Schweinegrippe in Deutschland Virologen erwarten Andrang bei Impfung

Bedenken gegen die Schweinegrippe-Impfung könnten schnell verfliegen: Das für die Zulassung von Arzneimitteln zuständige Bundesinstitut rechnet mit einem Andrang auf Arztpraxen, sobald die Zahl der Infizierten steige. Allerdings werde in der aktuellen Diskussion "unglaublicher Blödsinn" verbreitet.

Impfung an der Universitätsklinik in Mainz: "Unglaublicher Blödsinn verbreitet"
DDP

Impfung an der Universitätsklinik in Mainz: "Unglaublicher Blödsinn verbreitet"


Berlin - Die meisten Deutschen wollen sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen lassen - doch das könnte sich schnell ändern. Das Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen rechnet mit einer schnellen Wendung in der Haltung der Bürger zur Schweinegrippe-Impfung. Die Bedenken könnten über Nacht verschwinden, "sobald wie jetzt in den USA die Zahl der Schwerkranken steigt und die Krankenhausbetten knapp werden", sagte der Impfstoff-Experte Michael Pfleiderer der "Wirtschaftswoche".

Der Leiter des Fachgebietes Virusimpfstoffe beim Paul-Ehrlich-Institut sagte, dass bei einem zunächst milden Verlauf selbst Ärzte Vorbehalte gegen die Impfung äußerten, "hätte ich mir nicht träumen lassen". Die Behörde ist für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständig und fällt in den Geschäftsbereich des Bundesgesundheitsministeriums.

In der aktuellen Diskussion werde "unglaublicher Blödsinn als Wahrheit" verkauft, sagte Pfleiderer weiter. "Etwa, dass Hilfsstoffe, die die Wirkung eines Impfstoffs mit Virusbruchstücken verstärken, völlig neu und unerprobt seien und große Nebenwirkungen hätten." Sachlich gebe es überhaupt keinen Grund für Vorbehalte. Die kritisierten Wirkungsverstärker seien längst erprobt und in herkömmlichen Grippe-Impfstoffen schon millionenfach gespritzt worden.

Tatsächlich seien die Wirkstoffverstärker, sogenannte Adjuvanzien, gerade deshalb entwickelt worden, weil alternative oder ältere Impfstoffkonzepte entweder unwirksam seien oder mitunter starke Impfreaktionen hervorriefen. "Adjuvanz-Impfstoffe haben ein akzeptables Nebenwirkungsprofil, sind in saisonalen Grippe-Impfstoffen seit zehn Jahren enthalten und schon über 40 Millionen Mal verimpft worden", wird Pfleiderer zitiert.

Lieferengpass in Baden-Württemberg

Bundesgesundheitsministers Philipp Rösler (FDP) hatte am Samstag davor gewarnt, die normale Herbstgrippe zu unterschätzen. Sie sei derzeit noch gefährlicher als die Schweinegrippe. Er werde sich erst einmal gegen die normale Grippe impfen lassen, sagte Rösler der "Bild am Sonntag". Danach lasse er sich gegen die Schweinegrippe impfen. Den Bürgern empfahl er, sich mit ihrem Arzt zu besprechen.

Die Impfungen gegen Schweinegrippe laufen auch eine Woche nach Beginn nur schleppend an. Vorrangig geimpft werden Klinikmitarbeiter, Polizisten und Feuerwehrleute sowie chronisch Kranke.

Die Zahl der Schweinegrippe-Toten stieg bundesweit auf sechs. Darunter ist erstmals eine Frau, die offenbar allein den Folgen der neuen Influenza erlag.Die 48-Jährige aus dem Rhein-Sieg-Kreis hatte keine bekannten Vorerkrankungen, die den schweren Krankheitsverlauf erklären würden, teilte das Universitätsklinikum Bonn am Freitagabend mit. Wo sich die Frau angesteckt habe, ist unklar. Nach dem neuen Todesfall rechnet das Robert Koch Institut (RKI) nun damit, dass auch in Deutschland verstärkt Patienten ohne weitere Vorerkrankungen an der Schweinegrippe sterben könnten.

In Baden-Württemberg wurde deutlich weniger Impfstoff geliefert als angefordert. Statt 900.000 Dosen Pandemrix pro Woche seien bisher in der ersten Marge 200.000 und in einer zweiten 112.000 angekommen, hieß es aus dem Sozialministerium. Grund ist ein Lieferengpass beim Hersteller GlaxoSmithKline, wie eine Firmensprecherin bestätigte.

Spuckverbot in Rumänien

Das RKI rief die Bevölkerung zu erhöhter Vorsicht auf. "Mit zunehmenden Fallzahlen, die sich derzeit abzeichnen, wird auch die Anzahl von Fällen mit schwererem Verlauf zunehmen", teilte das Institut mit. "Vor diesem Hintergrund sind die Einhaltung von persönlichen Hygienemaßnahmen und die Impfung als wichtige Präventionsmaßnahme von besonderer Bedeutung."

Seit dem Ausbruch der Krankheit im April sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit mindestens 5700 Menschen an der Schweinegrippe gestorben. Auch in Deutschland breitet sich die Schweinegrippe nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums immer schneller aus: 30.000 Infektionsfälle seien bisher erfasst worden.

In Osteuropa bekämpfen die Behörden das Virus mit drastischen Maßnahmen: Nach einer Serie von Todesfällen im Zusammenhang mit der Schweinegrippe hat die ukrainische Regierung landesweit die Schulen geschlossen und größere Veranstaltungen verboten. Der rumänische Fußballverband wies seine Spieler an, nicht mehr auf das Spielfeld zu spucken. Desweiteren sollen die Trainer ihre Akteure bitten, getrunkenes Wasser künftig herunterzuschlucken. Coaches, die auf einen entsprechenden Appell an ihre Spieler verzichten wollen, sollen während der Spiele eine Schutzmaske tragen.

amz/AP/Reuters/dpa/AFP

insgesamt 6202 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
IsArenas, 02.05.2009
1.
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Crackerjack 02.05.2009
2.
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
descartes101, 02.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
Hans58 02.05.2009
4.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
firefly 02.05.2009
5.
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.