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Auf dem Sonnenweg: Forschungsministerium adelt Quacksalber

Foto: Nicola Kuhrt

Auftritt von Staatssekretär Liebe Quacksalber, liebe Quacksalberinnen!

Der Kongress des Sonnenweg-Vereins in Jülich versprach Informationen über ganzheitliche Krebstherapien. Tatsächlich fanden auch Scharlatane ein Forum. Peinlich: Die Eröffnungsrede hielt ein Staatssekretär des Forschungsministers.
Von Nicola Kuhrt und Silvio Duwe

Jülich - Sie hatte Brustkrebs und hat die Krankheit überlebt. Deshalb hat Helga Maschke den Verein Sonnenweg gegründet - um ihre Erfahrungen weiterzugeben. Heute veranstaltet die 78-Jährige sogar einen Kongress zu dem großen Thema ihres Lebens. Es geht ihr darum, Krebsbetroffene "in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen" und "Menschen wieder als Ganzes wahrzunehmen".

An diesem Wochenende im Oktober will sie in Jülich Informationen zur "Ganzheitlichen Therapie bei Krebs" vermitteln. Auf einer kleinen Messe, in Seminaren, Vorträgen und gemeinsamen Singstunden. Besonders stolz ist Maschke, dass sogar ein Parlamentarischer Staatssekretär des Forschungsministeriums gekommen ist: Thomas Rachel. Der Christdemokrat hat seinen Wahlkreis in Düren. Selbstredend spricht er begrüßende Worte an die Anwesenden im Jülicher Technologiezentrum. Dabei lobt er die Forschungsaktivitäten zur Krebstherapie seines Hauses, die "seit vielen Jahren ein wichtiger Schwerpunkt" seien.

Schade, dass dem hohen Besuch aus Berlin nicht aufgefallen ist, in welche Gesellschaft er sich da begeben hat - denn vieles, was auf dem Sonnenweg-Kongress vorgestellt wird, lässt eine wissenschaftliche Grundlage vermissen. Zwischen Sonnenblumen-Deko und Verkaufsständen für Stutenmilch, Weihrauchkapseln und Smog-Stoppern trifft hier Schulmedizin auf komplementäre Methoden - dabei dominieren freilich die Akteure aus der Grauzone.

Wenig objektiv, nicht ausgewogen

Als Kooperationspartner des Jülicher Sonnenweg-Vereins agiert ganz offiziell die "Gesellschaft für biologische Krebsabwehr" (GfBK), die seitens der Deutschen Krebsgesellschaft sehr kritisch bewertet wird. Die GfBK werde in der Beratung von Patienten mit Tumorerkrankungen in Bezug auf Verfahren der Komplementär- und Alternativmedizin sehr stark wahrgenommen, sagt Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG).

Aber entgegen dem Anspruch, Patienten in ihrer autonomen Entscheidung zu unterstützen - wofür eine objektive und ausgewogene Darstellung der Sachverhalte erforderlich wäre - werden Methoden der konventionellen Medizin als wenig effektiv, aber nebenwirkungsreich beschrieben. "Dagegen werden Methoden der unkonventionellen Therapie positiv dargestellt", sagt Hübner.

Mehrfach seien durch die GfBK Empfehlungen entgegen den geltenden Leitlinien und Empfehlungen der Fachgesellschaften ausgesprochen worden. "Das erschwert den Dialog zwischen Krebsmediziner und Patient und kann zu einem Verzicht auf oder einer Verzögerung von sinnvollen Therapiemaßnahmen führen", sagt Hübner. Sie vermisst eine klare Abgrenzung zwischen sinnvollen, evidenzbasierten Methoden und der alternativen Medizin."

Pseudowissenschaftliches Machwerk

Zu den Ausstellern auf dem Sonnenweg-Kongress gehört auch die Klinik "Im Leben" aus Greiz. Farbenfrohe Broschüren aus hochwertigem Papier warten am Infostand auf Interessenten. Der Slogan ist "liebenswürdig : lebenswert". Das Haus wird als "Erste Klinik für Biologische Medizin in Deutschland" präsentiert, sogar mit Tüv-Siegel. Was Vertrauen schafft, ist in Wahrheit eine ISO 9001-Zertifizerung für Kundenfreundlichkeit - über die medizinische Qualität der Therapien sagt dies nichts aus.

Der klinikeigene "Fachverlag" wird auf der Internetseite des Sonnenweg e.V. ausdrücklich als lesenswert empfohlen. Ein einziges Buch bietet der "Fachverlag im Leben" derzeit an: "Biologische Krebsbehandlung heute", geschrieben von Klinikchef Uwe Reuter und seinem Kollegen Ralf Oettmeier. Ein pseudowissenschaftliches Machwerk, das gefährliche und teils verbotene Behandlunen anpreist. Methoden, die die beiden Autoren laut eigener Aussage allesamt "sorgfältig geprüft bzw. praktisch angewandt" haben. Zu ihrer eigenen Sicherheit weisen die Autoren in einem "Hinweis zur Rechtslage" darauf hin, dass "die im Buch beschriebenen Methoden" bei schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen "eine Behandlung durch Ärzte oder Heilpraktiker nicht ersetzen" können.


So empfiehlt Klinikchef Reuter in seinem Buch die Einnahme von Aprikosenkernen als biologische Tumorhemmer. Deren Wirksamkeit sei durch die Grundlagenforschung belegt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) widerspricht dem deutlich . Es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Aprikosenkerne gegen Krebs helfen, schreibt das BfR in einer Stellungnahme. Statt Heilung drohen Nebenwirkungen wie Krämpfe, Erbrechen oder sogar tödliche Atemlähmung, denn im Darm entsteht bei der Verdauung der Aprikosenkerne giftige Blausäure. Trotzdem wird in dem Buch ein Fallbeispiel beschrieben, in dem ein Mann unter anderem durch die tägliche Einnahme von 60 Aprikosenkernen geheilt worden sein soll - die unbedenkliche Dosis liegt laut BfR bei maximal zwei pro Tag.

Patient in der Falle

Ein weiterer "biologischer Tumorhemmstoff", auf den die Autoren hinweisen, ist Ukrain. Das Mittel sei "für alle Krebsarten geeignet" und bewirke den selektiven Zelltod am Tumor, heißt es in dem Buch. Ukrain wird vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als "bedenkliches Arzneimittel" eingestuft. Es darf daher in Deutschland nicht verkauft oder bei Patienten angewendet werden, auch der Import ist verboten.

Wirksame Therapien wie Operationen oder Chemotherapie werden dem Buch zufolge durch diese angeblichen Wundermittel zunehmend zu verzichtbaren "Reserveverfahren".

Thomas Rachel will von alledem nichts wissen. Auf Nachfragen von SPIEGEL ONLINE, warum er sich für den Sonnenweg-Verein engagiert habe, geht er nicht weiter ein. Der Pressesprecher des Forschungsministeriums schreibt: Herr Rachel habe schließlich über Forschungsförderung im Schwerpunkt der konventionellen Krebsforschung gesprochen. Und: Er habe auf den Krebsinformationsdienst beim Deutschen Krebsforschungszentrum hingewiesen, der fachkundige Beratung für alle Betroffenen anbietet. Ob das geholfen hat?

Helga Maschke erklärt schriftlich, der Sonnenweg-Kongress sei ein Informationsangebot, aus dem sich jeder Betroffene oder Interessierte das auswählen könne, was ihn überzeugt und ihm für seine Gesundheit am besten geeignet erscheint. "Wir dienen den Menschen, die unserer Hilfe bedürfen, wir sind kein Sprachrohr von Lehrmeinungen einer Lobby oder einer Interessenvertretung."

Dass der Sonnenweg-Verein das "Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e.V." zu seinen Partnern zählt, wirkt in diesem Zusammenhang wie ein bitterböser Zynismus.

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