SPD-Experte Lauterbach "Die Risiken der Pillen sind erheblich"

Vitaminpillen nutzen nichts, manchmal schaden sie sogar. Karl W. Lauterbach fordert im SPIEGEL-Interview ein Ende des Hypes. Er selbst war schockiert, als er zum ersten Mal von den negativen Effekten erfuhr.
Medikamente: Vitaminpillen nutzen nichts

Medikamente: Vitaminpillen nutzen nichts

Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: Während Ihres Studiums in Harvard liefen dort die großen Vitaminstudien. Das war in den achtziger Jahren. Glaubten auch Sie damals noch an die Nützlichkeit der Vitaminpillen?

Lauterbach: Absolut, die führenden Wissenschaftler in der vorbeugenden Medizin in Harvard hatten damals Vitaminpillen geschluckt. Ich selbst habe Vitamin E genommen, andere nahmen Vitamin C in hohen Dosen, wir dachten, die antioxidative Wirkung der Vitaminpräparate beugt Krebs vor.

SPIEGEL ONLINE: Spätestens nach den Studien 1994 und 1996 war aber klar, dass die Einnahme von Vitaminpillen zumindest Rauchern mehr schadet als nützt.

Lauterbach: Das Ergebnis war ein Schock für uns! Aber seither weisen alle hochwertigen Studien in die gleiche Richtung: Vitaminpräparate nutzen nichts, manchmal schaden sie sogar. Einzig Folsäure hat bei Frauen mit Kinderwunsch einen positiven Effekt, weil damit die Zahl der Neuronaldefekte bei Babys sinkt.

SPIEGEL ONLINE: Erst vergangene Woche hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zu Vitamin-D-Präparaten geraten und die Referenzwerte hochgesetzt.

Lauterbach: Ich glaube, das wird der letzte Vitaminhype sein. Die Studienlage zu Vitamin D ist nicht besonders gut, und die wenigen Studien, die es gibt, kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Es würde mich aber nicht wundern, wenn sich auch bei Vitamin D herausstellen würde, dass es in Pillenform nichts bringt.

SPIEGEL ONLINE: Selbst Ärzte und Apotheker empfehlen häufig Vitaminpillen.

Lauterbach: Das Nicht-Wissen bei Ärzten und Apothekern schockiert mich immer wieder. Ergebnisse aus der Wissenschaft kommen oft erst mit jahrelanger Verspätung bei den Praktikern an. Ich treffe immer wieder auf Ärzte, die selbst noch Vitamin-E-Pillen schlucken, um Prostatakrebs vorzubeugen. Ein Wahnsinn!

SPIEGEL ONLINE: Auch die meisten Menschen scheinen vom Schadenspotential der Vitaminpillen bisher kaum etwas mitbekommen zu haben. Der Glaube an die Präparate ist ungebrochen.

Lauterbach: Was Deutschland angeht, stimmt das. Wenn ich in meinem Viertel in Berlin Prenzlauer Berg einkaufen gehe, staune ich immer wieder über die langen Supermarktregale voll hochdosierter Vitaminpräparate. Man müsste die Menschen davor warnen, diese Produkte zu schlucken, ich selbst habe das schon vor zwei Jahren in einem Buch gemacht, aber der Glaube an die Präparate lebt hartnäckig weiter. In den USA ist die Situation zum Teil schon anders: Meine Kollegen von der Harvard Medical School berichten mir, dass vor allem der Konsum von Vitamin A, C, E und Betacarotin stark zurückgeht. Aber wie gesagt: Das gilt nicht für Europa und Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wissen die Menschen überhaupt Bescheid über die Risiken, die mit den Vitaminpillen verbunden sind?

Lauterbach: Nein, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung müsste viel deutlicher warnen. Das ist kein kleines Thema, denn die Risiken für die Bevölkerung sind erheblich, ich erwarte zum Beispiel, dass zumindest die Hausärzte über die wichtigen Erkenntnisse informiert werden. Gesundheitsminister Bahr hat bei seinem Amtsantritt ja angekündigt, sich als Vorsorgeminister zu profilieren. Wenn er das ernst meint, sollte der zumindest vor Präparaten warnen, die gefährlich sind, das ist das Mindeste, das man von einem Minister erwarten kann, der in seinem Amtseid geschworen hat, Schaden vom deutschen Volk zu abzuwenden.

SPIEGEL ONLINE: Die Apotheker wären wohl nicht erfreut über eine solche Warnung, sie machen mit Vitaminpräparaten hunderte Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Lauterbach: Der Minister sollte aber nicht mit Rücksicht auf eine kleine Lobbygruppe, die der FDP nahesteht, der Bevölkerung Risiken zumuten, die vermeidbar wären. Aber die Vitaminpräparateindustrie arbeitet so gewinnträchtig wie die Zigarettenindustrie: die Produkte herzustellen kostet fast nichts, dennoch kann man sie für zehn, zwanzig und noch mehr Euro in der Apotheke verkaufen.

Das Interview führte Markus Grill