RKI-Chef Lothar Wieler »Der rückläufige Trend setzt sich nicht mehr fort«

Die Fallzahlen sinken langsam, aber der Anteil der Mutationen steigt: RKI-Chef Wieler sieht Deutschland vor einem erneuten Wendepunkt. Gesundheitsminister Spahn mahnt, mit Öffnungen vorsichtig zu sein.
RKI-Chef Lothar Wieler und Gesundheitsminister Jens Spahn

RKI-Chef Lothar Wieler und Gesundheitsminister Jens Spahn

Foto: REUTERS

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht derzeit eine Seitwärtsbewegung der Fallzahlen: »Wir sehen zwar eine sinkende Zahl der Neuinfektionen, aber gleichzeitig eine steigende Anzahl der Virusvarianten in Deutschland«, sagte er bei der Bundespressekonferenz in Berlin. »Das Bedürfnis nach einem Ende des Lockdowns ist greifbar, aber wir müssen bei den Öffnungen behutsam vorgehen, um das Erreichte nicht zu verspielen.«

»Das Virus gibt nicht einfach auf«, sagte er. Es bringe nichts, die Maßnahmen bei einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von beispielsweise 47 zu lockern. »Dann müssen wir kurz darauf wieder zumachen«, sagte Spahn. Ein differenziertes Vorgehen für Landkreise, deren Inzidenz schon sehr niedrig sei, sei aber denkbar. »Es gibt Landkreise, die sind unter zehn. Da ist es denkbar, dass wir differenziert vorgehen und lokal öffnen.«

Bei den Schnelltests, die ab 1. März kostenlos zur Verfügung stehen sollen, könnte es Spahn zufolge in den ersten Tagen zu Engpässen kommen. Es werde »auch Schlangen geben«, sagte er. Er verwies darauf, dass im Laufe des März auch die Schnelltests zur Selbstanwendung zugelassen werden, die er nach bisherigen Planungen für eine Eigenbeteiligung von einem Euro abgeben will.

B.1.1.7 breitet sich in Deutschland aus

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sieht Deutschland erneut an einem Wendepunkt: »Der rückläufige Trend setzt sich nicht mehr fort«, sagte er. »Die bundesweite Sieben-Tages-Inzidenz geht nicht mehr überall zurück.« Das RKI sehe an seinen Analysen, dass sich die zuerst in Großbritannien entdeckte Virusvariante B.1.1.7 in Deutschland ausbreite. Man müsse sich daher darauf einstellen, dass die Bekämpfung der Pandemie nun noch schwieriger werde. »Das Virus hat einen Boost erhalten, jede unüberlegte Lockerung wirft uns zurück, dann stehen wir in einigen Wochen wieder an dem Punkt, wo wir Weihnachten waren.«

Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen liegt nun bundesweit bei 56,8 – und damit geringfügig niedriger als am Vortag (57,1), wie das RKI am Freitag mitteilte. Schon in den Tagen zuvor hatte es keinen deutlichen Rückgang dieser Sieben-Tage-Inzidenz mehr gegeben. Bund und Länder streben ein Niveau von weniger als 50 an, weitergehende Öffnungsschritte sollen bei weniger als 35 möglich sein.

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Wieler erwartet in den kommenden Wochen wegen der hohen Ansteckungsfähigkeit von B.1.1.7 auch mehr Fälle unter jüngeren Menschen. Es sei daher umso wichtiger, sich konsequent an die Maßnahmen zu halten, die auch gegen die Virusvarianten wirkten. »Bitte tragen Sie auch im Auto, im Büro und in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maske«, sagte er. »Beschränken Sie Ihre Kontakte auf das Notwendigste.«

Regierung will Impfstoff-Sonderbeauftragten einsetzen

Die Bundesregierung wird nach Angaben von Spahn künftig einen Sonderstab für mehr Investitionen in die Impfstoffproduktion einrichten. Spahn bestätigte damit offiziell den Bericht des SPIEGEL, dass diese Gruppe von Christoph Krupp, dem bisherigen Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, geleitet werden soll. Ziel sei es, mehr Unternehmen zu Investitionen zu bewegen. Dafür brauche man auch ein Förderprogramm. Es gehe auch darum, Reservekapazitäten für die nächste Pandemie aufzubauen. Die schleppend gestartete Impfkampagne komme jetzt schneller voran, sagte Spahn.

kry/dpa/Reuters/AFP