RKI-Briefing "Wir müssen damit rechnen, dass sich das Virus unkontrolliert ausbreiten kann"

Mehr als 11.200 Neuinfektionen meldet das Robert Koch-Institut in Deutschland. Das heiße nicht, dass wir machtlos sind, sagt RKI-Chef Lothar Wieler. Dennoch müsse mit einem weiteren Anstieg gerechnet werden.
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Foto: Jochen Eckel / imago images

In Deutschland sind die Corona-Neuinfektionen auf mehr als 11.200 gestiegen. "Die Situation ist insgesamt sehr ernst geworden", sagte Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) bei einem Pressebriefing. "Dennoch haben wir die Chance, die Ausbreitung des Virus einzudämmen." Dazu müsse sich jeder weiterhin an die AHA+L-Regeln halten. "Dennoch müssen wir damit rechnen, dass sich das Virus in Deutschland unkontrolliert ausbreiten kann", sagte er.

Bereits jetzt nehme das Infektionsgeschehen vielerorts stark zu. Bislang sehe man viele mildere Fälle in der jungen Bevölkerung. "Aber auch der Anteil von Infektionen über 60 Jahren steigt wieder", so Wieler. "Und daher müssen wir davon ausgehen, dass auch die schweren Verläufe wieder zunehmen, und auch die Zahl der Toten wird steigen."

Vor allem im privaten Umfeld komme es zu vielen Ansteckungen. "Die Leute stecken sich häufig im privaten Umfeld, etwa bei Feiern, an und tragen das in ihre Haushalte hinein", sagte Wieler. "Die privaten Haushalte und Zusammenkünfte mit mehr als zehn Personen sind die Orte, wo wir am meisten Infektionen sehen." Die aktuellen Maßnahmen, wie etwa die Sperrstunde und das fortbestehende Verbot von Großveranstaltungen, gingen auch schon in diese Richtung. Denn dort, wo viele Menschen zusammenkommen, um sich kennenzulernen, sei auch die Interaktion höher - und damit das Infektionsrisiko.

DER SPIEGEL

Es gebe keinen Anlass, die Strategie zu wechseln, sagte der RKI-Chef. Bereits seit dem Frühjahr bestehe diese in den drei Elementen Eindämmung, Schutz und Milderung. Eindämmung bedeute, neue Fälle zu verhindern. Mit Schutz sei der Schutz der gefährdeten Gruppen gemeint. "Und Milderung bezeichnet die Abmilderung der Pandemie", sagte Wieler. "Alle drei Elemente greifen ineinander und sind erfolgreiche Pfeiler in der Pandemie."

Höhere Fallzahlen nicht wegen mehr Tests

Auf die Frage, ob die Fallzahlen überhaupt mit denen aus dem Frühjahr vergleichbar seien, antwortete Wieler: "Natürlich testen wir heute mehr als im Frühjahr. Aber wir sehen, dass der Anteil der positiv Getesteten kontinuierlich ansteigt." Die Testkapazitäten seien seit ein paar Wochen gleich und trotzdem sehe man einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen. Durch den Anstieg der Positivenrate bei den Tests sehe man, dass die gestiegenen Fallzahlen nicht durch die erweiterten Testkapazitäten bedingt seien.

Dass die Zahl der Todesfälle im Frühjahr höher lag als jetzt im Herbst, erklärte der RKI-Chef damit, dass Deutschland am Anfang der Pandemie von der Geschwindigkeit der Ausbreitung bis zu einem gewissen Grad überrascht worden sei.

Der Schutz der Risikogruppen wie alte oder kranke Menschen sei noch nicht so gut gewesen. Inzwischen würden Altenheime oder Krankenhäuser besser geschützt. Zudem würden im Herbst viel mehr junge Menschen angesteckt.

Allerdings könnte die Zahl der schweren Erkrankungen und der Todesfälle wieder stärker steigen, denn alte Menschen könnten nicht auf Dauer völlig isoliert werden, mahnte Wieler. Man stelle inzwischen wieder ein langsames Eindriften des Virus in diese Einrichtungen fest.

Gesundheitsämter müssen durchhalten

Wieler appellierte auch an die Gesundheitsämter, trotz der derzeitigen teilweisen Überforderung durchzuhalten. Die Überforderung sei "ernst und besorgniserregend", sagte Wieler. Aber man müsse jede Anstrengung auch unter diesen Umständen aufrechterhalten und dürfe nicht aufgeben, sondern weitermachen "nach bestem Wissen und Gewissen".

Er wies darauf hin, dass in einigen anderen Ländern schon vor einigen Monaten die Kontaktnachverfolgung mit entsprechenden Folgen eingestellt worden sei, weil sie es nicht mehr geschafft hätten - etwa in Schweden und Großbritannien.

kry/dpa
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