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Grippe-Impfung: Spritze gegen das Virus

Foto: A3390 Kay Nietfeld/ dpa

Schweinegrippe "Die Welle hat begonnen"

Binnen weniger Tage hat sich die Zahl der Schweinegrippe-Infizierten verdoppelt. Zwar können sich jetzt alle Bürger gegen das Virus impfen lassen, doch die Immunisierung läuft nur langsam an. Die Stimmung könnte bald kippen, sagen Experten.

Hamburg - Von Impfchaos wie in den USA kann keine Rede sein: Zehn Patienten stehen in einer wohl geordneten Schlange in der urologischen Gemeinschaftspraxis von Jürgen Linn und Andreas Soyka im Hamburger Stadtteil Winterhude. Sie warten auf ihre Spritze. "Ich will gesund bleiben", sagt Walter Grabler, 69. "Und ich will wieder mit dem Gefühl in der Bahn sitzen, dass mir nichts passieren kann."

H1N1-Virus

Seit Montag früh kann sich in Hamburg jeder impfen lassen, der eine Infektion mit dem fürchtet. Die Praxis gehört neben sieben Gesundheitsämtern zu einem von 22 Schwerpunktorten in Hamburg, die die Immunisierung anbieten. Die Nachfrage sei groß, betonen die Arzthelferinnen. Tatsächlich klingelt alle paar Minuten das Telefon, Patienten erkundigen sich nach der Immunisierung. In der Praxis muss jeder Impfwillige ein Informationsblatt lesen und einen Fragebogen zu Alter, Vorerkrankungen und Allergien ausfüllen.

Auch in den meisten anderen Bundesländern kann sich nach medizinischem Personal, Feuerwehr und Polizei nun auch die Allgemeinbevölkerung impfen lassen.

In Hamburg sollten die ersten Impfdosen eigentlich an chronisch Kranke gehen, doch in der Praxis reiht sich ein Gesunder an den nächsten. "Als Apothekerin komme ich ständig mit Kranken in Kontakt", sagt Hiltrud Lünsmann, 42. "Ich will das Virus nicht weiterverbreiten." Der Chemiker Hans-Christian Blunk hingegen ist es leid, sich weiterhin von Medienberichten über die wirtschaftlichen Interessen der Pharmafirmen  verunsichern zu lassen: "Ich will das endlich hinter mir haben", so der 51-Jährige. "Die Pharmaindustrie wird schon nicht so fahrlässig sein, dass sie den Tod von Millionen von Deutschen in Kauf nimmt."

In der Arztpraxis herrscht nicht die Skepsis vor dem Impfstoff vor, sondern die Erleichterung darüber, dass es ihn gibt. "Das Virus macht mir mehr Angst als eventuelle Nebenwirkungen der Impfung", sagt Peter Bielecke, 67, der sich für einen Türkei-Urlaub wappnen will.

Insgesamt 30.000 Ansteckungen in Deutschland seit April

Die mehrheitliche Meinung der Deutschen repräsentieren die Hamburger Impflinge damit jedoch offenbar nicht: Nach Angaben von Jörg Hacker, dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts in Berlin (RKI), läuft die bundesweite Impfaktion nur schleppend an. In Bremen etwa wurden nach Angaben des Gesundheitsamtes zwischen Montag und Donnerstag vergangener Woche rund 400 Impfdosen verabreicht. Auch aus Schleswig-Holstein kommen gemischte Rückmeldungen: "Bei einigen der 1500 beteiligten Ärzte wollte sich kaum ein Patient impfen lassen, bei anderen waren es zwischen 10 und 40 Patienten am Tag", berichtet Oliver Breuer, Pressesprecher des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Gesundheit in Bremen.

Auch eine - nicht repräsentative - Umfrage von SPIEGEL ONLINE unter 11.555 Lesern hatte noch in der vergangenen Woche ergeben, dass sich nur 725 von ihnen (6,25 Prozent) auf jeden Fall impfen lassen werden. Doch in der Wiederholung der Umfrage (siehe linke Spalte) hat sich der Anteil der Impfwilligen inzwischen nahezu verdreifacht.

Angesichts steigender Infektionszahlen könnte die Stimmung nun kippen: Binnen weniger Tage hat sich die Zahl der Schweinegrippe-Neuinfektionen laut RKI fast verdoppelt. Vor zwei Wochen seien 3075 neue Fälle registriert worden, in der Woche davor seien es noch 1860 gewesen, so Hacker. Seit April dieses Jahres haben sich demnach insgesamt 30.000 Menschen in Deutschland mit der Schweinegrippe angesteckt. "Die Welle hat begonnen", sagt RKI-Chef Hacker.

Indiz dafür sei auch, dass sich die Menschen zu 90 Prozent in Deutschland angesteckt hätten. Im Sommer seien die meisten Infektionen noch auf Auslandsaufenthalte zurückzuführen gewesen. Für die Zukunft könne man zudem auch schwere Krankheitsverläufe und eine steigende Zahl von Todesfällen nicht ausschließen.

Angst vor Mutationen

Bislang sind sechs Menschen in Deutschland an der Schweinegrippe gestorben. Ende vergangener Woche war auch die Rede davon, dass erstmals eine Frau allein den Folgen der H1N1-Infektion erlegen sei, ohne Vorerkrankungen gehabt zu haben. Inzwischen gibt es darüber allerdings widersprüchliche Informationen: Der WDR berichtete am Montag unter Berufung auf Angehörige, die 48-Jährige aus dem Rhein-Sieg-Kreis habe an Asthma und einer Lebererkrankung gelitten. Eine Sprecherin des Uni-Klinikums in Bonn, wo die Frau gestorben war, konnte dazu zunächst keine Angaben machen.

RKI-Präsident Hacker rief die Bundesbürger in einer Pressekonferenz erneut auf, sich gegen das H1N1-Virus immunisieren zu lassen: "Wenn geimpft wird, hat das Virus nicht die Möglichkeit zu mutieren", betonte er und fügte hinzu: "Wir gehen schon davon aus, dass Impfung die beste Prävention ist. Man kann sich selbst schützen, man kann andere schützen - und man gibt dem Virus nicht die Möglichkeit, sich zu verändern."

Bislang haben Forscher nach Angabe von Hacker aber weder in Deutschland noch weltweit Mutationen gefunden, die das Virus gefährlicher machen für den Menschen. Dennoch fürchten sich viele genau vor diesen potentiellen Veränderungen: "Diese Impfung ist nur ein Schutzversuch", sagt Dieter Wetjen, 62, der sich ebenfalls in Hamburg impfen lässt. "Sicherheit gibt es nicht."

Mit Material von Reuters, ddp und AP