Hepatitis-Pille Sovaldi "Ärzte der Welt" geht gegen Patent vor

Das Netzwerk "Ärzte der Welt" hat Einspruch gegen das Patent für das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi eingelegt. Es ist das erste Mal in Europa, dass dieser Weg gewählt wird. Für Millionen von Patienten soll ein gerechterer Preis erzielt werden.
Wertvoller als Gold: Eine Sovaldi-Tablette kostet aktuell 700 Euro

Wertvoller als Gold: Eine Sovaldi-Tablette kostet aktuell 700 Euro

Foto: Uncredited/ AP/dpa

München - Der Streit um das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi erreicht einen neuen Höhepunkt. Das Netzwerk "Ärzte der Welt" hat vor dem Europäischen Patentamt Einspruch gegen das Patent eingelegt, das Hersteller Gilead dort bekommen hat. Dadurch will die Gruppe erreichen, dass andere Hersteller günstigere Kopien des Mittels, sogenannte Generika, herstellen können.

Sovaldi ist seit 2014 in Deutschland auf dem Markt. Erstmals können viele Hepatitis-C-Patienten mit Sovaldi wieder gesund werden  - das Wundermittel hat allerdings auch seinen Preis: Derzeit verlangt Hersteller Gilead pro Pille 700 Euro, über 24 Wochen kommen 100.000 Euro zusammen. Weil Sovaldi mit weiteren Medikamenten kombiniert werden muss, kann eine 24-Wochen-Therapie schnell bis zu 200.000 Euro kosten. Damit sei Sovaldi wertvoller als Gold - und zu teuer, sagen die Krankenkassen.

Sie befürchten für Deutschland Milliardenkosten. Mit einigen Versicherern hat Gilead mittlerweile Rabattverträge geschlossen, darunter die AOK Rheinland/Hamburg, die AOK Niedersachsen, die Techniker Krankenkasse und die Barmer GEK. Zu welchen Konditionen die Verträge zustande kamen, ist nicht bekannt. Für eine langfristige Lösung für Deutschland verhandelt aktuell der Spitzenverband der Deutschen Krankenkassen mit dem US-Unternehmen Gilead. Bis zum 17. April haben die beiden Parteien Zeit, sich zu einigen.

Widerspruch einmalig

Die Preispolitik von Gilead steht in vielen Ländern in der Kritik, in Frankeich, Spanien oder England wird das Mittel nur rationiert abgegeben, auch in der Schweiz bekommen Patienten nur in besonders schweren Fällen Sovaldi.

Es ist das erste Mal in Europa, dass eine medizinische Nicht-Regierungs-Organisation Einspruch gegen ein Patent auf ein Arzneimittel einlegt, sagt Ute Zurmühl, Sprecherin des Ärzte-Netzwerks. Man wolle dazu beitragen, den Zugang zu dem Arzneimittel für alle Patienten zu verbessern. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind schätzungsweise zwischen 130 und 150 Millionen Menschen weltweit chronische Träger des Hepatitis C-Virus. Innerhalb der EU sind zwischen 7,3 und 8,8 Millionen Menschen mit Hepatitis C infiziert.

In ihrem Widerspruch argumentieren das Netzwerk, das Sofosbuvir, der Wirkstoff der Pille, nur eine Weiterentwicklung eines schon bestehenden Moleküls sei und im Vergleich nicht so viel Neuerungen mit sich bringe.

Ernsthafte Prüfung

Der Einspruch von "Ärzte der Welt" werde jetzt durch ein Expertengremium des Patentamts geprüft, sagt Rainer Osterwalder, Sprecher des Europäischen Patentamts. Dann werde es wahrscheinlich eine öffentliche Anhörung geben. Von einem nur symbolischen Vorgang sei dies weit entfernt. Geprüft werde allerdings nicht der Preis des Medikaments, sondern die Frage, ob die Entwicklung zu Recht ein Patent erhalten habe.

Solche Einsprüche wurden in der Vergangenheit bereits von Organisationen zum Beispiel in Brasilien, USA oder Ägypten genutzt, um bereits erteilte Patente aufzuheben, erklärt Zurmühl von "Ärzte der Welt". Die Herstellung von kostengünstigeren Generika konnte ermöglicht, Behandlungskosten deutlich gesenkt werden.

Vor zwei Wochen hatte Indien überraschend den Patentantrag von Gilead abgelehnt. Die Argumentation war die, auf die nun auch "Ärzte der Welt" setzt: Der Wirkstoff Sofosbuvir, auf dem Sovaldi basiert, sei "im Vergleich zu bereits bekannten Molekülen nicht innovativ genug", hatte das Patentamt in Mumbai erklärt. Mit dieser Entscheidung steht es indischen Generikaherstellern frei, das Arzneimittel Sovaldi wirkstoffgleich nachzubauen, sie können es dann in Indien zu deutlich günstigeren Preisen anbieten.

Hepatitis C ist eine chronische Krankheit. Auf lange Sicht führt sie bei vielen Erkrankten zu schweren Leberschäden, Leberzirrhose oder Leberkrebs. In Deutschland sind rund 500.000 Menschen an Hepatitis C erkrankt. Bisherige Medikamente halfen nur einer Minderheit. Wegen ihrer starken Nebenwirkungen berüchtigt ist die Wirkstoffkombi Interferon und Ribavirin (siehe Kasten). Die Behandlung führt oft zu Depressionen, raubt den Schlaf und schädigt den Magen.