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Grippe-Impfung: Spritze gegen das Virus

Foto: A3390 Kay Nietfeld/ dpa

Schweinegrippe Gesundheitliche Probleme nicht immer Folge der Impfung

Tod nach der Spritze? Im Zusammenhang mit der Massenimmunisierung erwarten Forscher einen sprunghaften Anstieg von Meldungen über Todesfälle, Fehlgeburten und Krankheiten. Doch nicht jeder Zwischenfall ist eine Nebenwirkung der Schweinegrippe-Impfung.

"Alarm in Schweden. 4 Tote und 190 Kranke nach Impfung." Mit solchen Aussagen lassen sich - wie im Berliner Boulevardblatt "B.Z." - Schlagzeilen machen. Mittlerweile sind sogar fünf Menschen in Schweden in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung gegen die Schweinegrippe gestorben.

Doch besteht deshalb Grund zur Panik? Nein, sagt die schwedische Arzneimittelbehörde Läkemedelsverket, die kürzlich alle seit dem dortigen Impfstart am 12. Oktober gemeldeten Nebenwirkungen publiziert und bislang noch keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Todesfällen gefunden hat.

Nein, sagt auch ein Team von 13 internationalen Wissenschaftlern, das sich mit der Frage beschäftigt, wann und wie häufig Fehlgeburten, plötzliche Todesfälle oder bestimmte Krankheiten in der Normalbevölkerung auftreten - und wann von einem kausalen Zusammenhang mit einer Massenimmunisierung ausgegangen werden muss. Wie die Forscher in der Fachzeitschrift "The Lancet" schreiben,  müssen diese "Krankheits-Hintergrundraten" unbedingt in die Analyse von Nebenwirkungen einbezogen werden, um Fehlinterpretationen zu vermeiden und in der Bevölkerung nicht unnötige Ängste zu schüren.

Krank oder tot - unabhängig von Impfung

Bereits 1976 hatte es in den USA eine Massenimpfung gegen eine Schweinegrippe gegeben. Ein Rekrut einer US-Kaserne in New Jersey war an einer Infektion mit einem neuen Influenza-Virenstamm erkrankt und wenige Tage später gestorben. Nachdem weitere 200 Infektionsfälle in der Kaserne bekannt wurden, entschied Präsident Gerald Ford, dass jeder US-Bürger geimpft werden sollte.

Doch die Massenimmunisierung geriet zum Desaster und wurde nach mehr als 40 Millionen verimpften Dosen abgebrochen. Die Gründe: Die Krankheit breitete sich nicht so stark aus wie erwartet. Und es traten gehäuft Fälle des sogenannten Guillain-Barré-Syndroms (GBS) auf. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Nervenwurzeln und der peripheren Nerven. Meist führt sie zu reversiblen Lähmungen der Beine und Arme, auch die Atemmuskulatur kann betroffen sein. Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass das Syndrom signifikant häufiger bei Impflingen als bei ungeimpften Personen auftrat.  

Die "Lancet"-Autoren um Steven Black vom Cincinnatti Children's Hospital (US-Bundesstaat Ohio) gehen davon aus, dass es auch bei dieser Massenimpfung gehäuft zu Meldungen von GBS kommen wird. Sie weisen jedoch nach einer Metaanalyse von Krankenhausdaten und internationalen Studien darauf hin, dass innerhalb eines Jahres auch ohne Impfung statistisch einer von 100.000 Menschen an dem Syndrom erkranken wird. Geht man davon aus, dass sich 100 Millionen Amerikaner impfen lassen, müsste man mit rund 215 Fällen von GBS rechnen, die nur zufällig in die sechs Wochen nach der Impfung fallen.

Für Fehlgeburten und plötzliche Todesfälle machen die Forscher ähnliche Rechnungen auf: Von einer Million schwangerer Frauen werden voraussichtlich 397 eine spontane Fehlgeburt am Tag nach der Impfung erleben müssen. Doch diese Rate wird an jedem Tag in jedem Jahr erwartet - egal ob zu einer Impfperiode oder nicht. Auch sechs plötzliche Todesfälle ohne erkennbare Ursache wären bei 100.000 Menschen innerhalb von sechs Wochen statistisch erwartbar, ohne dass ein Zusammenhang mit der Impfung bestehen muss.

Fünf Todesfälle bei Patienten mit chronischen Erkrankungen

Gleiches gilt allerdings auch für die Erkrankung an der Schweinegrippe: Nicht jeder an H1N1 erkrankte Verstorbene ist auch tatsächlich an der Schweinegrippe gestorben. Bei den bislang bekanntgewordenen sechs Todesfällen in Deutschland, hatten mindestens fünf der sechs Betroffenen chronische Vorerkrankungen gehabt. Nur in einem Fall gab es widersprüchliche Aussagen, ob eine 48-jährige Frau aus dem Rhein-Sieg-Kreis an Asthma und einer Lebererkrankung gelitten habe oder allein an der Folgen der H1N1-Infektion gestorben sei.

"Eine vorsichtige Interpretation von Warnhinweisen ist deshalb entscheidend, um tatsächliche Reaktionen auf die Impfung zu identifizieren", schreiben die Forscher. "Zwischenfälle, die nicht von der Impfung verursacht werden, sollten die Einstellung der Bevölkerung nicht fälschlicherweise verändern."

Doch nicht nur für die Bevölkerung, auch für die Behörden wird es in Zukunft nicht immer einfach sein, einen ursächlichen Zusammenhang vom zufälligen Auftreten von Krankheiten oder gar Todesfällen zu unterscheiden - das zeigt das Beispiel Schweden. "Bislang haben wir keinen Hinweis darauf, dass die Impfung ursächlich war für die Todesfälle", hatte Ursula Forner, Pressesprecherin der schwedischen Arzneimittelbehörde Läkemedelsverket, kürzlich zu SPIEGEL ONLINE gesagt. "Aber wir nehmen das sehr ernst und untersuchen die Fälle weiter."

Umstände der Zwischenfälle weiter abklären

Das Intervall zwischen Impfung und Tod betrug zwischen 12 Stunden und 4 Tagen. "Alle fünf Patienten hatten chronische Erkrankungen", schreibt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das die schwedischen Daten auf seiner Seite präsentiert . Die Todesfälle müssten vor dem Hintergrund von 200 und 250 Todesfällen pro Tag in Schweden gesehen werden, wobei die Mehrheit der Fälle ältere Menschen mit chronischen Grunderkrankungen betrifft, also die Gruppe, die derzeit bevorzugt geimpft wird.

In Schweden wurden bisher etwa 1,4 Millionen Dosen des Impfstoffs Pandemrix ausgeliefert, wie viele Menschen sich bereits haben impfen lassen, wurde nicht mitgeteilt. Insgesamt hätten Gesundheitsmitarbeiter bisher etwa 200 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen gemeldet. Von den Geimpften selbst hätten 400 bis 500 über unerwünschte Wirkungen berichtet. In Zulassungsstudien wurden bislang unter anderem Kopf- und Gelenkschmerzen, Fieber, Mattigkeit und Rötung an der Einstichstelle festgestellt.

Beachtenswert sei die Meldung von allergischen Reaktionen bei 37 Patienten, schreibt das PEI, darunter seien 15 schwerwiegende Reaktionen gewesen. Die Patienten seien mit Adrenalin, Kortikosteroiden und Antihistaminika behandelt worden. Bei zwei der Patienten sei eine Hühnereiweißallergie bekannt gewesen. Nach Auffassung des PEI ist es notwendig, die Umstände der einzelnen Fälle weiter abzuklären.

In den meisten deutschen Bundesländern kann sich die Bevölkerung seit Montag impfen lassen. Nach einem sprunghaften Anstieg der Zahl von Neuinfizierten hatte Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts, seinen Impf-Appell erneuert: "Die Welle hat begonnen", so Hacker in Berlin.

Mit Material von dpa