Schulen in der Coronakrise Das Märchen vom Pandemieparadies

Schulen sind angeblich keine Treiber der Pandemie, behaupten die Bildungsminister. Doch es gibt Zweifel an dieser Lesart – auch weil ein Ministerium anderslautende Ergebnisse zurückgehalten hat.
Eine Analyse von Armin Himmelrath und Jörg Römer
Schülerinnen und Schüler einer Stadtteilschule in Hamburg (Archivbild)

Schülerinnen und Schüler einer Stadtteilschule in Hamburg (Archivbild)

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Über Schulpolitik lässt sich prächtig streiten. Da ist es umso bemerkenswerter, wenn die Kultusministerinnen und -minister über alle Parteigrenzen hinweg wochen- und monatelang dieselbe Botschaft verkünden: Infektionen an Schulen? Nein, die seien höchst unwahrscheinlich, der Präsenzunterricht deshalb auf gar keinen Fall einzustellen.

»Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen«, formuliert das beispielsweise Susanne Eisenmann, CDU-Ministerin in Baden-Württemberg. Dass es Empfehlungen des Robert Koch-Instituts für kleinere Lerngruppen schon ab niedrigen Inzidenzwerten gibt, dass die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina am 8. Dezember angesichts steigender Infektionszahlen für eine Aufhebung der Schulpflicht plädierte? Die Ministerinnen und Minister ficht das nicht an.

Die Leopoldina scheine mit manchen Empfehlungen »nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein«, bürstete Eisenmann die eindeutigen Ratschläge aus der Wissenschaft ab. Und legte, kurz nach den Weihnachtsfeiertagen, noch einen drauf: Sie gehe mit Blick auf den 11. Januar davon aus, »dass wir Kitas und Grundschulen in jedem Fall wieder in Präsenz öffnen und auch Klasse 5, 6 und 7 sowie die Abschlussklassen im Blick haben – unabhängig von den Inzidenzzahlen.«

»Schulen sind nicht die Hotspots«

Aus der Kultusministerkonferenz erhob sich kein Widerspruch gegen diese Missachtung der Wissenschaft – was nicht weiter verwundert, da sich viele von Eisenmanns Kolleginnen und Kollegen zuvor ebenfalls schon eindeutig positioniert hatten, was die Virenausbreitung in Schulen angeht.

  • »Sowohl bei Lehrkräften als auch bei Schülerinnen und Schülern gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass Schulen in dieser Situation Infektionstreiber sind.« (Karin Prien, CDU, Schleswig-Holstein, am 15. November 2020)

  • »Es ist nicht logisch und auch nicht empirisch belegt, dass sich infizierte Kinder und Jugendliche vor allem in der Schule infizieren.« (Ties Rabe, SPD, Hamburg, am 19. November 2020)

  • »Wir haben Übertragung in Schule, aber die Schulen sind nicht die Hotspots und nicht die Treiber der Pandemie.« (Stefanie Hubig, SPD, Rheinland-Pfalz und zugleich Präsidentin der Kultusministerkonferenz, am 8. Dezember 2020)

  • »Schulen sind keine Infektionsherde, das haben das Robert Koch-Institut und andere Wissenschaftler wiederholt festgestellt.« (Yvonne Gebauer, FDP, Nordrhein-Westfalen, am 18. Dezember 2020)

Haben sie das wirklich? Zweifel sind mittlerweile angebracht. Denn dass Schulen sichere Orte sind, wie es etwa Hamburgs Schulsenator Ties Rabe immer wieder verkündet hatte, stellt sogar seine eigene Behörde infrage. Und dass Kinder und Jugendliche sich vor allem zu Hause oder bei Freunden anstecken, scheint zumindest in einem Fall dramatisch widerlegt zu sein.

Rabe hatte seine Aussage zur Sicherheit des Präsenzunterrichts vor allem auf Daten gestützt, die seine Schulbehörde im November vorstellte . Wissenschaftlich publiziert sind sie noch nicht.

Bei der Pressekonferenz hieß es, dass sich Schülerinnen und Schüler in der Hansestadt zwar auch beim Schulbesuch anstecken, dass dort die Gefahr aber offensichtlich viel geringer sei als anderswo. Die Behörde legte Zahlen zu den Infektionen vor: 78 Prozent der Schüler hätten sich eine nachgewiesene Corona-Infektion außerhalb der Lehranstalten zugezogen. Auffällig sei auch, dass sich jüngere Schüler unter zwölf Jahren nur halb so häufig infizieren wie ältere. Für die Untersuchung hatte die Schulbehörde die Umstände von 372 Erkrankungen ausgewertet.

Problematische Einschätzung des Senators

Inzwischen ist eine Genomanaylse des Virus vom Heinrich-Pette-Institut (HPI) und des Uniklinikums Eppendorf bekannt geworden, zu der Rabe bislang schwieg. Sie zeichnet einen Ausbruch an der Heinrich-Hertz-Schule, einer Stadtteilschule in Winterhude, mit mehr als drei Dutzend Infizierten nach und kommt zu einem Ergebnis, das im Widerspruch zu Rabes bisherigen Aussagen steht: Demnach kann der Ausbruch an der Hamburger Lehranstalt überwiegend auf eine einzige Person zurückgeführt werden.

Unabhängig davon könnte Rabes Einschätzung schon damals problematisch gewesen sein. Und erst recht in der aktuellen Lage mit einem hohen Infektionsgeschehen. 

Dabei scheint manches der Interpretation von vielen Kultusministerien recht zu geben. Studien zur Rolle der Lehranstalten und ihrer Besucher kamen im Verlauf der Pandemie zu unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Aussagen. In einem »Nature« -Artikel aus dem Oktober hieß es, dass Schulen wahrscheinlich keine Hotspots seien und gerade kleinere Kinder das Virus wohl nicht verbreiten würden.

Der Artikel zitiert den Epidemiologen Walter Haas vom Robert Koch-Institut. Noch würde Covid-19 unter Kindern global gesehen weniger oft auftreten als bei Erwachsenen. »Sie folgen eher dem Infektionsgeschehen, statt es anzutreiben.« Der Text verweist auf Studien aus Südkorea, Europa und Australien . Demnach könnten Schulen geöffnet bleiben – wenn das Infektionsgeschehen drum herum niedrig sei.

Kinder werden seltener getestet

Aber nicht nur in Hamburg sind die Zeiten niedriger Fallzahlen schon lange vorbei. Die von Rabe im November präsentierten Werte stammten aus dem Zeitraum zwischen den Sommer- und den Herbstferien, also vom 4. August bis zum 4. Oktober 2020. Am 4. August lag der Inzidenzwert, der die Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner angibt, an der Elbe bei 6,5. Anfang Oktober waren es 29 Fälle. Aktuell liegt der Wert aber bei 139 Neuinfektionen, die Grenze von 50 pro 100.000 Einwohner wurde am 19. Oktober überschritten .

In dieser Situation lässt sich ohnehin nur schwer sagen, wo und wie sich die Menschen anstecken und welche Rolle die Schulen bis zum Beginn der vorgezogenen Ferien in Hamburg spielten. Aber manche Experten sind sich sicher, dass Schüler genauso wie Erwachsene das Infektionsgeschehen widerspiegeln, nur macht sich das nicht bemerkbar. Denn weil Kinder häufiger symptomfrei bleiben und das Virus unbemerkt überstehen, werden sie seltener getestet.

Schauen Wissenschaftler genauer hin, ergibt sich ein anderes Bild. Ein Team von Forschern mehrerer Universitäten in Österreich hatte beispielsweise Massentests an Schulen durchgeführt. Das Ergebnis: Sars-CoV-2 befällt Schüler wie Lehrer gleichermaßen. Es stammt aus dem Spätsommer, aber es wurde weiter getestet, um ein valides Bild der Corona-Lage an den Schulen zu erhalten und die Dunkelziffer zu beleuchten. Erste Ergebnisse legten nahe, dass die Zahl der Infizierten an den Schulen deutlich zunahm wie überall anders auch (mehr dazu lesen Sie hier).

Virus macht um Schulen keinen Bogen

Ein ähnliches Bild ergibt sich in Großbritannien. Hier liegt laut Daten der nationalen Statistikbehörde  ONS (Office for National Statistics) der Anteil an Schulkindern bei den positiven Corona-Tests besonders hoch. Den höchsten Zuwachs verzeichnen im Dezember Kinder an Sekundarschulen also meist ab einem Alter von zwölf Jahren aufwärts . Der Virologe Christian Drosten teilte auf Twitter mit, dass man die Qualität der britischen Daten nur bewundern könne.

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Allerdings bleibt unklar, ob sich die Kinder in den Schulen angesteckt haben oder woanders. Die Daten zeigen aber, dass das Virus um Lehranstalten keinen Bogen macht. Corona wird in die Schulen hineingetragen und gelangt auch wieder heraus. Kinder in die Schule zu schicken, stellt aus epidemiologischer Sicht derzeit ein Risiko dar – selbst wenn nur manche Schulen betroffen sein sollten.

Dass manchmal eine einzige Person ausreicht, um das Virus an viele andere zu übertragen, hat sich nicht nur an der Hamburger Schule gezeigt. In Kanada stiegen die Zahlen der Neuinfektionen an den Schulen im Oktober massiv. Dort waren teils mehr Kinder betroffen als in den Firmen oder in Pflegeberufen. In der Provinz Quebec waren vor allem die Schulen die Treiber der Pandemie, sagte der Mikrobiologe Karl Weiss einer Zeitung .

Nur falsch kommuniziert?

Den Vorwurf der gezielten Vertuschung von Studienergebnissen weist eine Sprecherin der Hamburger Schulbehörde auf SPIEGEL-Anfrage zurück. Schon bisher sei man beim Corona-Ausbruch an der Heinrich-Hertz-Schule davon ausgegangen, »dass sich bis zu 34 der über 40 infizierten Schulbeteiligten in der Schule infiziert haben«.

Diese Zahl sei auch in die bisherigen Veröffentlichungen eingegangen, unter anderem in die Pressekonferenz von Schulsenator Rabe Mitte November. Zu berücksichtigen sei außerdem, »dass die Untersuchungen nach wie vor nicht abgeschlossen sind«, exakte Aussagen zu den Infektionsketten seien daher noch gar nicht möglich, so die Sprecherin. Das Heinrich-Pette-Institut und das Uniklinikum Eppendorf planten, »zu gegebener Zeit« eine wissenschaftliche Publikation zum Ausbruchsgeschehen an Hamburger Schulen zu veröffentlichen.

In einem Interview mit dem NDR  erklärte Ties Rabe, die Ergebnisse der Forscherinnen und Forscher seien im Prinzip längst bekannt gewesen. Der SPD-Politiker räumte ein, dass es im Nachhinein besser gewesen wäre, die Ergebnisse sofort zu veröffentlichen. Und er deutete an, an der bisherigen Einschätzung des Präsenzunterrichts festzuhalten: An den meisten Schulen gebe es keine Corona-Ausbrüche.

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Damit liegt er dann wieder ganz auf KMK-Linie. Am kommenden Montag wollen die Ministerinnen und Minister beraten, wie es in den Schulen weitergehen kann – auch im Hinblick auf mögliche Beschlüsse von Kanzlerin Angela Merkel und den Länderchefs einen Tag später. »In der KMK sind alle dafür, dass die Schulen möglichst lange offengehalten werden können«, stellte dazu Britta Ernst schon einmal fest. Die SPD-Ministerin aus Brandenburg wird 2021 als Präsidentin die KMK führen.

Und deutet, ganz zaghaft, eine neue »Gesamtabwägung« an: Auch die Schulen müssten einen Beitrag zur Reduzierung der Kontakte leisten.

Update: Nach dem Erscheinen diese Artikel erreichte die Redaktion Informationen aus der Schulbehörde. Sie hat die Eltern inzwischen auf einen eingeschränkten Schulbetrieb voraussichtlich bis Ende Januar hingewiesen. Eine Mitteilung zitiert Ties Rabe: »Wir wissen zurzeit nicht, welchen Erfolg der Lockdown haben wird. Aber aufgrund der anhaltend zu hohen Infektionszahlen ist zum jetzigen Zeitpunkt davon auszugehen, dass die Schulen in Hamburg wie in den anderen Bundesländern im Januar noch nicht zum regulären Präsenzunterricht zurückkehren werden.«

Der Senat gehe davon aus, dass auch in den folgenden, letzten beiden Januarwochen kein vollwertiger Präsenzunterricht in allen Klassenstufen stattfinden wird. Je nach Klassenstufe werde entweder ein Fernunterricht mit Notbetreuung oder ein Wechselunterricht aus Fern- und Präsenzunterricht stattfinden. Die endgültige Entscheidung darüber will der Senat nach Abstimmung mit den anderen Bundesländern sowie unter Berücksichtigung der Infektionslage im Januar treffen.