Seuchen WHO verfehlt Ausrottung der Masern

Die Masern sollten seit 2010 aus Europa verschwunden sein - doch die Weltgesundheitsorganisation hat ihr Ziel verfehlt. Allein in Deutschland stecken sich nach wie vor Hunderte Kinder jährlich an. Immer wieder kommt es auch zu Todesfällen.
Impfung in Entwicklungsländern: Masern sind auch in Europa noch nicht ausgerottet

Impfung in Entwicklungsländern: Masern sind auch in Europa noch nicht ausgerottet

Foto: EDUARDO MUNOZ/ REUTERS

Weltgesundheitsorganisation WHO

2010, so hatte es die geplant, sollte Schluss sein mit der Verbreitung von Masern in Europa. Doch davon kann keine Rede sein: Selbst Länder mit vergleichsweise guten Gesundheitssystemen und einer funktionierenden Impfstruktur haben dieses Ziel verfehlt. Deshalb hat die WHO ihren Kurs kürzlich korrigiert - und 2015 als neues Ziel zur Ausrottung der Masern definiert.

Masern

Allein in Deutschland erkranken weiterhin jährlich Hunderte von Kindern an . Die Zahl der Fälle ist zuletzt sogar gestiegen: 2009 hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) 571 Ansteckungen registriert, im vergangenen Jahr waren es 777, was einem Anstieg von 36 Prozent entspricht.

Impfungen

Allerdings schwanken die Masernzahlen in Deutschland von Jahr zu Jahr und je nach Bundesland stark. 2004 gab es nur 123 Fälle, 2006 waren es wegen eines großen Ausbruchs in Nordrhein-Westfalen bundesweit 2308. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt zwei gegen die Viruserkrankung. Die Erstimpfung sollte bei Kindern im Alter von 11 bis 14 Monaten erfolgen. Im Abstand von vier bis sechs Wochen danach kann zum zweiten Mal geimpft werden.

Weltweit gelten schwere Masernverläufe als eine der häufigsten Todesursachen bei Kleinkindern. Um aber Viruserkrankungen - so wie einst die Pocken - auszurotten, müssten 95 Prozent der Bevölkerung gegen den Erreger immunisiert sein. In Nord- und Südamerika etwa, wo die Impfraten vergleichsweise hoch sind, sind nach WHO-Angaben seit acht Jahren keine Masern mehr aufgetreten. In Deutschland zeigt sich ein eher uneinheitliches Bild: 2008 fiel die Quote von geimpften Kindern (zweite Masernimpfung) beim Eintritt in die Schule je nach Bundesland unterschiedlich aus. Nach Angaben des RKI  waren es zwischen 84,7 Prozent in Bayern und 94 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. Im Bundesdurchschnitt waren es lediglich 89 Prozent.

Zahlreiche Ursachen für schlechte Impfquoten

Warum die WHO mit ihrem Ziel gescheitert ist, hat vielschichtige Ursachen. In vielen Ländern wäre die Impfbereitschaft laut Experten groß, doch es mangele an geschultem Personal, das Impfungen durchführen könne. Und: Die Impfstoffe müssten gekühlt werden, was in vielen Ländern ein Problem ist.

In Europa aber könnte auch die zunehmende Skepsis gegenüber Impfungen eine der Gründe dafür sein, dass Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen. Nach wie vor kursieren viele Gerüchte über die vermeintliche Schädlichkeit der Impfung. In Großbritannien etwa kam es vor einigen Jahren zu einer wahren Hysterie darüber, dass die Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) angeblich zu Autismus führen könne. Dabei ist die ursprünglich im Medizinjournal "The Lancet" veröffentlichte Behauptung, es gebe einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus, inzwischen längst widerlegt und von der Fachzeitschrift als unhaltbar zurückgezogen.

Für das Kühl-Problem in Entwicklungsländern haben US-Forscher möglicherweise ein probates Mittel parat: Wie Wen-Hsuan Lin und seine Kollegen von der Johns Hopkins Bloomberg Schule für Öffentliche Gesundheit in Baltimore jetzt im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences"  berichten, könnten Kinder künftig geimpft werden, indem sie ein Puder inhalieren.

Die ersten Versuche mit einem experimentellen Masernimpfstoff dieser Art habe bei Rhesusaffen bereits Wirkung gezeigt: Die Affen hätten das Impfpuder eingeatmet und anschließend eine Immunität gegen Masern aufgebaut, schreiben die Forscher.

cib/dpa