Schweinegrippe-Forscher Auf der Suche nach dem Superspreader

Sie können den Klimawandel berechnen und die Entstehung des Lebens simulieren - doch ausgerechnet bei der Schweinegrippe scheitern Wissenschaftler mit ihren Modellen. Dabei könnte eine genaue Prognose helfen, eine effektive Strategie gegen das H1N1-Virus zu entwickeln.
Fußballfans in Kiew mit Schutzmasken: H1N1-Virus lässt Virologen rätseln

Fußballfans in Kiew mit Schutzmasken: H1N1-Virus lässt Virologen rätseln

Foto: A2800 epa Sergey Dolzhenko/ dpa

Hamburg - In der Theorie ist die Sache ganz einfach: Man kennt die Ansteckungsrate eines Erregers und seine Inkubationszeit. Man weiß, wie viele der Infizierten schwer erkranken und wie viele sterben. Hinzu kommen Informationen über die Bevölkerungsdichte, die Kontakthäufigkeit der Menschen - und fertig sind die Ausgangsdaten für eine Pandemie-Simulation.

Tatsächlich können Virenexperten wie Markus Schwehm von der Tübinger Firma Explosys sehr gut simulieren, wie sich ein Erreger wie das H1N1-Virus in der Bevölkerung ausbreitet und welchen Effekt Schulschließungen oder verstärkte hygienische Vorsichtsmaßnahmen haben. Schwehm berät mit seiner Software Influsim  Länder und Kommunen bei der Erstellung eines Pandemieplans.

Im Falle der Schweinegrippe muss der Forscher bisher jedoch passen. "Wir haben diese Grippe noch nicht vollständig verstanden", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Typische Parameter, von denen Schwehm Dutzende in seiner Software einstellen kann, unterscheiden sich offenbar von Land zu Land. Virologen erstaunt, wie unterschiedlich die Krankheitsverläufe beispielsweise in den USA und in Deutschland sind.

In der vergangenen Woche erst haben sich Pandemie-Modellierer aus der ganzen Welt im Mathematischen Forschungsinstitut Oberwolfach im Schwarzwald versammelt und über Ansätze diskutiert, wie man die Schweinegrippe simulieren kann. "Es ist sehr schwer, die aktuelle Pandemie zu modellieren", sagt Schwehm. "Da sind sich alle Modellierer einig."

Jeden zweiten Todesfall vermeiden

Umso erstaunlicher ist deshalb, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Mitte Oktober veröffentlichte Impfempfehlung für Deutschland  auch mit Modellierungen begründet, die am Robert-Koch-Institut durchgeführt wurden. "Vergleiche zwischen verschiedenen Impfstrategien im Rahmen von Modellannahmen zeigen, dass durch entsprechende Impfmaßnahmen die Anzahl der Todesfälle auf die Hälfte bis ein Drittel gesenkt werden könnte", schreibt die Stiko.

Beim RKI ist man davon ausgegangen, dass fünf Infizierte eine Infektion bei sechs weiteren Personen zur Folge haben werden (Virulenz) und dass 0,04 Prozent der ungeimpften Erkrankten versterben. Um mehr als jeden zweiten Todesfall zu vermeiden, müsste die Hälfte der vorrangig zu impfenden Zielgruppe und ein Viertel der übrigen Bevölkerung innerhalb von zwei bis drei Monaten geimpft werden, erklärt der RKI-Experte Gérard Krause.

Details zum verwendeten Modell, die Schwehm und sein US-Kollege Ira Longini von der University of Washington brennend interessieren würden, hat das RKI bisher nicht publiziert. "Unsere Modellierungen werden noch in Fachkreisen bewertet und verfeinert", sagt Krause auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Die Simulationen wiesen eine große Bandbreite auf, und viele Einflussgrößen seien letztlich nicht bekannt, betont der Forscher.

Kinder zuerst?

Erste Empfehlungen zur Impfstrategie gegen H1N1 hatte bereits im September ein Forscherteam um Ira Longini gegeben. Um den Ausbruch der Schweinegrippe in den USA im Zaum zu halten, müssten bis zu 70 Prozent der US-Bevölkerung geimpft werden, berichteten die Wissenschaftler im Fachblatt "Science". Zuerst sollten Kinder und Jugendliche die Spritze bekommen, hieß es.

In der Empfehlung der Stiko stehen Beschäftigte im Gesundheitsdienst, Personen mit chronischen Leiden und Schwangere ganz oben auf der Liste der zu impfenden Personen. Dann folgt jedoch auch schon die Gruppe der Kinder, Jungendlichen und Erwachsenen bis 24 Jahren, die wegen ihres häufig engen Kontakts untereinander Viren besonders leicht übertragen. Forscher sprechen von sogenannten Superspreadern.

"Die Empfehlungen der Stiko kann ich nachvollziehen", sagt Schwehm. Insbesondere die vorrangige Impfung von Kindern sei aus epidemiologischer Sicht zu befürworten. Beobachtungen in den USA hätten gezeigt, dass wenige Tage nach Schulbeginn die Infektionen sprunghaft gestiegen seien. "Offenbar spielen Schulkinder eine wichtige Rolle bei der Übertragung", erklärt Schwehm.

Um aber die wichtige Frage beantworten zu können, welcher Anteil der Kinder, des Krankenhauspersonals und der übrigen Bevölkerung geimpft werden müsste, um die Pandemie zu stoppen, fehlen den Wissenschaftlern genaue Zahlen.

Schwehm arbeitet bereits an einem neuen Modell, mit dem er schon bald die Schweinegrippe samt Impfung simulieren will. "Influsim ist in seiner bisherigen Form dafür nicht geeignet", sagt er. Bei Parametern, die unsicher seien, nutze er ein ganzes Intervall möglicher Werte. Weil es mehrere solcher unsicherer Parameter gebe, müsse man alle möglichen Parameterkombinationen simulieren und erhalte eine Bandbreite an möglichen Ergebnissen. "Über Ergebnisse möchte ich jedoch noch nichts sagen, weil sie noch nicht ausreichend abgesichert sind."

Wenn die Modellierer weltweit Glück haben, dann könnten sie mit ihren neuen Modellen womöglich tatsächlich helfen, die Schweinegrippe in den Griff zu bekommen. Es ist aber genauso gut möglich, dass ihre Modelle erst dann funktionieren, wenn die Infektionswelle längst vorbei ist.

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