Sexualität "Vaginaler Orgasmus ist eine Legende"

Frauen sind im Bett selbstbewusster als früher, sagt eine aktuelle Studie. Doch sie bekommen dennoch nicht immer, was sie wollen. Psychotherapeutin Kirsten von Sydow über übersteigerte Wünsche, ausbleibende Orgasmen und Mut beim Sex.
Sagen, was gut ist

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Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: Frau von Sydow, junge Frauen sind laut der aktuellen Befragungswelle "Studentische Sexualität im Wandel" experimentierfreudiger geworden (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL). Heißt das, Hemmungen werden überwunden?

Sydow: Ja und Nein. Gerade durch Pornos entsteht ein großer Druck. Ich erlebe manchmal Frauen, die alles mitmachen, aus Angst, den Partner zu verlieren. Dabei hätten sie lieber Nein gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Könnte es nicht auch heißen, Frauen probieren einfach gerne aus?

ZUR PERSON
Foto: Studio Zajaczek

Kirsten von Sydow arbeitet als psychologische Psychotherapeutin in Hamburg und als Professorin an der Psychologischen Hochschule Berlin. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Andrea Seiferth hat sie das Buch "Sexualität in Paarbeziehungen" veröffentlicht.

Sydow: Natürlich gibt es auch diese Frauen. Solche, die Freude daran haben, Neues zu entdecken, und die abenteuerlich sind. Das ist immer die Krux der Therapeutensicht: Wer zu uns kommt, tut es, weil er leidet.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass jede vierte Frau Probleme hat, zum Orgasmus zu gelangen. Woran liegt das?

Sydow: Wahrscheinlich liegt die echte Zahl sogar höher. Schuld hat Sigmund Freud und seine Legende vom angeblich "reifen vaginalen Orgasmus", wonach Frauen allein durch Penetration zum Höhepunkt kommen sollen. Das ist bei manchen möglich, bei vielen aber nicht. Klappt es dann nicht, denken sie, sie funktionieren nicht richtig. Das sensibelste weibliche Organ ist die Klitoris. Man kann sie streicheln und oral stimulieren. Das auszusprechen ist aber für viele Frauen, auch jüngere, noch immer ein Tabu.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie den Frauen?

Sydow: Sagen Sie, was Sie brauchen. Zeigen Sie, was Ihnen gefällt.

SPIEGEL ONLINE: Sie beraten seit fast 20 Jahren Paare in Krisen. Reden junge Frauen und Männer heute offener über Sex?

Sydow: Tendenziell sind ältere Paare eher zurückhaltend und jüngere Paare etwas aufgeschlossener. Aber auch dort erlebe ich viel Schweigen und Scheu. Was zugenommen hat, ist der sexuelle Leistungsdruck. Gerade Frauen wollen schön und schlank sein und glauben, sechs Wochen nach der Geburt ihres Kindes müssten sie wieder eine Bikinifigur haben. Und Sex natürlich auch. Das ist aber nicht realistisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, "dauerhafte Sicherheit und häufiger, guter Sex schließen sich aus". Beides zusammen kann nicht gelingen?

Sydow: Was ich gemeint habe, ist, dass man nicht immer beides haben wird. Im Laufe einer langen Beziehung kann man guten, auch leidenschaftlichen Sex haben und ebenso Geborgenheit finden. Das hängt auch von den Beteiligten ab. Wer erwartet, in einer längeren Partnerschaft ständig sexuelle Erfüllung zu finden, erzeugt eher Unglück. Es ist aber nicht immer alles permanent prickelnd. Im besten Fall gibt es nach Phasen von Alltagssex immer mal wieder leidenschaftlichere Zeiten. Wer 50 Jahre verheiratet ist, hat weniger Sex als zwei, die sich erst seit fünf Tagen kennen. Das ist der Lauf der Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Viele Paare trennen sich heutzutage nach vier, fünf Jahren Beziehung, auch das geht aus der Studie hervor. Ist das die Lösung für immerzu aufregenden Sex: serielle Monogamie?

Sydow: Das muss jeder für sich entscheiden. Natürlich ist Neues oft reizvoll - aber neben erotischer Erfüllung sehnen sich Menschen auch nach Bindung, danach, sich beim Partner geborgen und verstanden zu fühlen. Das hält uns sogar gesund. Männer etwa, die verheiratet sind, haben eine längere Lebenserwartung. Sich in einer Beziehung erotisch weiterzuentwickeln, erfordert hingegen Mut: Am Anfang einer Beziehung oder bei One-Night-Stands wagen viele noch mehr. Später ist es riskanter zu sagen, was man will: Man könnte den Partner damit schließlich entsetzen, gar verscheuchen.