Schweinegrippe US-Regierung befürchtet bis zu 90.000 Todesfälle
Impfstoff-Produktion: Die Maßnahmen gegen die Schweinegrippe laufen auf Hochtouren
Foto: Ralf HirschbergerWashington - Grippe-Epidemien haben oft gravierende Folgen. In den USA etwa kostet eine durchschnittliche herbstliche Influenzawelle rund 36.000 Menschen das Leben. Doch in der kommenden Saison könnte es durch die Schweinegrippe deutlich schlimmer kommen: Derzeit rechne man mit 30.000 und 90.000 Todesopfern, berichtete ein Beraterausschuss der US-Regierung für Gesundheitsfragen am Montagabend in Washington. Demnach könnte sich in den kommenden Monaten jeder zweite Amerikaner mit dem H1N1-Virus infizieren. Im schlimmsten bisher vorhersehbaren Fall müssten 1,8 Millionen US-Bürger wegen der Schweinegrippe im Krankenhaus behandelt werden, hieß es.
Die US-Seuchenbehörde CDC in Atlanta nannte die Vorhersage aus Washington "ein plausibles Szenario, auf das wir uns vorbereiten müssen". Dem Bericht zufolge könnte die Infektionswelle schon Mitte Oktober einen Höhepunkt in den USA erreichen. Washington drängt die Hersteller des ersten Impfstoffes gegen den H1N1-Erreger, das Vakzin schon vor Abschluss der klinischen Tests zur Verfügung zu stellen. Auf Vorschlag des Beraterausschusses sollte der Impfstoff bereits im September ausgegeben werden, etwa einen Monat früher als ursprünglich geplant.
Bevölkerung anfällig für H1N1-Virus
Der Grund der Besorgnis der Experten ist die Tatsache, dass es in der Bevölkerung kaum eine Immunität gegen das neue A/H1N1-Virus gibt. "Diese Epidemie wird sich schneller als normalerweise ausbreiten, weil die Bevölkerung anfälliger ist", warnte Marc Lipsitch von der Harvard School for Public Health kürzlich. Mediziner befürchten zudem, dass das äußerst ansteckende, aber bisher nur selten tödliche neue H1N1-Virus in einer zweiten Epidemiewelle an Tödlichkeit zulegen könnte - wie es bereits bei früheren Pandemien wie etwa der Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 geschehen ist.
Der erst vor einigen Tagen nachgewiesene Übergang des H1N1-Virus auf Vögel hat diese Befürchtungen verstärkt. Für Seuchenbekämpfer wäre es ein Alptraum, wenn sich das äußerst virulente H1N1-Virus mit dem wenig ansteckenden, dafür aber extrem gefährlichem Vogelgrippe-Erreger H5N1 genetisch vermischen würde.
Schweinegrippe verbreitet sich in Deutschland weiter
In Deutschland ist die Zahl der Schweinegrippe-Erkrankungen weiter gestiegen. Von Freitag bis Montag kamen 256 Fälle hinzu, wie das Robert-Koch-Institut am Dienstag mitteilte. Damit wurden bislang 14.581 Fälle gezählt. Von den 256 neuen Patienten steckten sich 182 auf einer Auslandsreise an, 74 in Deutschland. Auch deutsche Soldaten in Afghanistan sind betroffen. Deswegen schränkte die Bundeswehr ihre Afghanistan-Flüge für Zivilisten stark ein.
Die Bundesregierung schließt unterdessen eine gefährlichere Welle der Schweinegrippe in Deutschland nicht aus. Die Erfahrungen mit Pandemien zeigten, dass auf eine erste schwache Welle meist eine zweite Welle mit schweren Erkrankungen und Todesfällen folgte, heißt es in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei.
Bisher verliefen die Erkrankungen mild, und schwere Verläufe beträfen nur einzelne Patienten mit chronischen Grunderkrankungen. Zur Einschätzung des Impfrisikos verweist das Bundesgesundheitsministerium in seiner Antwort auf Erfahrungen mit saisonalen Grippeimpfstoffen. Es sei jedoch nicht auszuschließen, "dass bei breiter Anwendung eines neuen Arzneimittels bislang unerwartete Nebenwirkungen entdeckt werden". Darum sei die Erfassung der Nebenwirkungen von besonderer Bedeutung, wofür Überwachungsinstrumente aufgebaut würden.