Spanische Grippe Forscher finden Erklärung für verheerende Pandemie

50 Millionen Menschen tötete die Spanische Grippe von 1918 bis 1920. Forscher haben nun eine Erklärung für den verheerenden Verlauf gefunden: Ausgerechnet jungen Erwachsenen fehlte demnach die Immunität gegen das Virus.
Grippe-Patienten in Fort Riley, Kansas (1918): Überfordertes Immunsystem

Grippe-Patienten in Fort Riley, Kansas (1918): Überfordertes Immunsystem

Foto: National Museum of Health/ AP

Tucson - Seit Jahrzehnten rätseln Wissenschaftler über die Ursache der ungewöhnlich heftigen Spanischen Grippe. Bei der Grippe-Pandemie starben von 1918 bis 1920 etwa 50 Millionen Menschen. Auffällig daran war nicht nur die hohe Zahl der Todesopfer, sondern auch der Umstand, dass Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren - vor allem von 25 bis 29 Jahren - besonders empfindlich reagierten. Gewöhnlich setzen Influenza-A-Viren Kindern und alten Menschen heftig zu.

"Seit der großen Grippe-Pandemie von 1918 blieb es ein Mysterium, wo das Virus herkam, warum es so heftig war und vor allem, warum es junge Erwachsene in der Blüte ihres Lebens tötete", sagt der Evolutionsbiologe Worobey von der University of Arizona in Tucson. Sein Team glaubt, das Rätsel der Spanischen Grippe nun gelöst zu haben. Der Verlauf und die Schwere von Grippeepidemien hänge entscheidend davon ab, mit welchen Erregervarianten Menschen in der Kindheit in Kontakt gekommen sind, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Akademy of Sciences" .

Die Forscher rekonstruierten anhand der Mutationsraten die Entwicklung des damaligen H1N1-Erregers, ebenso von H1N1-Linien folgender Jahrzehnte sowie der H1N1-Schweinegrippe von 2009/2010. Aus der Analyse leiten sie ab, dass der Verursacher der Spanischen Grippe kurz vor 1918 aus Teilen eines Vogelgrippe-Virus und einer menschlichen H1-Variante entstand, die seit etwa 10 bis 15 Jahren unter Menschen zirkulierte.

Immunsystem nicht auf H1N1 vorbereitet

"Das klingt wie ein kleines Detail, aber es ist vielleicht das fehlende Mosaiksteinchen", sagt Worobey. Das Ergebnis der Forscher könnte erklären, warum ausgerechnet junge Erwachsene der Grippewelle zum Opfer fielen. Diese Altersgruppe, so Worobey, kam - im Gegensatz zu Älteren und Jüngeren - in jungen Jahren kaum in Kontakt mit einer H1-Influenza. Stattdessen wurde ihr Immunsystem vor allem mit der Variante H3N8 konfrontiert, die wenig mit H1N1 gemein hat.

"Ein Mensch mit einem Antikörper-Arsenal gegen das Protein H3 schneidet nicht so gut ab, wenn er auf Grippeviren mit dem Protein H1N1 trifft", erläutert Worobey. Demnach wirkte sich die Spanische Grippe nicht deshalb so verheerend aus, weil das Virus so aggressiv war, sondern weil das Immunsystem vieler Menschen darauf kaum eingestellt war. Dazu passt die Tatsache, dass die meisten Opfer nicht an der Grippe starben, sondern an begleitenden bakteriellen Infektionen, vor allem Lungenentzündungen.

Frühere Immunität entscheidend

Dieser Zusammenhang erklärt demnach auch in jüngerer Zeit die Ausbreitung der Grippevarianten H5N1, der auffällig viele junge Menschen zum Opfer fielen, und H7N9, die älteren Menschen sehr zusetzte. In beiden Fällen seien die Immunsysteme dieser Altersgruppen während ihrer jeweiligen Jugend auf andere Grippestämme geprägt worden - ähnlich wie die jener Opfer, die 1918 zwischen 20 und 30 Jahre alt waren. "Der entscheidende Faktor scheint frühere Immunität zu sein", betont Worobey.

Daraus leiten die Forscher Ratschläge zum Schutz vor künftigen Grippewellen ab. Die Zusammensetzung der Impfstoffe solle berücksichtigen, mit welchen Erregervarianten bestimmte Generationen in Kontakt kamen. Das entscheide maßgeblich über die Ausdehnung von Grippewellen, schreiben sie. "Impfstrategien, die den anscheinend mächtigen Lebenszeit-Schutz eines Kontakts in der frühen Kindheit nachahmen, könnten die Sterblichkeit sowohl durch saisonale als auch durch neue Stämme drastisch senken."

hda/dpa
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