Corona-Briefing RKI fordert schärferen Lockdown

Die Corona-Lage in Deutschland ist unverändert ernst: Das Robert Koch-Institut ruft die Bevölkerung zu mehr Disziplin auf – und warnt vor den neuen Virusvarianten.
RKI-Chef Lothar Wieler: »Müssen Fallzahlen unbedingt reduzieren«

RKI-Chef Lothar Wieler: »Müssen Fallzahlen unbedingt reduzieren«

Foto: John Macdougall / dpa

Das Robert Koch-Institut (RKI) zeigt sich weiterhin besorgt über die hohen Corona-Fallzahlen in Deutschland, die sich trotz der strikten Maßnahmen auf einem hohen Niveau eingependelt haben. »Wir müssen die Fallzahlen unbedingt reduzieren und daher weiterhin unsere Kontakte reduzieren«, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler bei einem Pressebriefing in Berlin. »Die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland war wahrscheinlich noch nie so ausgelastet wie heute.«

Das RKI meldete am Donnerstag 25.164 neue Corona-Infektionen. Mehr als 1200 Menschen starben demnach an oder mit dem Virus, ein neuer Höchststand. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 151,2 Fällen pro 100.000 Einwohner.

In den vergangenen zwei Wochen schwankten die Fallzahlen teils stark. Es hieß immer wieder, die Interpretation der gemeldeten Zahlen sei schwierig, unter anderem weil über die Feiertage weniger getestet und verzögert erfasst und übermittelt wurde. Man werde in wenigen Tagen die Zahlen wieder realistischer einschätzen können, versicherte Wieler nun. »Nächste Woche sollten die Verzerrungen durch Nachmeldungen oder weniger Testungen über die Feiertage aufgehoben sein.«

RKI-Epidemiologe Dirk Brockmann sagte, es sei eine »totale Konsensaussage« aller Modellberechnungen, dass die Maßnahmen weiter verschärft werden müssten, um das Infektionsgeschehen einzudämmen. Auch RKI-Präsident Lothar Wieler befürwortete eine Verschärfung als »Option«. Die Zahlen seien noch viel zu hoch, die derzeit geltenden Einschränkungen seien nicht ausreichend: »Diese Maßnahmen, die wir jetzt machen - für mich ist das kein vollständiger Lockdown, es gibt immer noch zu viele Ausnahmen. Die Maßnahmen müssen konsequenter umgesetzt werden«, sagte Wieler. »Bitte bleiben Sie zu Hause, wann immer es möglich ist, und treffen Sie nur die gleichen Leute.«

Dazu gehöre auch, dass noch mehr Arbeitgeber Homeoffice für ihre Mitarbeitenden möglich machen sollten. »Ich sehe viele Arbeitgeber, die verantwortungsvolle Vorreiter sind, aber es gibt ebenso viele, die ihre Mitarbeiter noch ins Büro bitten oder persönliche Treffen mit mehreren Menschen einfordern.« Die Heimarbeit schütze die Gesundheit von allen.

Ausbreitung von Mutationen würde Lage verschlimmern

»Wer nicht unbedingt muss, sollte aktuell nicht verreisen«, sagte Wieler weiter. »Wir sehen aktuell, dass die neuen Virusvarianten aus Großbritannien und Südafrika durch Reiseaktivitäten nach Deutschland getragen wurden.« Bisher seien 16 Fälle in Deutschland nachgewiesen worden. »Bisher können wir noch nicht abschätzen, wie sich die Mutationen auf die Lage in Deutschland einschätzen, aber wir müssen davon ausgehen, dass sie sich auch hierzulande verbreiten könnten – das würde die Lage verschlimmern«, so Wieler. »Doch vor den neuen, leichter übertragbaren Varianten helfen die Maßnahmen der Kontaktreduzierung.«

Man habe von Anfang an gewusst, dass sich das Virus verändere. »Neue Varianten werden durch Reiseaktivitäten schneller verbreitet«, sagte Wieler und rief erneut dazu auf, unnötige Reisen zu verschieben. »Wir sind keine Insel, die alles dichtmachen kann, wir sind mitten in Europa.«

Auf Vorwürfe, dass die aktuellen Maßnahmen nicht wirkten, entgegnete Wieler: »Es stimmt, dass dieser Lockdown nicht den gleichen Effekt hat wie der erste Lockdown.« Die Maßnahmen müssten konsequent eingehalten werden, und das sei nicht immer der Fall. »Das ist, wie wenn man im Regen steht, einen Regenschirm dabei hat, aber ihn nicht aufspannt. Da kann man auch nicht sagen, der Schirm funktioniert nicht – man muss ihn auch benutzen.«

Menschen bewegen sich noch zu viel

Der Physiker Dirk Brockmann, der für das RKI Bewegungsdaten auswertet und modelliert, sagte, dass man anhand der Mobilitätsdaten sehe, dass viele Leute noch immer sehr mobil seien. »Wir haben bereits im Frühjahr gesehen, dass die Mobilität einen sehr großen Einfluss auf das Infektionsgeschehen hat«, sagte er. »Damit können wir sehr genau messen, wie stark die Lockdown-Maßnahmen wirken.« Im ersten Lockdown sei die Mobilität innerhalb von einer Woche um 40 Prozent gesunken, mancherorts sogar um 70 Prozent.

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In der Weihnachtszeit und zwischen den Jahren habe man gesehen, dass die Mobilität zwar geringer gewesen sei als im Vorjahr – insbesondere lange Reisen hätten weniger stattgefunden. »Dennoch ist die Mobilität der Menschen nicht so stark gesunken wie im ersten Lockdown«, so Brockmann. »Wenn man den Radius verringert, in dem man sich bewegt, werden die Maßnahmen aber viel effektiver.«

Aus der Modellierung gehe hervor, dass die Regeln zur Reduzierung der Kontakte verstärkt werden müssten. »Wir müssen in eine Phase kommen, in der die Inzidenz substanziell heruntergehen muss«, sagte Brockmann. »Das ist das Fazit, das man ziehen muss.«

kry