Heimliche Aufnahmen Tierquälerei im Versuchslabor - Staatsanwaltschaft ermittelt

Erschreckende Zustände in einem privaten Tierversuchslabor in Norddeutschland: Ein Aktivist hatte dort undercover gearbeitet und gefilmt, wie Tiere misshandelt wurden. Nach SPIEGEL-Informationen war das Unternehmen bereits einschlägig bekannt.

Ein Tierschützer hatte sich als Mitarbeiter in das Versuchslabor eingeschlichen und die Aufnahmen gemacht
SOKO Tierschutz e.V./SOKO Tierschutz/crueltyfree int/ obs

Ein Tierschützer hatte sich als Mitarbeiter in das Versuchslabor eingeschlichen und die Aufnahmen gemacht


Die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt gegen ein privates Labor für Tierversuche, nachdem Tierschützer heimlich aufgezeichnete Bilder und Videos aus dem Labor veröffentlicht hatten.

Ein Mitarbeiter der Organisation "Soko Tierschutz" hatte monatelang beim Laboratory of Pharmacology and Toxicology (LPT) in Neu Wulmstorf bei Hamburg gearbeitet und die Tierversuche dokumentiert. Zuerst hatten "Süddeutsche Zeitung" und das ARD-Magazin "Fakt" darüber berichtet.

Die Tierschützer werfen LPT unter anderem vor, die Tiere in zu kleinen Käfigen gehalten und sich selbst überlassen zu haben. Laut "Fakt" beauftragen Pharma- und Chemiefirmen weltweit das Versuchstierlabor, unter anderem, um gesetzlich vorgeschriebene Giftigkeitsprüfungen für Chemikalien durchzuführen. Das LPT gilt demnach als eines der größten privaten Labore Deutschlands. Rund 175 Mitarbeiter arbeiten dort.

"Nicht ausreichend, um Affen zu halten"

Die Staatsanwaltschaft hat nach Bekanntwerden der Vorwürfe ein Verfahren wegen Tierquälerei eingeleitet. Laut einer ersten Überprüfung der Anlage waren mindestens 44 Langschwanz-Makaken in zu kleinen Käfigen untergebracht, berichtet die "Bild" unter Berufung auf den Landkreis Harburg.

Zudem waren den Informationen zufolge einige der Tiere gerade nicht in Versuche eingebunden und hätten deshalb eigentlich mit mehreren Artgenossen in größeren Käfigen gehalten werden müssen. Bei insgesamt neun vorherigen Kontrollen seit dem Jahr 2015 waren keine Verstöße dokumentiert worden.

Gegenüber dem SPIEGEL berichten Experten, das Labor habe in der Branche seit Jahren einen schlechten Ruf und sei für seine Intransparenz bekannt.

Affe bei einem Tierversuch
SOKO Tierschutz e.V./ SOKO Tierschutz/ crueltyfree int/ obs

Affe bei einem Tierversuch

"Nach meinem Eindruck haben wir hier Käfige in der Größe von einem Kubikmeter und das ist nicht ausreichend, um Affen dort dauerhaft zu halten", sagte Thorsten Völker vom Veterinärdienst des Landkreises Harburg, der die Aufnahmen für "Fakt" analysiert hat. "Das bedeutet, dass wir es hier mit einem Rechtsverstoß zu tun haben."

LPT streitet Vorwürfe ab

Laut dem Bericht soll ein Affe zudem in einem laufenden Versuch verstorben und ohne entsprechende Dokumentation durch ein anderes, älteres Tier ausgetauscht worden sein. Die Ergebnisse der Versuchsreihe wären dann unbrauchbar. Den Behörden wurde der Tausch der Tiere nicht mitgeteilt, berichtet "Fakt" unter Berufung auf das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

Die Bilder zeigen außerdem Hunde, die offenbar verletzt neben Blutspuren in ihren Käfigen sitzen oder liegen.

Die LPT stritt die Vorwürfe gegenüber "Fakt" ab. Weitere Erklärungen lieferte die Firma laut dem Bericht nicht. Auch eine Anfrage des SPIEGEL blieb zunächst unbeantwortet.

"Es ist immer schwierig, Bilder von Tierversuchen zu bewerten, wenn man den Kontext nicht kennt", erklärte ein Sprecher der Initiative "Tierversuche verstehen", die es sich zum Ziel gesetzt hat, aus der Forscherperspektive über Tierversuche aufzuklären. "Einige Bilder sind aber schon irritierend."

"Nicht nach höchsten Standards gearbeitet"

Fest stehe, dass verletzte Tiere nicht sich selbst überlassen werden dürften. "Wenn ein Versuchstier krank oder verletzt ist, muss es so schnell wie möglich versorgt werden", heißt es von "Tierversuche verstehen". Einige Bilder erweckten zumindest den Eindruck, dass in dem Labor nicht nach höchsten Standards gearbeitet werde. Das verringere die Toleranz der Bevölkerung für Tierversuche im Allgemeinen. Inwiefern in dem Labor gegen den Tierschutz verstoßen wurde, müsse letztlich aber die Staatsanwaltschaft klären.

Die EU-Kommission hatte im Sommer 2018 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil die EU-Vorgaben für Tierversuche aus Brüsseler Sicht unzureichend im nationalen Gesetz verankert sind. Demnach reichen beispielsweise die Regelungen nicht aus, die bestimmen, welche Kenntnisse die Person haben muss, die die Versuche durchführt.

Die Regierung hat angekündigt, nachbessern zu wollen. Was genau sich dann ändern wird, ist noch unklar. Nach deutschem Recht dürfen bereits jetzt nur speziell ausgebildete Fachkräfte Tierversuche durchführen. Die Versuche müssen vorher ausführlich erläutert und begründet werden. (Den Erfahrungsbericht eines Wissenschaftlers über Tierversuche lesen Sie hier.)

Zuletzt wurden 740.000 Tiere in Deutschland für wissenschaftliche Zwecke getötet. Weitere gut zwei Millionen wurden in Tierversuchen eingesetzt. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2017. Neuere Daten liegen bislang nicht vor. Seit 2014 ist die Zahl der Tiere, die in wissenschaftlichen Untersuchungen eingesetzt und für die Wissenschaft getötet wurden von 3,3 Millionen auf zuletzt 2,8 Millionen gesunken. Vergleiche mit früheren Jahren sind nicht möglich, da zwischenzeitlich die Zählweise geändert wurde.

jme/koe

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