RKI-Briefing vor Weihnachten »Uns stehen schwere Wochen bevor«

Das RKI hat dazu aufgerufen, Weihnachten nur im kleinen Kreis zu verbringen. Man wisse noch nicht, welche Rolle die Mutation aus Großbritannien spielen könnte, sagte Lothar Wieler. Daher sei erst recht Vorsicht geboten.
RKI-Präsident Lothar Wieler

RKI-Präsident Lothar Wieler

Foto: Jürgen Heinrich / imago images/Jürgen Heinrich

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hat sich vor den Weihnachtsfeiertagen mit einem eindringlichen Appell an die Bevölkerung gerichtet: »Bitte reduzieren Sie Ihre Kontakte und verbringen Sie Weihnachten nur im kleinen Kreis«, sagte er beim Pressebriefing des Instituts in Berlin. »Treffen Sie immer nur die gleichen Menschen, möglichst draußen.«

Mit den nun verschärften Alltagsbeschränkungen seien die Infektionszahlen schneller herunterzubringen, wenn alle achtsam seien. Es stünden schwere Wochen bevor. »Wir sollten sie nicht noch schwerer machen.«

Wieler äußerte sich auch zur neuen Virusvariante, die in Großbritannien entdeckt  wurde: »Wir können die Bedeutung der Variante für das Pandemiegeschehen noch nicht einschätzen«, sagte er. »Aber eines ist klar: Das Erbgut von Viren ändert sich kontinuierlich. Die Eigenschaften können sich ändern, zum Beispiel die Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch.«

Ob das für die Variante aus Großbritannien der Fall sei, wisse man noch nicht. Doch je mehr sich ein Virus verbreite, desto mehr Gelegenheit habe es, sich zu verändern

Mutation wahrscheinlich schon in Deutschland

Man sei in einer engen Kommunikation mit den Kolleginnen und Kollegen in Großbritannien. Es gebe Beobachtungen, dass eine bestimmte Variante offensichtlich viel häufiger vorkomme als andere. Aber man könne derzeit noch nicht mehr sagen. »Alle Daten, die wir bisher kennen, sprechen jedoch nicht dafür, dass der Impfschutz bei der Mutation eingeschränkt ist«, sagte Wieler. Es sei ihm nicht bekannt, dass die Variante aus Großbritannien bereits in Deutschland angekommen sei. »Die Wahrscheinlichkeit, dass sie schon hier ist, ist aber sehr, sehr hoch«, sagte Wieler.

Derzeit verschlechtere sich die Situation weiter. »Jeden Tag sterben in Deutschland inzwischen Hunderte Menschen an Covid-19«, sagte Wieler. »Wir müssen daher die Zahl der Neuinfektionen senken. Denn das Virus lebt von Kontakten, nur darüber kann es sich verbreiten.«

Sars-CoV-2 sei inzwischen in der gesamten Bevölkerung, in allen Altersgruppen angekommen – insbesondere in Sachsen und Thüringen habe das Infektionsgeschehen drastisch zugenommen. Und auch in der Altersgruppe über 80, die ein besonderes Risiko für schwere oder tödliche Verläufe habe, sei das Virus weitverbreitet. »Wir befürchten, dass sich über die Feiertage das Infektionsgeschehen noch weiter anspannen könnte«, so Wieler.

Einen Effekt des härteren Lockdowns werde man hoffentlich in zehn bis 14 Tagen sehen. Wieler zeigte sich erfreut über die Zulassung des Biontech-Impfstoffs in Europa. Jedoch werde eine Impfung zunächst einmal nichts an der Gesamtsituation ändern. »Es wird dauern, bis ausreichend Menschen geimpft sind«, sagte er. »Wir sehen die Impfung dennoch als Mittel, um die Viruslast in Deutschland so weit zu reduzieren, dass wir das Virus auf Dauer eindämmen können.«

»Kein Impfstoff ist perfekt«

Auch Ole Wichmann, der am RKI das Fachgebiet der Impfprävention leitet, nahm Hoffnungen auf eine baldige Immunisierung der deutschen Bevölkerung. »Auch wenn die ersten Gruppen geimpft sind, werden von diesen nicht alle geschützt sein«, sagte er. »Kein Impfstoff ist perfekt.« Man müsse weiterhin alle schützen, indem man sich an die AHA+L-Regeln halte.

Dennoch wisse man, dass die Impfung in hohem Maße schütze, bei der Entwicklung und Zulassung seien keine Abstriche bei Wirksamkeit und Sicherheit gemacht worden. Wie bei anderen Impfungen auch könnten sehr seltene Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen werden. »Aber wir wissen, dass der mRNA-Impfstoff nicht in den menschlichen Zellkern eindringt und somit nicht Teil der menschlichen Erbanlagen wird«, versicherte Wichmann.

Die Gesundheitsämter meldeten am Dienstag 19.528 neue Fälle und 731 Todesfälle binnen einem Tag. Am Dienstag der Vorwoche waren 14.432 Neuinfektionen und 500 Todesfälle gemeldet worden – allerdings fehlten damals Daten aus Sachsen, die später nachgemeldet wurden. Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gibt das RKI nun 197,6 an. Das ist der höchste Stand seit Beginn der Pandemie.

kry/dpa
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