der wollte allerdings kaum eine Pharmafirma etwas wissen.

Das ist jetzt anders: Nachdem die ARD am Montagabend den Bericht "Heilung unerwünscht - Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern" ausgestrahlt hat, reißt das Interesse nicht ab. In dem Beitrag erzählt Klaus Martens von den jahrelangen, vergeblichen Bemühungen der Mediziner Karsten Klingelhöller und Thomas Hein, ihre selbst entwickelte und in klinischen Studien geprüfte Salbe gegen die beiden Hautkrankheiten auf den Markt zu bringen. Zahlreiche Pharmafirmen lehnten im Lauf der Zeit ab. Die auf den Namen Regividerm zugelassene Creme ist bis heute nicht in Apotheken zu kaufen.

Nach der Sendung hat sich nun jedoch offenbar ein Vertriebspartner gefunden: die schweizerische Mavena Health Care AG. "Seit Dienstag weiß ich, dass Regividerm ab Mitte November in Deutschland erhältlich sein wird", sagt Renate Kott-Roesmer, Geschäftsführerin von Mavena Health Care Deutschland. Das Unternehmen übernehme den Vertrieb der Salbe, die von der Firma Regeneratio Pharma GmbH hergestellt wird, einst gegründet von Karsten Klingelhöller. "Es handelt sich um eine kurzfristige Entscheidung", so Kott-Roesmer gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Billige Alternative

In Deutschland leiden rund acht Millionen Menschen an Neurodermitis und Psoriasis (Schuppenflechte). Dem Beitrag zufolge ist die Salbe gegen die chronischen Hautkrankheiten so einfach hergestellt wie nebenwirkungsarm: Sie besteht hauptsächlich aus Vitamin B12 und Avocadoöl. Auf der Internetseite www.regividerm.de heißt es: "Regividerm Salbe ist ein geprüftes Therapeutikum, das auf Grund seines Wirkmechanismus als Medizinprodukt der Klasse II a in der EU und in der Schweiz registriert ist." Nach Angaben des Herstellers sollen 100 Gramm 28,85 Euro kosten. "Damit wird der Verbraucherpreis ca. 40% unter dem preisgünstigsten Vergleichspräparat für die Indikation Psoriasis liegen", heißt es auf der Internetseite.

Gegen Neurodermitis und Psoriasis gibt es bereits zahlreiche wirksame Salben und Arzneien. Das Problem: Viele haben schwere Nebenwirkungen. So reiben sich Neurodermitis-Kranke oft Cortison auf die betroffenen Hautstellen. Juckreiz, Rötung und Entzündung schwinden dann - doch die Haut wird dünn und empfindlich. Nach dem Absetzen treten die Irritationen meist schnell wieder auf.

Bei Regividerm soll das anders sein - das haben klinische Studien gezeigt, zu denen sich Peter Altmeyer und Markus Stücker von der Klinik für Dermatologie an der Ruhr-Universität Bochum vor Jahren von den Erfindern Klingelhöller und Heim überreden ließen. Die Studenten hatten ihre Salbe in den achtziger Jahren zunächst an Klingelhöllers damaliger Freundin ausprobiert, die an Schuppenflechte litt. Sie testete die rosa Creme als erste mit Erfolg: Ihre Haut wurde glatt und schuppte nicht mehr.

"Das ist rosa Hühnerkacke"

Daraufhin wendeten sich die Mediziner in spe mit ihrer Idee an die Universitätsklinik. "Das ist rosa Hühnerkacke" sagte Peter Altmeyer damals - und war doch neugierig. In einer klinischen Studie testeten die Ärzte die einfache Rezeptur im Vergleich zu einer Placebo-Creme an 49 Patienten. Das Fazit der Forscher damals in der Fachzeitschrift "British Journal of Dermatology": "Die Vitamin B12-Creme ist dem Placebo bei Neurodermitis signifikant überlegen. Zudem wurde die Behandlung gut toleriert." Klingelhöller ließ sich daraufhin seine Rezeptur weltweit patentieren.

Auch gegen Psoriasis untersuchten Altmeyer, Stücker und ihre Kollegen die Wirksamkeit der Wundercreme. 13 Patienten mit Schuppenflechte trugen sie auf der einen Körperhälfte Regividerm, auf der anderen eine bereits zugelassene Salbe mit dem Wirkstoff Calcipotriol auf. Den Ergebnissen zufolge war der Therapieerfolg auf beiden Seiten vergleichbar - mit deutlich weniger Nebenwirkungen auf der Regividerm-Seite.

In den USA stießen diese Ergebnisse auf großes Interesse: Nach der Lektüre der Publikationen testete der Kinderarzt Ronald Januchowski die Creme in einer eigenen Studie. Er prüfte bei Kindern mit Neurodermitis ebenfalls, ob die rosa Salbe besser wirkt als ein Placebo-Präparat. Im "Journal of Alternative and Complementary Medicine" schreibt er 2007: "Topisches Vitamin B12 sollte als Therapieoption bei Kindern mit Neurodermitis in Betracht gezogen werden."

"Geld verdient man am chronischen Leid"

Doch trotz der erfolgversprechenden Ergebnisse konnte Klingelhöller keinen Abnehmer für seine Rezeptur finden. In dem Beitrag werden Pharmariesen wie Novartis, Merck und Wyeth genannt, die sich nicht für das Präparat entscheiden wollten. Es "passe nicht ins Portfolio" lautete eine der fadenscheinig klingenden Erklärungen. Klingelhöller geht davon aus, dass die Firmen um den Absatz ihrer eigenen, aufwendig getesteten und entweder weniger wirksamen oder nebenwirkungsreichen Substanzen fürchten. "Geld verdient man am chronischen Leid", meint Klingelhöller.

Der gescheiterte Forscher selbst hat sein eigenes Kapital in die Firma Regeneratio Pharma gesteckt. Er ist hochverschuldet und machte nur noch einzelne Versuche, die Creme bei einem Pharmakonzern unterzubringen. Dass die Salbe nun bald in deutschen Apotheken zu kaufen sein wird, könnte auch seinem Leben eine neue Wendung geben.

Hinweis der Redaktion: In den Tagen nach der ersten Berichterstattung hat sich herausgestellt, dass sich der Vertriebspartner für Regividerm nicht nach dem WDR-Bericht gefunden hat, sondern ein entsprechender Vertrag schon Wochen zuvor existierte. Nähere Details lesen Sie hier.

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