Schlafstörung Sexsomnie überraschend weit verbreitet

Sie haben Sex im Schlaf, und morgens können sie sich oft an nichts erinnern: Sexsomnie-Patienten reden meist mit niemandem über ihr Leiden, auch nicht mit ihrem Arzt. Über die Verbreitung der Schlafstörung war deshalb kaum etwas bekannt - bis jetzt.

Patientin im Schlaflabor: Forscher präsentieren Zahlen zur Verbreitung von Sexsomnie
Corbis

Patientin im Schlaflabor: Forscher präsentieren Zahlen zur Verbreitung von Sexsomnie


Es ist eine bizarre Schlafstörung, die von Betroffenen meist verschwiegen und von ihrer Umwelt mit Unglauben aufgenommen wird: die sogenannte Sexsomnie. Wer an ihr leidet, nimmt im Schlaf sexuelle Handlungen vor, die von Masturbation bis zu gewaltsamem Geschlechtsverkehr reichen können. Da die von der Störung Betroffenen während des Geschehens nicht zu vollem Bewusstsein kommen, können sie sich am nächsten Morgen oft an nichts erinnern.

Bekannt war über das Phänomen bislang nur, dass es existiert - aber kaum, wie weit verbreitet es ist. Jetzt haben Wissenschaftler nach eigenen Angaben erstmals einigermaßen belastbare Zahlen vorgelegt. Demnach könnten rund acht Prozent der Menschen, die von Schlafstörungen betroffen sind, an Sexsomnie leiden.

Das Team des University Health Networks im kanadischen Toronto hatte 832 Patienten befragt, die sich in einem Zentrum zur Behandlung von Schlafstörungen therapieren ließen. 63 von ihnen (7,6 Prozent) hätten angegeben, im Schlaf sexuelle Handlungen mit ihrem Partner begonnen zu haben. Das geht aus einem Bericht hervor, den die Wissenschaftler am Montag beim Jahrestreffen der Associated Professional Sleep Societies in San Antonio (US-Bundesstaat Texas) vorstellen wollten.

Die Forscher stellten große Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest. Elf Prozent der 428 befragten Männer seien von Sexsomnie betroffen gewesen, während es bei den 404 Frauen nur vier Prozent gewesen seien.

"Bisher gab es keine Studien zur Verbreitung von Sexsomnie", sagte Sharon Chung, ein Mitglied des Forscherteams. Sie betonte, dass sich der Anteil der Sexsomnie-Patienten von acht Prozent nur auf Patienten beziehe, die ohnehin schon wegen Schlafstörungen in Behandlung gewesen seien. "In der Gesamtbevölkerung sollte der Anteil wesentlich geringer sein", sagte Chung. Dennoch sei man überrascht gewesen über die vergleichsweise hohen Zahlen. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge leidet in den Industriestaaten rund ein Drittel der Bevölkerung zumindest gelegentlich an Schlafstörungen, in Großstädten kommen manche Umfragen auf einen Anteil von bis zu 50 Prozent.

"Ein lächerlicher und auf Sensation abzielender Begriff"

Bei der Befragung in Kanada mussten die Patienten über die Symptome ihrer Schlafstörungen, das Verhalten während des Schlafs, über Schläfrigkeit, Erschöpfung und ihre Stimmung berichten. Dabei stellte sich nach Angaben der Forscher heraus, dass Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Müdigkeit und Niedergeschlagenheit bei Patienten mit Sexsomnie und solchen mit anderen Schlafstörungen in etwa gleich oft vorkamen. Bei beiden Gruppen hätten sich auch ähnliche Gewohnheiten beim Tabak- und Koffeinkonsum gezeigt. Allerdings hätten 16 Prozent der Sexsomnie-Betroffenen den Gebrauch illegaler Drogen zugegeben, während es bei den restlichen Patienten nur knapp acht Prozent waren.

Allerdings ist das Thema unter Psychologen umstritten. James MacFarlane von der University of Toronto etwa will schon von dem Begriff Sexsomnie nichts wissen. "Das ist ein lächerliches und auf Sensation abzielendes Wort, das keine wissenschaftliche oder medizinische Basis hat", sagte MacFarlane der Zeitung "Toronto Star". Richtiger sei es, für die entsprechenden Symptome den gebräuchlichen Begriff Parasomnie zu verwenden. Zu den Parasomnien gehört unter anderem das Schlafwandeln.

Das Thema ist für die Betroffenen offenbar so heikel, dass sie es selbst mit ihrem Arzt nicht besprechen. Nur vier der 832 Befragten hätten ihr Problem offen angesprochen, sagte Chung. Dass ein beachtlicher Anteil der Schlafstörungspatienten unter Sexsomnie leidet, ist für die Forscher allerdings nicht völlig überraschend: Im Juni 2007 hatte eine Auswertung früherer Studien im Fachblatt "Sleep" ergeben, dass zahlreiche Schlafstörungen mit abnormalem sexuellen Verhalten oder entsprechenden Erfahrungen in Zusammenhang stehen.

mbe



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