Sehstörungen Schilddrüse beeinflusst die Farbwahrnehmung

Spezialisierte Zellen im Auge, die sogenannten Zapfen, sorgen dafür, dass Menschen Farben wahrnehmen können. Wie Forscher jetzt bei Mäusen entdeckt haben, sorgt die Schilddrüse für ein Gleichgewicht dieser Zellen - und zwar ein Leben lang.

Augenuntersuchung in Indonesien (Archivbild): Farbsehen hängt auch von Hormonen ab
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Augenuntersuchung in Indonesien (Archivbild): Farbsehen hängt auch von Hormonen ab


Intensives Blau, schimmerndes Grün: Ein dauerhafter Mangel an Schilddrüsenhormonen verändert die Wahrnehmung von Farben. Ein deutsch-österreichisches Forscherteam hat in Versuchen mit Ratten und Mäusen nachgewiesen, dass die Hormone das gesamte Leben über das Farbsehen beeinflussen. Da dieser Regelkreis bei allen Säugetieren gleich ist, vermuten Anika Glaschke vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und ihre Kollegen, dass die Schilddrüse auch beim Menschen fortwährend auf das Farbsehen wirkt.

Beim Menschen wurde dieser Effekt bisher jedoch noch nicht beobachtet. Das liege daran, dass ein Hormonmangel aufgrund anderer gravierender Folgen immer möglichst schnell ausgeglichen werde, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Journal of Neuroscience" .

Die Hormone der Schilddrüse haben einen großen Einfluss auf den Körper: Sie regulieren unter anderem die Herzfrequenz und den Blutdruck. Außerdem sorgen sie für einen erhöhten oder verringerten Energieumsatz. Bei Kindern spielen sie darüber hinaus für das Wachstum sowie die Entwicklung des Körpers und des Nervensystems eine wesentliche Rolle.

Aus früheren Studien an Mäusen war bereits bekannt, dass Schilddrüsenhormone das sich entwickelnde Auge beeinflussen - insbesondere die für das Farbsehen verantwortlichen Sehzellen, die sogenannten Zapfen. Die meisten Säugetiere besitzen mindestens zwei Typen von Zapfen: die einen sind empfindlich für kurzwelliges Licht und enthalten daher ein Sehpigment für blaues und violettes Licht, die anderen sind empfindlich für mittel- bis langwelliges Licht und enthalten ein Grün-Sehpigment. Menschen verfügen zudem über ein Sehpigment, das für den langwelligen Bericht empfindlich und für die Rot-Wahrnehmung zuständig ist.

Das von der Schilddrüse produzierte Hormon Triiodthyronin hemmt während der Entwicklung des Auges die Produktion des Blau-Sehpigments und aktiviert die Herstellung des Grün-Sehpigments. Bisher dachten die Forscher jedoch, dass diese Regulation über die Schilddrüse nur im Kindesalter auftritt und im Erwachsenenalter abgeschlossen ist. Wann genau das der Fall ist, wollte das Team nun an Ratten und Mäusen untersuchen. Erstaunlicherweise fanden die Forscher jedoch keinen Endpunkt: "Auch mehrere Wochen nach der Geburt konnten wir immer noch eine Hormonwirkung beobachten", sagt Anika Glaschke.

Daraufhin untersuchten die Wissenschaftler ausgewachsene Nager, bei denen sie die Hormonproduktion der Schilddrüse über Medikamente gezielt senkten. Es zeigte sich, dass dadurch alle Zapfen im Auge nur noch das blaue Sehpigment produzierten. Nach dem Stopp der medikamentösen Behandlung normalisierte sich der Hormonspiegel jedoch wieder, und die Zapfen produzierten je nach Typ grünes oder blaues Sehpigment. Der Gehalt an Sehpigmenten ist also auch in erwachsenen Tieren nicht festgelegt, sondern kann sich ändern, folgern die Forscher.

Mitautor Martin Glösmann von der Universität Wien sagt: "Wenn dieser Regelkreis auch in den menschlichen Zapfen vorliegt, dann würde sich ein im Erwachsenenalter erworbener Schilddrüsenhormonmangel - etwa durch Jodmangelernährung oder nach Schilddrüsenentfernung - auch auf die Sehpigmente der Zapfen auswirken und Farbsehstörungen verursachen."

wbr/dapd



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